Welt : Nicht heulen – einfach besser singen

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Das Debakel war unausweichlich. Dieser europäische Wettbewerb, dessen Beiträge hochwertig waren wie selten, wurde zu einem beschämenden Abend für die deutsche Musikbranche. So bekam Deutschland vorgeführt, wo die Musik wirklich zu Hause ist: in Osteuropa. Viele dieser Länder kommen mit dem Besten was sie haben. Denn der Grand Prix hat mittlerweile jene Bedeutung, die er verdient. Trotzdem schafft es Deutschland nicht, einen wettbewerbsfähigen Beitrag einzureichen. Deutschland hat es schwer, denn es gibt keine sicheren Stimmen aus Nachbarländern. Was aber noch mehr Gewicht hat: Deutschland fehlt eine lebendige Musikkultur, wie sie in Osteuropa zu finden ist. So fehlt es etwa an folkloristischen Elementen, mit denen man das eigene Liedgut aufwerten könnte. Umso mehr müsste man sich bemühen, mit herausragendem Pop und Schlager zu punkten – eine Strategie, mit dem die Skandinavier gute Erfahrungen machen. Wenn es dagegen für Deutschland gut läuft, dann nur mit Parodie – oder mit Max Mutzke, dem ersten ernst zu nehmenden deutschen Beitrag seit sehr langer Zeit. Das Erfolgsrezept ist eigentlich kein Geheimnis: ein von der Musikindustrie weitgehend unabhängiger Mentor (Stefan Raab) hatte seinen eigenen Wettbewerb veranstaltet, in dem es tatsächlich auch um Qualität ging. Denn Hauptverursacher allen Übels ist die hiesige Musikindustrie, die sich an ein risiko und ideenloses Muster hält: Warum Exzellentes wollen, wenn sich auch das Mittelmaß ordentlich verkauft? Als sei es schlechterdings nicht möglich, mit einen guten Produkt Geld zu verdienen. Das allerdings müsste die Industrie auch wollen, und da haben jene Betriebswirte das Sagen, die eine Band wie „Wir sind Helden“ erst bemerken, wenn sie nicht mehr zu übersehen ist.

Die Musikindustrie befindet sich zu Recht in einer schweren Krise. Sie schiebt es auf die Musikpiraterie. Eine Ausrede. Wahr ist viel mehr, dass mit mittelmäßigen Produkten, für die man sich nicht mal selbst interessiert, keine Käufer zu gewinnen sind – ebenso wenig wie das kritische europäische Televote-Publikum. Seit kurzem erst ordnet sich dieser Wirtschaftssektor neu, verlagert die lokale Musikproduktion zurück in mittelständische Betriebe, wo der musikalische Sachverstand dem betriebswirtschaflichen wieder gleichgestellt ist. Der Vorentscheid zum Grand Prix müsste einen Weg finden, diesen Veränderungen Rechnung zu tragen. Denn es gibt zwei Wege, Aufmerksamkeit für Musik zu gewinnen. Man kann die PR-Maschine in Gang setzen und die Charts manipulieren. Man kann aber auch ein gutes Lied schreiben.

EIN KOMMENTAR

VON SEBASTIAN HANDKE

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