Welt : "Nekropolis": Das Himmelsblau über dem KZ

Aureliana Sorrento

Fünfzehn Monate verbrachte Boris Pahor in deutschen Konzentrationslagern. Dachau, Natzweiler in den Vogesen, Dora-Mittelbau und Harzungen, Bergen-Belsen waren die Stationen des Leidenswegs, der an einem Januartag in seiner Heimatstadt Triest begann, als deutsche Geheimpolizisten ihn deportierten.

Es ist Sommer, Anfang der Sechziger, als der ehemalige Häftling und Ich-Erzähler von "Nekropolis" die Gedenkstätte von Natzweiler besucht. Dort haben die Franzosen ihren Opfern ein Denkmal errichtet, eine "nécropole nationale". Auch Pahor will ein Denkmal setzen, ein Denkmal für die abgezehrten Menschen, die im KZ umkamen, an ihre "erniedrigten Knochen". Den Ausdruck hat er im Friedhof am Rande des Lagergeländes gefunden. "Ossa umiliata" liest man auf einer Inschrift, neben "Honneur et Patrie". Pahor schreibt gegen das Schweigen. Und träumt von einem Laienorden, der mit dem gestreiften Sackleinen und den Holzpantinen des KZ-Menschen durch die Hauptstädte Europas zieht, um das Gewissen der Nachkommen wachzurütteln.

Es ist Sommer, Juli, die Sonne brennt, und Touristen streifen durchs KZ-Gelände. Sie hören den Erzählungen eines Reiseführers zu, versuchen, sich die Hölle zu vergegenwärtigen. Der frühere Insasse lauscht ihnen manchmal nach, bezweifelt, dass Worte die Wirklichkeit des Geschehenen aufleben lassen können, und geht seiner Wege, den eigenen Erinnerungen hinterher. Eine Gedankenflut, kein erklärender Diskurs. Pahor versucht nicht, die Bilder und Ereignisse zu ordnen, die sich im Gedächtnis aufstauen. Er lässt sie wie Relikte eines Schiffbruchs im Strom seines Nachsinnens treiben. Ein Bild ist immer sichtbar: eine Prozession ausgezehrter Körper, Knochenbündel, dürr wie Holzscheite. Gesichtslose Rudel geschundener Tiere, denen man alles Menschliche genommen hat.

Man sieht, wie sie sich kratzen, im Winde schlottern, wegen Ödemen steif gebeugt, ihre Notdurft verrichten, sich durch den Schnee schleppen, von plötzlich einsetzenden Schüssen niedergemetzelt werden. Man sieht ihr Dahinsiechen auf den Krankenbetten, die doch die einzige Zuflucht waren vor der vernichtenden Maloche. Da ist der Ofen, in den sie hineingeworfen wurden, Brennstoff zum Heizen des Duschwassers. Da ist der Haken, an dem sie gehängt wurden, dort der Galgen. Solches Treibgut, "Schnappschüsse des Tartarus" prägt sich ein.

Joch des Verderbens

Doch der Erzähler schweift ab, von dem Ort, den er wieder besichtigt, zu den Stätten seiner Deportation. Und allzu oft, statt die Mühe des Überlebens in der "Nekropolis" zu beschreiben, schreibt Boris Pahor von der "Höhle des Todes", vom "menschlich Bösen", vom "Verrecken", vom "unbarmherzigen Vernichter, der in der Dunkelheit lauscht", vom "Joch des Verderbens". Allzu oft treten an die Stelle der Erzählung schale Betrachtungen eines Moralisten, der darüber klagt, dass wir heute arm drang seien angesichts viel zu vieler Bilder und Eindrücke; der uns nochmal wissen lässt, daß es gar nicht sicher sei, dass gute Menschen die Geschichte verbessern könnten.

Der Autor war - wie sein Alter Ego im Buch - Krankenpfleger gewesen in den Lagern. Ein Landsmann, ein Slowene in Dachau hatte seinen Namen auf die Liste des Pflegepersonals gesetzt und ihn gerettet. Obwohl die Medikamente fehlten, und der Job vor allem darin bestand, die Toten abzutransportieren, sorgte er sich ernsthaft um seine Kranken.

Das ist ehrenhaft. Was geht aber den Leser sein Bekenntnis an, dass er sich um die Kranken gekümmert habe, um sich gegenüber der Lagerführung nicht wichtig zu machen? Dass er sich schuldig fühle, weil er vielleicht noch manches Menschenleben hätte retten können? Dass er gegen alle Warnungen die Nächte im Zimmer der Moribunden verbracht habe, und ihm am Morgen beim Aufstehen zu Mute gewesen sei, "wie dem Kapitän, der seine Mannschaft treu geblieben ist; auch wenn es dann meine erste Aufgabe war, manch einen von ihnen schon vor der Morgenröte dem Meer des unendlichen Nichts übergeben zu müssen."

Pahors Buch ist voll von derlei Formulierungen. Er geniert sich sogar nicht, über eine halbe Seite lang Überlegungen über die eigenen Charakterzüge anzustellen, die er von der Mutter geerbt habe. Als wäre die Neigung eines einzelnen Menschen zur Einsamkeit und Schweigen nicht eine Lappalie vor dem Gemetzel, dessen Zeuge er gewesen ist.

Boris Pahor, 1913 geboren, ein slowenischer Triestiner, hatte als Kind Bücherverbrennungen und der Unterdrückung seiner Muttersprache durch die italienischen Faschisten ohnmächtig zusehen mussen. Es ist menschlich nachvollziehbar, dass er die Massenvernichtung von Millionen Menschen in den Konzentrationslagern für eine Folgeerscheinung der Knechtung seiner Nation hält. Wenn er sich in Lobpreisungen des slawischen Stolzes ergeht, der "der germanischen Grausamkeit die Stirn geboten habe", wenn er schreibt, dass das Überwinden der trübsinnigen Wirklichkeit eine große Mitgift sei, "die wir von Generation zu Generation weitergeben und die in unseren Genen schon so eingewachsen ist, dass keine Macht sie ausrotten kann" - dann begibt er sich auf die Argumentationsebene seiner einstigen Schinder. Man könnte noch etliche solcher Katechismen und pathetischer Gemeinplätze aufzählen, die am eigentlichen Thema des Buches, der Erfahrung des KZs, vorbeigehen.

Poesie gegen die Grausamkeit

Unerträglich macht die Lektüre von "Nekropolis" vor allem sein uneingelöster literarischer Anspruch. Offenbar wollte der Autor eine irgendwie poetische Sprache finden, um dem Grauen Ausdruck zu geben. Weshalb man bei ihm kaum eine genaue Aufzeichnung von Fakten findet, sondern Metaphern, die den Blick von der tatsächlichen Grausamkeit ablenken. So hängt die Leiche eines jungen Verurteilten nicht einfach am Galgenstrick, sondern "wie an einem Speichelfaden, der dem Raubvogel aus dem Schnabel herausgelaufen war, als er die Flügel über die niedergewalzten Wolken ausbreitete." Sodann darf der Leser gleich im Himmelsblau umherschweifen - und sei es auch das Himmelsblau über dem KZ.

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