Welt : Mittel gegen Kahlheit: Hoffnung für den Haarwuchs

Adelheid Müller-Lissner

80 000 bis 140 000 von ihnen sprießen auf dem menschlichen Kopf. Wenn es deutlich weniger sind, leiden viele Männer und Frauen darunter. Menschen, die zu wenig Haare auf dem Kopf oder auch zuviel davon am Körper haben, kann möglicherweise in absehbarer Zukunft geholfen werden. Eine Arbeitsgruppe des Freiburger Max-Planck-Instituts für Immunbiologie hat Entscheidendes zur Wirkungsweise eines Proteins herausgefunden, das die Bildung von Keratin steuert.

Keratin ist eine Hornsubstanz, aus der Haare hauptsächlich bestehen. Haare sind nämlich aus biologischer Sicht zunächst nichts anderes als "hornartige Hautanhangsgebilde". Ein Steuerprotein namens "winged helix nude" (whn) reguliert den Zyklus der keratinbildenden Zellen und damit das Haarwachstum. "Wir verstehen inzwischen die Wirkungsweise dieses Schalters und können ihn beeinflussen", sagt der Immunbiologe Thomas Boehm. Mit einer Substanz, für die die Freiburger Forscher bereits ein Patent angemeldet haben, kann whn nach Auskunft der Forscher gezielt ausgeschaltet werden. Das wird derzeit im Mausmodell erprobt.

Der Effekt einer Behinderung des Proteins, eine Verlangsamung des Haarwachstums, dürfte bei starker Körperbehaarung besonders erwünscht sein. Die Forscher, die jetzt eventuell ein Unternehmen gründen wollen, rechnen jedoch vor dem Jahr 2001 nicht mit der Marktreife dafür geeigneter Cremes. "Die klinischen Prüfungen dauern ihre Zeit", so Boehm.

Sollte es gelingen, die Wirksamkeit von whn in der Hautzelle zu erhöhen, könnte sich allerdings auch der umgekehrte, wohl vor allem für das Haupthaar erwünschte Effekt einstellen: Die Haare könnten wieder dichter und kräftiger wachsen. Doch whn ist nur einer der Faktoren, die bei der Regulierung des Haarwachstums eine Rolle spielen.

Die Berliner Dermatologin Ulrike Blume-Peytavi vom Klinikum Benjamin Franklin betont zudem: "Es dürfte schwierig sein, die Substanz so in ein Shampoo oder eine Creme zu packen, dass sie wirklich an ihren Zielort gelangt." Ihre Entdeckung haben die Freiburger Forscher vor sechs Jahren eher zufällig gemacht, als sie Versuche mit Nacktmäusen anstellten und dabei eine Genveränderung der Labortiere im Vergleich zu ihren behaarten Artgenossen fanden. "Das war eher ein Seitenaspekt unserer Institutsarbeit, in der wir der Immunschwäche von Nacktmäusen nachgingen".

Obwohl die meisten "Haarwuchsmittel" ihren Namen nicht verdienen, handelt es sich beim pharmazeutischen Kampf gegen die Glatze um einen Millionenmarkt. Darunter sind vereinzelt auch wirksame Präparate: Schon vor etwa eineinhalb Jahren sorgte das neue Mittel Propecia gegen Haarausfall für Schlagzeilen.

Mittel auch für Frauen?

Es wirkt auf ganz anderem Weg und verspricht Abhilfe für Männer, denen die Haare ausfallen. Dabei blockiert der Wirkstoff Finasterid einen Abkömmling des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, das Dihydrotestosteron, der bei manchen Männern den Haarbalg schädigt. Bei acht von zehn Männern kann neueren Studien zufolge damit der Haarausfall gestoppt werden. Vor allem jungen Männern, die schon früh unter beginnender Kahlheit leiden, kann damit gut geholfen werden. Wird das Medikament abgesetzt, so fallen die Haare wieder aus.

Für Frauen ist der Hormonblocker, der in höherer Dosierung gegen Prostataleiden eingesetzt wird, nicht geeignet. Der diffuse Haarausfall bei Frauen, der zwar nicht zur Glatze, aber oft zur deutlichen Lichtung des Haars führt, kann manchmal mit Östrogentinkturen oder einer antiandrogen wirksamen Antibabypille gestoppt werden. Wunder kann man sich von den hormonellen Eingriffen aber nicht erwarten.

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