Welt : Neptuns Faust

Paul Janositz

Die MS Bremen durchkreuzt den Südatlantik auf der Fahrt von Feuerland nach Rio. Nach einem Zwischenstopp auf Südgeorgien, nimmt das 111 Meter lange Schiff am 22. Februar dieses Jahres Kurs auf den Zuckerhut. Die See ist ruhig, schönstes Kreuzfahrtwetter, bis sich schlagartig die Szene ändert. Der Himmel verfinstert sich, das Barometer fällt rapide, schwere Böen kommen auf - bis zu Windstärke 14.

Die See wird schwer, immer größere Wellen türmen sich auf. Das von der Hamburger Reederei Hapag Lloyd betriebene Schiff hält dennoch unbeirrt Kurs, schließlich steht mit Heinz Aye, ein erfahrener Kapitän auf der Kommandobrücke.

Doch dann kommt das Unheil, ein gewaltiger Donnerschlag, der selbst den alten Seebären erschreckt. "So eine Riesenwelle habe ich in 48 Berufsjahren nicht erlebt", sagte Aye dem Tagesspiegel. Ein Brecher von etwa 35 Meter habe das Brückenfenster zerstört, erzählt der Kapitän, der in Bad Orb lebt.

Die Folgen des Wassereinbruchs sind seinen Angaben zufolge daramtisch, weil nahezu die gesamte Elektronik des High-Tech-Fahrzeugs ausfällt. Das Salzwasser löst den Notstopp des Schiffsdiesels aus. Ein Hilfsdiesel liefert zwar Notstrom, der zweite ist jedoch wegen einer Generalüberholung gerade zerlegt.

Die Passagiere werden aus den Kabinen evakuiert. Sie ziehen Schwimmwesten an und versammeln sich im Bordrestaurant, gegen dessen Scheiben die Wellen donnern. Die "Bremen" hat Schlagseite, einen weiteren Wassereinbruch hätte sie nicht verkraftet, da die Pumpen ohne Strom nicht arbeiten. In einem dramatischen Wettlauf mit der Zeit gelingt es, den zweiten Hilfsdieselmotor zusammenzusetzen. Der Motor springt wieder an, das Schiff ist manövrierfähig und schiebt sich - so beschreibt es der "Spiegel" in einer großen Geschichte - "wieder in den Wind". Das durch einen Notruf alarmierte britische Schiff "Shackleton" geleitet den Havaristen schließlich nach Buenos Aires.

Personen sind nicht zu Schaden gekommen, die Reederei deckt den Mantel des Schweigens über den Zwischenfall. Auch Kapitän Aye bemüht sich, die Auswirkungen der Beinahe-Katastrophe herunter zu spielen. Sein Schiff sei nicht schwer beschädigt, sondern nur manövrierunfähig gewesen, sagte der 65-Jährige dem Tagesspiegel. Weitere Auskünfte lehnt er ab, die Sache steckt ihm wohl immer noch zu sehr in den Knochen. Der Mann fährt mittlerweile nicht mehr zur See.

Dabei braucht sich der alte Seebär gar keine Vorwürfe zu machen. Denn eine Riesenwelle, wie sie sein Schiff getroffen hat, ist nicht vorherzusehen und daher auch nicht zu vermeiden. Allerdings wurden Berichte über 30 oder 40 Meter hohe Wasserberge lange Zeit eher als Phantasiegebilde oder zumindest als Seemannsgarn angesehen.

Als todbringende "Monsterwellen", "Killerwellen" oder "Freak Waves" lehren sie in Büchern oder Action-Filmen das Grausen. So lässt der amerikanische Bestseller-Autor Sebastian Junger in seinem Buch "Der Sturm" eine 30-Meter-Welle einen Kutter in die Tiefe reißen - der richtige Stoff für den Regisseur Wolfgang Petersen. Doch die Havarie der "Bremen" ist kein Einzelfall. Kurze Zeit später, am 2. März, ereilt die "Endeavour" bei den Falkland-Inseln ein ähnliches Schicksal. Kapitän Karl-Ulrich Lampe musste sogar SOS funken, nachdem drei Wellen hintereinander von je 30 Metern Höhe sein 90 Meter langes Schiff attackiert hatten.

"Drei Schwestern" nennt Janou Hennig den Reigen der Extremwogen. Die technische Mathematikerin beschäftigt sich an der Technischen Universität Berlin mit derlei Phänomenen. Sie arbeitet im Team von Günther Clauss, Professor für Meereskunde im Institut für Luft- und Seeverkehr. Wie wichtig das Thema der zerstörischen Wellen mittlerweile geworden ist, zeigen diverse deutschland- und europaweite Forschungsprojekte unter Federführung der Berliner Experten.

Sich aufschaukelnde Wasserberge

Extrem selten seien die Riesenwellen, erklärt Clauss. Sie heißen auch "Freak Waves" und kommen durch Überlagerung kurzer langsamer Wellen zustande, denen lange schnelle Wellen nachfolgen. "Das kann man auch am Wannsee beobachten", sagt der Meeresexperte. Wenn beispielsweise Wellen von einem Boot ausgehen. Dann können sie sich aufschaukeln.

Natürlich können die Wasserberge nicht so hoch werden wie im Ozean, da die langen Wellen nicht lang genug sein können. Doch wenn kilometerlange Wellen da sind und jede Folgewelle ein wenig kürzer ist als die vordere und es dazu kommt, dass sich alle an einem einzigen Punkt überlagern, dann kann eine gigantische Wassermauer entstehen. Diese Wellenfolge sei immer mit schwerer See verbunden, sagt Clauss. Sie könne zufällig entstehen oder durch Seebeben. Bei solchen so genannten Tsunamis rasen die Wellen punktförmig vom Entstehungsort los. Sie können Geschwindigkeiten von bis zu 750 Kilometern in der Stunde erreichen und ganze Landstriche mit gewaltigen Wassermassen überschütten.

Zwar lässt sich nicht vorhersagen, wo die "Freak Waves" genau auftreten. Bevorzugt sind jedoch Regionen, in denen Strömungen und windgepeitschte See aufeinandertreffen. Dies ist Clauss zufolge besonders am Kap der guten Hoffnung der Fall. Dort fließt die aus dem südindischen Ozean kommende "Agulhas Strömung", in die oft Sturmwellen aus der Antarktis einmünden. Jedes Jahr werden dort zwei bis drei große Tanker schwer beschädigt.

Extrem gefährdet sind auch die Ölplattformen, etwa die in der Nordsee, einem ebenfalls von Riesenwellen heimgesuchten Gebiet. Der Vorsorge gegen diesen - so Clauss - "GAU" der Meeres-Ölförderung dienen die Rechnungen, die etwa Mathematikerin Hennig durchführt. Die Lösung ihrer Differentialgleichungen führt zu Modellen, die in Testtanks überprüft werden. Die Ergebnisse interessieren nicht nur die Wissenschaftler, auch Versicherungsgesellschaften und Reedereien profitieren. Und auch Seebär Aye wäre interessiert. Schließlich würde er "sofort wieder an Bord gehen", sagte er dem Tagesspiegel.

Wenn er nur könnte.

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