Nach dem Kölner Amokalarm : „Du denkst, du hast ein Monster großgezogen“

Nach der Beerdigung des Schülers, der sich nach dem Bekanntwerden eines geplanten Amoklaufes am Georg-Büchner-Gymnasium in Köln das Leben nahm, kommt nun seine Mutter zu Wort. In einem offenen Brief appelliert sie an ihre Mitbürger.

Angelika Basdorf[Köln]

Bei der Beerdigung des Schülers des Kölner Georg-Büchner-Gymnasiums, der sich nach Bekanntwerden von Amokplänen das Leben genommen hat, blieb die Mutter seines mutmaßlichen Komplizen Robin B. fern. Karin B. fürchtete ein Spießrutenlaufen. Die Angst war vermutlich unbegründet. Die Trauergemeinde machte einen überaus nachdenklichen Eindruck. Nicht Empörung ist das vorherrschende Gefühl, sondern Ratlosigkeit.

Die Mutter von Robin B. grübelt. Sie hat auch einen offenen Brief geschrieben, den der „Kölner Stadtanzeiger“ auf der ersten Seite abgedruckt hat (nebenstehender Kasten).

Karin B. erzählt, was damals geschah, als ihr Sohn abgeholt wurde. Sie findet keinen Schlaf in dieser Nacht. Es ist zwei Uhr, ihr Sohn ist vor vier Stunden von der Kriminalpolizei mitgenommen worden. „Zu einer Befragung“, hieß es. Aber kann das so lange dauern? Und warum findet das Ganze nachts statt? Was könnte Robin an Erhellendem beitragen zum Selbstmord seines Freundes Rolf?

Bis Samstagnachmittag hatte es nur Gerüchte gegeben, nichts Konkretes. Rolf hatte seit Freitagnachmittag keine E-Mails beantwortet, hatte sich nicht im Chat eingeloggt und auch nicht angerufen. Seine Freunde wussten nicht, warum er aus der Schule verschwunden war. Robin und Jonas hatten auf ihn gewartet und sich im Schulgebäude an der Suche nach ihm beteiligt. Schließlich hatte Jonas Rolfs Schultasche mit nach Hause genommen. So viel weiß Karin B.. Robin hat es ihr erzählt, als er am Freitag nach Hause kam. „Ich habe ihn spontan in den Arm genommen“, erinnert sich seine Mutter, „er wirkte irgendwie bedrückt“.

Zu diesem Zeitpunkt ist Rolf schon tot. Jonas erfährt es als erster aus dem Freundeskreis. Er will Rolf am Samstagnachmittag die Schultasche bringen. Rolfs Eltern sagen am Telefon, dass ihre Tochter die Tasche abhole. Von ihr erfährt Jonas, was passiert ist. Die Nachricht macht die Runde. Kurz bevor die Kripo Rolfs Internetseite mit der Verherrlichung der Attentäter von Columbine sperrt, erscheint dort der Eintrag eines Mitschülers: „Wieso hast du dich vor die Bahn geworfen? Wie konntest du das deiner Familie und deinen Freunden nur antun?“

Jetzt ist es drei Uhr. Die tagsüber sehr belebte Straße, an der das Haus der Familie B. liegt, ist ruhig. Zu ruhig für Frau B.. Bei jedem Fahrzeug, das sich nähert, schreckt sie auf und läuft ans Fenster – wieder nichts, das Auto fährt vorbei. Sie ruft im Präsidium an. „Die Befragung dauert noch“, sagt man ihr dort, nichts weiter. Sie ahnt nicht, dass Robin bereits in einer Zelle im Keller des Präsidiums sitzt. Der Inhalt seines Geständnisses liegt ohnehin noch außerhalb ihrer Vorstellungskraft.

Um etwa sechs Uhr am Sonntagmorgen ist für Frau B. die durchwachte Nacht vorbei. Zwei Polizeifahrzeuge halten vor dem Haus. Es klingelt. „Endlich kommt Robin nach Hause“, denkt die Mutter, als sie die Tür öffnet. Aber nicht Robin will in sein Zimmer, sondern die Polizei. Zwar gebe es noch keinen Durchsuchungsbefehl, aber der würde dann das ganze Haus betreffen, falls sich die B.s weigern sollten, die sofortige Zimmerdurchsuchung zu tolerieren.

Das Ehepaar fühlt sich überrumpelt. Frau B. glaubt, in einem schlechten Krimi zu sein. Nachdem die Spürhunde und der eigens aus Düsseldorf angeforderte Kampfmittelräumdienst Robins Zimmer „durchsucht“ haben, ist es unbewohnbar. Sogar die Deckenverkleidung und der Fußboden sind herausgerissen. Ihr Sohn habe gestanden, mit Rolf B. zusammen ein Attentat auf das Georg-Büchner-Gymnasium geplant zu haben, erklären die Beamten und stecken das „Beweismittel Todesliste“ ein, ein aus einem Collegeblock gerissenes Karopapier, auf dem handschriftlich 17 Vornamen notiert sind. Sie verschweigen jedoch, dass Robin auch ausgesagt hat, die Pläne längst verworfen zu haben.

Einige Stunden später verfolgen die Eltern im Fernsehen die Pressekonferenz. Ihr stiller und ausgeglichener Robin mit seinem Lesehunger, seinem trockenen und subtilen Humor und der Vorliebe für Heavy-Metal-Musik „passt ins klassische Raster eines potenziellen jugendlichen Amokläufers“ erfahren sie. „Das war das Schlimmste“, sagt die Mutter. „Du denkst, Du hast ein Monster groß gezogen.“ Die polizeiliche Beschreibung Rolf B.s fällt wohlwollender aus und basiert auf den Aussagen der Schulleiterin, die ihn unterrichtet hat: „unauffälliger, guter Schüler, nicht gefährlich“.

Ihr Sohn Robin wird auf eigenen Wunsch in eine Psychiatrische Klinik gebracht.

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