Neuerscheinung : Amy Winehouse und der Schmerz des Vaters

Mitch Winehouse hat ein Buch über seine Tochter geschrieben. Es ist ein Dokument der Ausweglosigkeit und Sprachlosigkeit. Und das Protokoll eines langsamen, unaufhaltsamen Absturzes.

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Drogen zerstörten ihr Leben. Sängerin Amy Winehouse. Foto: AFP
Drogen zerstörten ihr Leben. Sängerin Amy Winehouse. Foto: AFPFoto: AFP

Einem Vater stirbt das Kind. Schlimmeres gibt es nicht. Das Kind, in diesem Fall, war drogen- und alkoholabhängig, musikalisch hochbegabt, weltberühmt und unwiederbringlich in den Falschen verliebt. Angehörigen von Süchtigen wird in Therapien und Selbsthilfegruppen immer wieder gesagt, dass der Süchtige selbst den Schritt zum Entzug gehen muss, dass man ihn sogar, eventuell, bis ganz nach unten stürzen lassen muss, ihm nicht mehr helfen darf, weil nur Ausweglosigkeit und Abhängigkeitserkenntnis zur Änderung führt. Eltern können solche Ratschläge selten befolgen.

Auch Mitch Winehouse hat bis zum Ende versucht, seine Tochter beim Entzug zu unterstützen. Gestorben ist Amy trotzdem. Das macht das Buch, das er über sie verfasst hat, schlichtweg zu einem tieftraurigen Dokument. Und zur minutiösen Dokumentation einer Sucht.

Bildergalerie: Amys letztes Album

Vor einem Jahr starb Amy Winehouse
Ihr Tod kam überraschend - und doch wieder auch nicht: Als die Soul-Diva vor einem Jahr tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde, waren Schock und Trauer groß. Die Untersuchungen später ergaben: Amy Winehouse starb an einer schweren Alkoholvergiftung. Sie soll über 4,1 Promille Alkohol im Blut gehabt haben.Weitere Bilder anzeigen
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23.07.2012 13:35Ihr Tod kam überraschend - und doch wieder auch nicht: Als die Soul-Diva vor einem Jahr tot in ihrer Wohnung aufgefunden wurde,...

Da ist es, egal, wie es geschrieben ist, ob es schön malt oder verleumdet (das Böse hat die Gestalt von Amys Ehemann und Drogenkumpel Blake Fielder-Civil und seiner Familie), egal auch, wie oft es sich in kitschige Vater-Tochter-Bilder flüchtet: Der Schmerz, der aus den teilweise banalen Sätzen spricht, ist – vielleicht sogar unfreiwillig – furchterregend authentisch, vor allem durch die Redundanz der Geschichten.

Immer wieder beschwört Mitch Winehouse das Vorbildverhältnis, das er zu seiner jüngsten Tochter pflegt, wie er ihr den Musikfloh ins Ohr gesungen hat, wie sie es ihm bis an ihr Lebensende dankte. Er erinnert sich, anscheinend anhand von seinen Tagebuchaufzeichnungen, an jeden grässlichen alkohol- oder drogenverhangenen Tag seiner Tochter, kann jeden Hoffnungsstrahl rekapitulieren, und dass er keine neuen, keine eleganteren, keine beeindruckenderen Worte für die Dramatik von Amys langem Absturz findet, passt gut zur Sprachlosigkeit eines Angehörigen, der zuschaut, wie sich seine Tochter langsam und fast genüsslich selbst zu Tode quält.

Bis auf sehr wenige Ansätze hat Mitch Winehouse auch darauf verzichtet, Amys Verhalten psychologisch zu erklären. Wohl, weil er nicht kann: Dem Vater der Soulsängerin ist nicht klar, was da schief- gelaufen ist, also schiebt er es teilweise auf den Kontakt zu Amys unguter Lebensliebe Blake, teilweise lässt er es einfach ungesagt.

Der Leser begreift zwar, dass Amys Verhalten bereits in der Kindheit durch eine fast unbändige Sehnsucht nach Aufmerksamkeit geprägt war, die sich in der egoistischen, selbstzerstörerischen, suchtkranken Erwachsenen-Amy fortsetzt – schließlich fordert jeder Absturz, der nicht zum Tod führt, dass sich jemand ernsthaft und besorgt mit einem beschäftigt.

Doch wieso das so ist, muss offenbleiben: Das zu verstehen, ist Mitch Winehouse nicht geeignet. Die Vorwürfe, die Eltern sich machen, führen auch in diesem Fall ins Nichts. Denn selbst wenn es einen Zusammenhang zwischen Kindheitserlebnissen, Erziehungsmaßnahmen, der frühen Trennung von Mitch und Janis Winehouse und Amys Konsumverhalten gäbe: Hätten sie nur gewusst, wie, sie hätten ihr Kind vor dem Tod bewahrt.

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