Welt : Mediasch: Streifzüge durchs wüste Land

Rolf Spinnler

seit jahren stand ich vor dem vergitterten fenster / beobachtend wie ich heranwuchs in öl / und leimgeruch zwischen fixen altersgenossen / und grüngestrichenen kellerwänden. / ! jedoch geht der krug nicht ewig / zum brunnen vor dem tore! / an einem solchen abend / durchsägte ich die wurzeln meines stammbaums / vereinigte mich mit dem schatten / der aus dem rahmen fiel / und verließ diese jahreszeit ...

gruppenbild mit heimat heißt der Gedichtzyklus, in dem diese Verse stehen. Sie beschreiben einen Bruch: zwischen einer in archaischen Traditionen erstarrten kleinstädtischen Idylle und einem, der nicht mehr dazu gehört, ohne sich doch ganz davon lösen zu können. Die Kleinstadt heißt Mediasch, hat 70 000 Einwohner und liegt in Siebenbürgen/Rumänien. Die Idylle wird evoziert durch das Volksliedzitat des "Am Brunnen vor dem Tore" und weitere pittoreske Details wie dem geigenden blinden Zigeuner oder den schönheiten / welche sich hinter dorftoren verbargen. Doch das lyrische Ich, das in diesen Gedichten spricht, weiß um seine Distanz zu seiner Herkunftswelt: wir ermangeln des gemeinsamen wortschatzes / unsere mißverständnisse mitzuteilen. Sein Sprechen treibt vielmehr immer tiefer den keil der sprache / ins gespaltene bewußtsein. Der Dichter fühlt sich eingesperrt in dieser provinzquarantäne / dieser phimose des alltags.

Als dieses lyrische Selbstporträt im Gedichtband "Ein Morgen im Eisberg" 1990 im Frankfurter dipa-Verlag erschien, lebte sein Autor Klaus F. Schneider schon nicht mehr im siebenbürgischen Mediasch, wo er 1958 geboren wurde. Er war 1987 als "Spätaussiedler" nach Westdeutschland gekommen und wohnt heute in Stuttgart. Die Texte seine Buchdebüts waren allerdings zum größten Teil noch in Rumänien entstanden und dort auch zwischen 1979 und 1986 in Literaturzeitschriften publiziert worden. Schneider war während seines Studiums an der Universität Klausenburg Redakteur bei der Zeitschrift "echinox", die 1968 als dreisprachiges Forum für die rumänische, ungarische und deutsche Literatur des Landes gegründet wurde. Er hat diese Zeit an der Universität, wo er von 1978 bis 1982 deutsche und rumänische Literatur studierte, als Befreiung aus de provinziellen Enge seiner Heimatstadt und der ethnozentrischen Abkapselung der rumäniendeutschen Minderheit empfunden.

Der hier im Westen zumeist aus Unkenntnis verklärte "Multikulturalismus" in den Ländern Ostmitteleuropa sah in der Praxis so aus, dass die verschiedenen Bevölkerungsgruppen nebeneinander her lebten und sich ihre Kontakte im Alltag auf das Allernotwendigste beschränkten. In der Schule gab es getrennte Klassen für Rumänen, Ungarn und Deutsche, erzählt Schneider; er und die ungarischen oder rumänischen Nachbarskinder hätten sich zu Geburtstagen oder ähnlichen Festen nie gegenseitig eingeladen. Man heiratete innerhalb der eigenen Gruppe; eine Ehe mit einer Ungarin war für einen Rumäniendeutschen gerade noch tolerabel, eine rumänische Schwiegertochter galt als Katastrophe.

Das kosmopolitische Klima im akademischen Milieu Klausenburgs hat den jungen Literaturstudenten also beflügelt und zu eigenen literarischen Versuchen inspiriert. Seine Vorbilder in der Lyrik seien zunächst Günter Eich, Ingeborg Bachmann und Hans Magnus Enzensberger gewesen, erinnert sich Schneder; später kamen Rolf Dieter Brinkmann, Nicolas Born und die "neue Innerlichkeit" der siebziger Jahre hinzu. Man spürt diese Einflüsse noch deutlich in den autobiografisch getönten Gedichten aus Schneiders Debütband mit ihren rhapsodisch-erzählenden Duktus.

Doch was sollte nach dem Studium kommen? Die Achtundsechziger, die es auch in Rumänien gab, hatten alle interessanten Jobs bei Verlagen und Zeitschriften bereits für sich requiriert. Die nachfolgende Generation ging leer aus. Schneider blieb nur noch der Lehrerberuf; und weil man bei der Stellenvergabe im Vorteil war, wenn man eine Wohnung nachweisen konnte, hatte er keine andere Wahl, als in seine Heimatstadt und sein Elternhaus zurückzukehren. Das war der Rückfall in die privinzquarantäne. Hinzu kam, dass sich schon an der Uni die Securitate bei Schneider gemeldet hatte: ob er nicht als Informant für sie arbeiten wolle, Er wollte nicht. Ein jahrelanger Zermürbungskrieg begann, bis der Autor schließlich in die Ausreise einwilligte.

Mit dem Blick einer Kamera

Aus der engen Provinz in die weite Provinz - so beschreibt Klaus Schneider heute seinen Wechsel vom rumänischen Mediasch in schwäbische Stuttgart. Das Gefühl des Fremdseins ist nicht verschwunden - eher das Gegenteil ist der Fall. Der "Poet aus Transsylvanien" richtet seinen Blick, den er in der Auseinandersetzung mit dem eigenen Herkunftsmilieu geschärft hat, jetzt auf den Lebensstil im kapitalistischen Westen. "Eine Kunstpartie", Schneiders neuer Gedichtband, den der junge Ithaka Verlag in Stuttgart herausgebracht hat, lädt zu einer Reise durch das Deutschland der neunziger Jahre ein. Der Tonfall der Gedichte ist knapper, kondensierter geworden; das Innenleben des Dichters tritt zurück zugunsten eines gleichsam fotografischen Blicks; die Genreszenen sind verwackelten Polaroids gewichen. Wo vorher die Bruchlinie zwischen dem Dichter als Außenseiter und seiner scheinbar intakten Umgebung verlaufen war, werden jetzt die Risse, Verwerfungen und Lebenslügen registriert, die dem bürgerlichen Alltag eingeschrieben sind.

Die literarische Technik der Collage, die ansatzweise schon in "Ein Morgen im Eisberg" erkennbar war, ist in Schneiders neuen Texten zum herrschenden Stilprinzip geworden. Da stehen dann Klassikerzitate und Stilparodien neben Wortspielen, Kalauern, Sprechblasen du dem Jargon der Szenekids.

United colors hat der Autor in seinem Buch eine Serie von Gedichten überschrieben, und man kann diesen Titel durchaus als poetologisches Programm lesen. Freilich ist damit keine fröhliche Multikultiidylle wie in der Benetton-Werbung gemeint. Dahinter verbirgt sich vielmehr eine Kultur- und Mentalitätskritik, die die "stilistische Promiskuität" der Collage für das einzige poetische Verfahren hält, das der geklonten Identität der im Warenfetischismus gefangenen Großstadtbewohner noch angemessen ist.

united colors der wichs- & mother /

fuckergilde handyringend vollgedüngt / mit mineral vitamin amphetamin / power pills & drinks diabolisch / bis zum menjou & alles drum & dran / noch anabolisch-lässig / schwären aus brillanten comisköpfen / die sprechgummiblasen & knallen ultra / violett bis broken / orange an die decke ...

Der böse Blick des Dichters verschont niemanden bei seinen Ausflügen in die bürgerliche Normalität. Die Jeunesse dorée in der Cocktailbar und die Raver auf der Love Parade, die wütigen bildungsschlemmer auf dem Toskanatrip, die Ökospießer in der Reihenhaussiedlung, die kraut / junker in der grillkolonie ihrer Schrebergärten oder die tätowierten seelen in der Eckkneipe - alle werden sie in sein Panoptikum der Charaktermasken eingereiht. Solche Kulturkritik ist derzeit nicht politisch korrekt, und Schneider setzt sich dem Worwurf aus, da kultiviere ein aus dem Osten Zugezogener seine Ressentiments gegenüber dem Kapitalismus. Und was soll man von der Figur des verarmten und verkannten Dachstubenpoeten halten, die wie in der romantischen Philistersatire bei Tieck, Brantano oder E.T.A.Hoffmann gegen die schnöde Gesellschaft in Stellung gebracht wird - eine Art Kapellmeister Kreisler, dem die Welt abhanden gekommen ist? Wir wollen nun dichten / statt fressen und ficken! - erinnern ein solcher Gedichtschluss und seine selbstverliebte Melancholie nicht deutlich an Benns Parole: Wo alles sich durch Glück beweist ..., dienst du dem Gegenglück, dem Geist?

Klaus Schneider sieht das nicht ganz so. Er meint, die Schlusspointen seiner Gedichte usurpierten keine elitäre Haltung des Darüberstehens wie bei Benn, sondern stellten eine Reaktion dar, zu der der Dichter eher unfreiwillig genötigt wurde. Die Rolle des Aussenseiters sei auch "schmerzhaft". Tatsächlich sind jene Gedichte Schneiders am gelungensten, wo er die Balance hält zwischen Satire und Elegie. Hier gleicht er Thomas Manns Tonio Kröger, der als Voyeur aufs bunte Treiben im Ballsall schaut und in einer Mischung aus Verachtung, Sehnsucht und keuscher Seligkeit von den Wonnen der Gewöhnlichkeit kostet. Schneiders Gedichte runden sich nicht zum stimmigen Kosmos des Wahren-Guten-Schönen. Doch wenn mit ungeschnittenen liedern / der ärgste monat / erinnern / und verlangen verquickt und einen lenz der stille hervorbringt, dann wird das tapfere Schneiderlein bei seinen Streifzügen durchs wüste Land belohnt mit den flüchtigen Augenblicken der Poesie.

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