Welt : Mein Garten Eden: Armes, kleines Zittergras

Ursula Friedrich

Manchmal hat auch die leidenschaftliche Gärtnerin das Bedürfnis, fremd zu gehen. Ihr heimisches vertrautes Geviert zu verlassen und über Wiesen, auf Waldwegen zu spazieren, und "nichts zu suchen, das war mein Sinn", dichtete Goethe. Der übrigens auch viel Zeit in seinem Garten verbrachte.

Ich suche nichts, aber ich finde bei solchen Gelegenheiten etwas - nämlich einen anderen Blickwinkel, was das Unkraut betrifft, das ich daheim so eifrig bekämpfe. Komisch, hier draußen in der Freiheit ist es doch eigentlich gar nicht hässlich. Nicht einmal die Brennnessel, die jetzt gerade das schnurartige Gehänge ihrer Blüten entfaltet, stört mich. Schön, die Blüten sind nicht bunt, sondern bloß grün, aber irgendwie sehen sie, wie sie so an den kantigen Stängeln aufgefädelt sind, apart aus. "Urtica dioica" steht in dem Bestimmungsbuch, das ich manchmal mitnehme. Die Brennnessel ist eine der am häufigsten verbreiteten Wildpflanzen, man kann Spinat und Tee daraus machen und außerdem leben einige besonders schöne Schmetterlinge von ihnen. Als Raupen. Pfui. Ich mag im Garten keine Raupenfarm, das dann doch nicht.

Es blüht die Lichtnelke in Rot, Weiß und Rosa. Das gelbe Johanniskraut, von dem gesagt wird, dass es wie alle Heilpflanzen an strahlengefährdeten Stellen wächst. Ich pflücke den Geißbart, den großen Wiesenknopf, die lila Skabiose. Den Wiesenbocksbart bewundere ich nur, ich weiß aus Erfahrung, dass er in einer Vase sofort das Strahlengesicht hängen lässt. Die blaue Wegwarte auch. Übrigens finde ich die, seit die Bauern vorigen Sommer den Weg in ihre Felder geteert haben, nicht mehr. Sie braucht trockenen Schotter. Wie der blaue Natternknopf, der sich an einem kleinen Steinhang noch behauptet. Ich bringe es nicht übers Herz, ihn abzupflücken.

Das Gemeine Ferkelkraut kommt auch in meinem Garten am Zaun vor, und zwar in leuchtendem Orangerot. Normalerweise ist es gelb, vielleicht gibt es eine neue Art als Resultat eines Seitensprungs mit einem Klatschmohn? Auch Pflanzen haben ein Liebesleben, wenn man sie lässt, habe ich kürzlich gelesen. Sogar ein ziemlich liederliches. Meine liebste Wiesenblume, das Wiesenschaumkraut, habe ich in diesem Frühjahr kaum mehr gesehen. Vielleicht hat es zu viel geregnet.

Im Wald blüht die Tollkirsche mit großen rötlichweißen Glocken an üppigen Büschen. Tödlich giftig! Die pfirsichblütige Glockenblume entdecke ich, viel zu schön und zu selten zum Abreißen. Auf Lateinisch heißt sie Phyteuma Scheuchzeri, dass ist wenigstens mal ein witziger botanischer Name.

Verglichen mit einem frisch gepflückten Wiesenstrauß ist jedes Gebinde aus dem Blumenladen geradezu langweilig. Ich füge ein paar Himbeerranken hinzu, die gelben Köpfchen vom Wurmkraut und hätte gern auch noch ein bisschen Zittergras. Aber das Zittergras, die kleinen baumelnden Herzchen an filigranen Halmen, ist offenbar ausgestorben. Muss ich nach meinen jüngsten Exkursionen in der Wildnis leider bekanntgeben.

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