Welt : Mit Koffern voller Spielsachen

Am Samstagabend startete die erste Urlaubermaschine wieder nach Phuket

Oliver Bilger[Frankfurt]

Die meisten wollen helfen. Als in der Nacht zum Sonntag der erste Ferienflieger nach der Tsunami-Katastrophe aus Deutschland nach Phuket aufbrach, waren vor allem Passagiere an Bord, die Menschen unterstützen wollen.

Wenige Familien, viele junge Menschen, viele Rentner – nur Katastrophentouristen waren unter den 269 Fluggästen der Condor-Maschine keine auszumachen. Stattdessen stehen an Gate B 24 im Frankfurter Flughafen Reisende wie Volker Gerbig und Klaus Leutweis aus Haßfurt bei Würzburg. Ihr Reiseziel verraten die weißen T-Shirts mit dem bunten Aufdruck. Sie fliegen nach Colombo, so wie zwei Drittel der Passagiere in der voll besetzten Chartermaschine. Neuneinhalb Stunden Flugzeit benötigt die Boeing 767 dorthin, nach einem Zwischenstopp geht es weiter nach Phuket. Um 23:45 Uhr startet Flug DE 6344. Die Bayern wollen weiter nach Moragalla, einem 500-Einwohner-Dorf an der Südwest-Küste. „Noch immer werden dort Menschen vermisst und Leichen geborgen“, sagt Gerbig. 200 Kilo Hilfsgüter haben die Bayern mit an Bord genommen: Kleidung, Trinkflaschen, Spielzeug und Verbandsmaterial. Überhaupt ist diesmal weit mehr Übergepäck an Bord als auf gewöhnlichen Flügen. Zudem haben sie 10 000 Euro Spenden des direkt nach der Katastrophe gegründeten Vereins dabei. Mit rund 200 000 gesammelten Euro soll außerdem ein Waisenhaus errichtet werden. Die beiden Reisenden suchen nach einem Bauplatz. Dass mit ihnen viele Urlauber im Flieger sitzen, findet der 40-jährige Kraftfahrer Gerbig gut: „Der Tourismus muss wieder kommen“.

Das ist auch der Grund für Condor, Südasien sechs Wochen nach dem verheerenden Seebeben wieder anzufliegen. „Wir wollten vermeiden, dass es nach der Naturkatastrophe noch eine ökonomische Katastrophe gibt“, erklärt Boris Ogursky, Sprecher des Reisekonzerns Thomas Cook, zu dem der Ferienflieger gehört. 60 Prozent der Hotels auf Sri Lanka und Phuket seien wieder intakt: „Die Einwohner sagen, wir brauchen jetzt wieder Touristen“, so Ogursky.

Seit zwei Wochen können Reisen nach Phuket wieder gebucht werden, die nach der Katastrophe abgesagt worden waren. Jetzt fliegt auch die Condor wieder einmal pro Woche direkt nach Phuket. Zuvor war das nur mit Umsteigen möglich. Ursprünglich sollten alle Flüge im Winter gestrichen bleiben. Nun sind bei steigender Nachfrage auch zusätzliche Flüge denkbar.

Paul Tharagonnet und Doris Scherer aus Mörfelden bei Frankfurt haben vor wenigen Tagen den Flug nach Colombo gebucht. Mit „gemischten Gefühlen“ fliegen sie: Vor einem Jahr hat das Ehepaar dort Bekanntschaft mit Einheimischen geschlossen. Diese wollen sie jetzt wieder treffen. „Aber wir wissen nicht, ob sie überhaupt noch leben“, sagt Scherer. Gemeinsam mit anderen Bekannten, die ein Waisenhaus unterstützen, wollen auch sie „irgendetwas tun“. Was genau, wissen beide noch nicht.

Maren Bünemann und ihr Mann Heinrich fahren für drei Wochen ins Hochland von Sri Lanka. Zwölf Tage werden sie umherreisen, dann wollen sie noch eine Woche ans Wasser. „Aber nicht im Südwesten wie ursprünglich geplant, sondern im Norden“, sagt die 52-Jährige. „Ich möchte nicht in einer Gegend sein, in der viel zerstört wurde, das ist mir zu deprimierend“, sagt die Hamburgerin.

Pfarrer Otto Guggemos mit Frau Susanne und sechs Mitgliedern aus seiner Gemeinde in Neustadt an der Eich fliegen nach Phuket ausschließlich, um dort zu helfen. Der 30-jährige Pfarrer hat 31000 Euro an Bedürftige überwiesen. Nun will er sehen, was mit dem Geld geschehen ist. In seinem Rucksack hat er Hilfsgüter wie Medikamente. Um mehr Platz dafür zu haben, trägt er zwei Hosen mit vielen Hosentaschen übereinander.

„Geld bringen“ will Günther Reinbold aus Kassel. Im Freundeskreis hat er „2000 Euro gesammelt“, die er mit seiner Frau verteilen will. „Wir gehen in Schulen und Kinderheime und geben dort Geld ab“, sagt Reinbold. Die Badehose haben sie zwar auch im Gepäck doch dafür bleibe in den acht Tagen wohl keine Zeit.

Familie Grauer aus Tübingen will ihr Patenkind auf Sri Lanka besuchen. Das Ärztepaar hat zudem „einen Koffer voll Medikamente“ dabei. Tochter Annina findet die bevorstehende Reise „aufregend“. Die Familie kennt sich mit Katastrophen aus. Sie war zum Ende des Bosnienkrieges in Bosnien.

Fritz Dick und Horst Stierle aus Karlsruhe fahren mit ihren Ehefrauen zur Erholung nach Thailand. Für sie geht es erst nach Phuket, dann weiter auf die andere Inselseite, die vom Tsunami weniger betroffene. Einen Koffer mit Spielsachen hätten sie dabei, die sie verteilen wollen. Doch: „Das Hauptding ist unser Urlaub“.

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