Moskauer Metro : Prunkpaläste unter Tage

Alles für die Hauptstadt des Sowjetlandes: Heute vor 75 Jahren wurde die Moskauer Metro eröffnet.

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Glanz im Alltag. Die Station „Kiewskaja“ auf dem 1954 eingeweihten Abschnitt der Ringlinie gehört zu den prächtigsten Stationen im Moskauer Metronetz. Thema der Ausschmückung ist hier das „friedliche Leben nach dem Krieg“. Foto: Lehtikuva / Sari Gustafsson
Glanz im Alltag. Die Station „Kiewskaja“ auf dem 1954 eingeweihten Abschnitt der Ringlinie gehört zu den prächtigsten Stationen im...Foto: picture-alliance/ dpa

Montagmorgen. Für Millionen Einwohner der russischen Hauptstadt beginnt die Arbeitswoche mit einer Metrofahrt. Für 40 von ihnen wird es an diesem 29. März die letzte sein: Zwei Terroranschläge in den Stationen „Lubjanka“ und „Park Kultury“ reißen die Wagen in Stücke und 40 Fahrgäste in den Tod.

Doch schon am späten Mittag läuft der Betrieb auf der „roten“ Linie wieder normal. Oberirdisch hatte es längst ein Verkehrschaos gegeben. Niemand kann es sich leisten, auf das schnellste und zuverlässigste Verkehrsmittel der Zwölf-Millionen-Metropole zu verzichten.

Die „rote“ Linie war womöglich mit Bedacht gewählt worden. Sie ist die älteste des mittlerweile genau 299 Kilometer langen und 180 Stationen umfassenden Netzes. Heute vor 75 Jahren, am 15. Mai 1935 um sieben Uhr früh, wurde der Betrieb aufgenommen. Der Bau der 11,2 Kilometer langen Strecke quer unter dem dicht bebauten Stadtzentrum wurde in exakt drei Jahren und elf Monaten ab dem entsprechenden Beschluss des Zentralkomitees der KPdSU bewältigt.

Zeitgenössische Fotografien zeigen glückstrahlende Arbeiter in den ersten Zügen. Tatsächlich war das Bauvorhaben eines der Prestigeprojekte der frühen Stalin-Zeit. Zeitweise waren 75 000 Arbeiter an der Strecke beschäftigt. „Die Metro der Hauptstadt muss das ganze Land erbauen!“, lautete der Aufruf des Jugendverbandes Komsomol, mit dem Tausende von jungen „Enthusiasten“ zur Mitarbeit bewogen wurde. Anders als zuweilen behauptet, waren am Bau der Metro selbst keine Zwangsarbeiter beteiligt, wie dies für andere sowjetische Großprojekte dieser Zeit gilt. Der Schatten des Gulag fällt dennoch auf den Metrobau: Sträflinge wurden in den Steinbrüchen eingesetzt, die das Baumaterial anlieferten. Auch eine „Geheim-Metro“ vom Kreml zu Stalins Datscha dürfte entstanden sein.

Der Bau einer U-Bahn war bereits 1902 erwogen worden. Erst die Industrialisierung des Landes seit Ende der 20er Jahre ermöglichte das Vorhaben. Die gewagte Bauweise in bergmännischem Vortrieb – mithilfe einer in England erworbenen Tunnelbohrmaschine – stellt eine Pionierleistung dar, die von der Bevölkerung als Verheißung einer glänzenden Zukunft gefeiert wurde.

Das Metronetz wuchs rasch, beinahe Jahr für Jahr. Nicht einmal der Zweite Weltkrieg bedeutete eine vollständige Unterbrechung. Allerdings wurden die zumeist sehr tief, nämlich 30 bis 50 Meter unter Straßenniveau liegenden Stationen als Luftschutzbunker genutzt. So war es von vorneherein geplant. Bis zu 500 000 Moskauer flüchteten Ende 1941 allabendlich in die Stationen. Stalin und das Politbüro tagten in der Station „Majakowskaja“, die mit ihren Aluminiumpfeilern an das andere technische Wunder dieser Jahre erinnert: das Flugzeug.

Berühmt sind die Bahnhöfe der Metro. Nirgends findet sich der stalinistische „Zuckerbäckerstil“ üppiger ausgeführt als unter Tage. Nach dem Sieg im „Großen Vaterländischen Krieg“ wurde der Prunk schier überwältigend. Die 1950 eröffnete Ringlinie, die unter anderem die sieben Fernbahnhöfe der Stadt miteinander verbindet, wurde besonders prächtig ausgestattet. Mosaiken, Glasmalereien, Kronleuchter: So sollte die Zukunft des Sozialismus für jedermann aussehen.

Mit dem Bau ausgreifender Vorortlinien wich solcher Aufwand einer nüchterneren Gestaltung. Neuerdings gibt es wieder Anklänge an die frühere Ausschmückung, so bei der im Jahr 2003 eröffneten Station „Siegespark“, die der Lieblingskünstler des Moskauer Bürgermeisters Luschkow gestaltete. Heute nutzten täglich bis zu neun Millionen Fahrgäste die Metro, im ganzen Jahr 2009 unvorstellbare 2,4 Milliarden Passagiere. In Stoßzeiten verkehren die Züge in Taktfolgen von anderthalb bis zwei Minuten – und auch sonst nicht viel seltener. Ohne Metro wäre Moskau schlicht nicht lebensfähig.

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