Mein Garten EDEN : Die Bande der Familien

Bei Kaffee und Kuchen mit den Kindern im Garten.

Ursula Friedrich

Eine Freundin kommt mit ihrem vierjährigen Sohn Gabor zu mir zum Kaffee. Wir sitzen auf der Terrasse und essen Erdbeerkuchen. Gabor starrt auf die Steinplatten am Boden, geht Schritt für Schritt einer Spur nach, gebückt und total fasziniert. „Gibt es da was zu sehen?“, fragt seine Mutter. „Ich will wissen, wohin es geht“, sagt er, „die andern sind dort hinten, es ist ganz allein weggegangen.“ – „Es“ ist eine Ameise. Er verfolgt sie, bis sie in die Wiese abbiegt, er kriecht ihr nach, bis sie verschwindet. Eine Ameise. Was tut sie da? Hat sie Hunger? Wo wohnt sie? Wohin geht sie, wo es im Garten doch keine Ameisenhaufen gibt wie im Wald? Gabors Mutter und ich wissen es auch nicht so genau.

Die Ameise melkt Blattläuse, aber in meiner Wiese gibt es keine Blattläuse. Ich betrachte den kleinen Jungen mit seinem Wuschelkopf und den großen Augen. Vielleicht wird er mal ein ganz berühmter Mann, der immer neue Fragen stellt. Wie der kleine Junge, der vor 300 Jahren im südschwedischen Småland geboren wurde, Sohn eines Pfarrers mit einem großen Garten rings ums Haus. Dieser Carl spazierte als Dreijähriger im Garten herum und wollte wissen, warum die Tulpen so komische schwarze Pinsel in der Mitte haben und dazwischen so einen steil aufgerichteten Auswuchs. Als Carl von Linné wurde er der wohl bekannteste Botaniker der Welt. Seine Entdeckung, dass Pflanzen Geschlechtsorgane besitzen, erschütterte nicht nur die botanische sondern auch die religiöse und moralische Lehre.

Zeitgenössische Wissenschaftler empörten sich über „solch verachtungswürdige Unzucht im Pflanzenreich“, die man Studenten nicht zumuten könne. Für Linné waren Pflanzen männlich und weiblich, er ordnete sie in ein System ein und benannte sie nach Gattung und Art. Seither hat jede Pflanze zwei Namen. Bis heute ist dieses „Systema naturae“ die Grundlage der Botanik. Linné war, als er seine Sisyphusarbeit veröffentlichte, erst 28 Jahre alt. Er wandte sich dann auch einer Einteilung der tierischen Arten zu. Erfand den Begriff „homo sapiens“ für den Menschen und stellte ihn meine Familie mit Affen. Darüber rastete die katholische Kirche völlig aus: Sie setzte Linné auf den Index.

Botaniker sind pingelige Wissenschaftler. Sie fahnden unablässig nach Irrtümern Linnés. Und finden natürlich auch welche. Die Amaryllis etwa, eine der schönsten Zwiebelblumen, hatte Linné nach der antiken Schäferin Amaryllis benannt. Im 20. Jahrhundert entbrannte ein erbitterter Streit: War die Amaryllis nun ein Amaryllisgewächs oder nicht? Oh, Linné hatte sich getäuscht. Es ist klargestellt, dass sie ein Mitglied der Familie Hippeastrus ist. Nun haben die Fachleute ihre Ruh. Und wir Laien sagen immer noch Amaryllis zu der Blume, die wir uns ins Fenster stellen. 

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