Medizin-Skandal : Arzt implantierte Rinderknochen

Gegen den Willen seiner Patienten soll ein Medizinprofessor bei Operationen Rinder-Implantate verwendet haben. Die Justizbehörde ermittelt in rund 270 Fällen. Die Staatsanwaltschaft will Anklage erheben.

Marburg - Die Fälle von etwa 20 Patienten seien eindeutig: "Sie haben ausdrücklich gesagt, dass sie keine Rinderknochen-Implantate wollen", sagte Oberstaatsanwalt Hans-Joachim Wölk. Trotzdem seien die Präparate als Ersatz für Schrauben und Stifte aus Metall bei Knie- und Gelenksoperationen verwendet worden.

In diesen Fällen will die Staatsanwaltschaft zuerst Anklage erheben. Bei vielen anderen Patienten müssten aber zunächst Sachverständigen-Gutachten eingeholt werden, um zu klären, ob Folgeschäden, die bis zu Amputationen reichten, mit den Rinderimplantaten zusammenhängen.

Zwischen 1999 bis 2005 hat der damalige Leiter der Marburger Unfallchirurgie mit den strittigen Rinderknochenimplantaten gearbeitet. Laut Staatsanwaltschaft wurden viele Patienten nicht darüber aufgeklärt. Es seien Implantate mit abgelaufenem Verfallsdatum benutzt worden. Bei komplizierten Operationen soll der Mediziner die Präparate sogar selbst hergestellt haben. Eine Zulassung habe es dann natürlich nicht gegeben.

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Der Fall flog auf, weil ihn - vermutlich ein Mitarbeiter - anonym bei der Leitung des Klinikums anzeigte. Das Krankenhaus wandte sich daraufhin an die Staatsanwaltschaft. Im April 2005 wurde der Chefarzt suspendiert. Bis zum Erreichen seiner Altersgrenze Anfang 2007 wird sich daran auch nichts ändern: "Ziel der Universität ist es, dass er nicht zurückkommt, so lange die Vorwürfe nicht geklärt sind", erläuterte der Leiter des Personal-Dezernats, Volker Drothler. Vor Gericht werden die ersten Fälle aber erst ab 2007 verhandelt.

Die Staatsanwaltschaft vermutet, dass sich der Medizinprofessor mit den neuartigen Implantaten ein "Denkmal" setzen wollte. Schließlich sei die Idee faszinierend. Der Einsatz von Knochen anstelle von Metallteilen hat den Vorteil, dass keine zweite Operation zur Entfernung von Schrauben und Stiften nötig ist. "Wenn es keine Komplikationen gegeben hätte, wäre er in die Geschichte der Medizin eingegangen", sagte Wölk.

Schmerzen und steife Gelenke

Doch während die Stifte in vielen Fällen funktionierten, löste sich bei manchen Patienten das Implantat auf oder der Körper wehrte sich gegen das fremde Material. Die Betroffenen klagten über Schmerzen und steife Gelenke. Ein Bein musste sogar amputiert werden. In wie weit dies eine Folge der Rinderknochen ist, müssen indes erst die Sachverständigen klären.

Ein Patient hat das Klinikum jetzt auf Schmerzensgeld in Höhe von mindestens 10.000 Euro verklagt. Laut Rechtsanwalt Hans-Berndt Ziegler wollen noch ein Dutzend weitere Betroffene klagen. Der Fachanwalt für Medizinrecht ist sich sicher, dass es in diesen Fällen Schmerzensgeld geben wird, weil die Patienten nicht über die Rinderknochenimplantate aufgeklärt wurden: "Die Patienten wurden für dumm verkauft und im Dunkeln gehalten." (Von Gesa Coordes, ddp)

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