Welt : Mein Garten Eden: Mein Freund, der Baum

Ursula Friedrich

Prunus Avium - so heißt mein Kirschbaum auf Lateinisch - ist mein Sorgenkind. Seit er als vier Zentimeter hoher Winzling in einem Blumenkübel auf meiner Terrasse aufgetaucht ist, nimmt er meine ständige Aufmerksamkeit in Anspruch. Erst das Bemühen, ihn groß zu kriegen und in ein mit Kompost gepolstertes Loch in der Wiese zu setzen. Dann das Problem, den kleinen Kerl nicht mit dem Rasenmäher versehentlich umzusäbeln... "Kirschen wachsen sehr kräftig", steht in meinem Buch der heimischen Obstbäume. Zur Ernährung brauchen sie pro Quadratmeter im Frühjahr eine Prise Kalimagnesia, zwei Prisen Supersulfatsalpeter, eine kleine Portion Superphosphat und mäßige Feuchtigkeit. Kriegt mein Prunus alles von mir. Prunus heißt ja eigentlich Pflaume, und Kirschen gehören zur Familie der Rosengewächse - das weiß der Nichtgärtner, der sich seine Kirschen pfundweise kauft, nur selten.

Mein Bäumchen wuchs zu einem schlanken Jüngling heran und bekam im dritten Jahr die ersten schüchternen weißen Blüten. Er war eine Wildkirsche, musste also veredelt werden. Der Fachmann kam. Es war eine schmerzhafte Prozedur, nicht nur für ihn, sondern auch für mich. Alle seine jungen Äste wurden gekappt, aufgeschlitzt, fremde Zweigstücke wurden in die Wunden gesteckt und fest mit Bast umschnürt. Kläglich stand er da, hässlich, wie amputiert. Man soll mit Bäumen reden, habe ich gelesen. Ich entschuldigte mich bei ihm.

Er überwand die Krise, wuchs sich zu einem schönen Baum aus, bekam tatsächlich die ersten roten prallen Herzkirschen. Happy End? Ach nein. Als er sechs Jahre alt war, bemerkte ich in einer Astgabel Risse und einen harzartigen Ausfluss. Er litt am sogenannten Gummifluss. Die befallenen Stellen sind bis ins gesunde Holz auszuschneiden. Schon wieder mit dem Messer kommen? Ich wusch die Stellen, schabte die Krusten ab. Er wirkte, als ob er sich erholen würde.

Aber so ein Kirschbaum hat viele Feinde. Als nächstes wurde mein Freund von der Schrotschusskrankheit befallen, seine Blätter bekamen viele kleine Löcher und fielen ab. Im Frühjahr darauf trieb er aus, als sei nichts geschehen. Aber weil es ein feuchtes Frühjahr war, wurde er von der Monilia (Spitzendürre) heimgesucht. Und dann fiel die Schwarze Süßkirschenlaus über ihn her. Die Kirschblattwespe verkrumpelte seine Blätter.

Gegen alles gibt es Mittel der Giftstufe 1 (weißer Totenkopf auf schwarzem Grund) und der Giftstufe 2 (roter Totenkopf auf weißen Grund). Um ihm solches zu ersparen, versuchte ich, die schwarzen Läuse mit Seifenwasser wegzuspritzen. Ich schnitt befallene Zweige ab. Ich kehrte alles Laub zu seinen Füßen sorgfältig zusammen und brachte es weit weg. Mit Erfolg oder ohne - jedenfalls lebt er noch, mein Baum.

Und Kirschen? Ja, die fressen die Vögel. Seit ich einmal beim Pflücken von der Leiter gefallen bin, gönne ich sie ihnen. Und kaufe meine Kirschen auf dem Markt. Übrigens wundere ich mich nicht mehr über die stolzen Preise. So ein Kirschbaum ist sehr pflegeaufwändig. Aber so wunderschön, wenn er blüht...

Nächte Woche: Amseln

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