Welt : Nichts hielt ihn auf

Ein 15-jähriger Schüler hat in den USA neun Menschen erschossen. Er bezeichnete sich als Hitler-Verehrer

Matthias B. Krause

So ganz geheuer war er seinen Mitschülern nie. Er kleidete sich stets in Schwarz, wollte mit seinen Klassenkameraden keinen Kontakt und beteiligte sich unter den Benutzernamen „Todesengel“ und „NativeNazi“ an rechtsradikalen Diskussionsforen im Internet. Doch eine Erklärung, was Jeff Weise, 15 Jahre alt, zu seinem Amoklauf in einem Indianerreservat in Minnesota trieb, hatte auch am Tag danach niemand. Fünf Schüler, eine Lehrerin und einen Wachmann erschoss Weise in seiner Schule. Zuvor hatte er offensichtlich auch seinen Großvater und dessen Freundin getötet. Nach einem kurzen Feuergefecht mit der Polizei richtete er sich schließlich selbst. Weise verletzte zudem mehr als ein Dutzend Mitschüler.

Der Fall ist nach dem Massaker an der Columbine High School der blutigste Amoklauf in einer amerikanischen Schule. In Littleton im Bundesstaat Colorado töteten zwei Jugendliche im April 1999 zwölf Schüler und einen Lehrer. 23 weitere Menschen wurden verletzt, ehe sich die Täter selbst erschossen. Nach der schrecklichen Tat waren die Sicherheitsvorkehrungen für die 300 Schüler an der Red Lake High School im Reservat des Ojibwa-Stammes – wie überall sonst auch im Lande – verschärft worden. Zwei Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes kontrollierten fortan die Besucher, wenn sie das Gebäude betraten. Zudem müssen sie durch einen Metalldetektor gehen. Doch genützt hat das am Montag niemand.

Nach allem, was die Polizei und die lokalen Zeitungen berichten, spielte sich das Drama so ab: Jeff Weise besorgte sich offensichtlich die Dienstwaffen seines Großvaters, zwei Pistolen und ein Gewehr. Nach den ersten beiden Bluttaten fuhr er im Polizeiauto seines Großvaters zur Schule. Dort wurde er am Eingang von zwei – unbewaffneten – Sicherheitsleuten gestellt. Während ein Wachmann versuchte, auf Jeff Weise einzureden, lief seine Kollegin die Schulflure hinunter, um die Klassen zu warnen. „Er hat nichts getan, er hat nur in Jeffs Augen gestarrt“, beschrieb später ein Augenzeuge der Lokalzeitung die Szene, „dann erschoss Jeff ihn einfach“. Der Täter drang in das Gebäude ein und feuerte wahllos auf die Menschen. Augenzeugen berichten, er soll dabei hämisch gegrinst und gewunken haben.

Die Schülerin Sondra Hegstrom erzählte der Lokalzeitung später, wie Jeff ein Mädchen griff und sie mit einer Waffe bedrohte. „Nein, Jeff, hör auf, hör auf“, soll sie gerufen haben, „lass mich in Ruhe. Was machst Du bloß?“ Er habe sich daraufhin von ihr abgewandt, ihr zugewinkt – und jemand anderen erschossen. „Ich habe ihm in die Augen gesehen“, sagte Hegstrom weiter, „dann bin ich in meine Klasse gerannt und habe mich versteckt. Überall konnte man Leute stöhnen, schreien und weinen hören.“ Der Amoklauf soll fast eine halbe Stunde gedauert haben, ehe die Polizei versuchte, den Täter zu stellen.

Das Red Lake Indianer Reservat rund 500 Kilometer nördlich von Minneapolis ist ein einsamer, kalter Ort in diesen Tagen. Etwas mehr als 5000 Mitglieder des Ojibwa Stammes leben hier, die meisten in ärmlichen Verhältnissen. Die Spielcasinos, die dem Stamm gehören, laufen nicht besonders gut, weil in dieser Gegend die Touristen fehlen. Der Anbau von Wildreis und der Fischfang sind nur unzureichende Einnahmequellen. Weise gehörte zu einer respektierten Familie, sein Großvater Daryl Lussier, 58 Jahre alt, war seit 35 Jahren Polizist im Reservat und wollte bald in Rente gehen. Sein Enkel galt als Einzelgänger mit einem schweren Schicksal. Sein Vater hatte vor vier Jahren Selbstmord begangen, seine Mutter erlitt bei einem schweren Autounfall Hirnschäden und lebt in einem Pflegeheim.

Jeff Weise soll in den letzten Tagen die Schule geschwänzt haben. Bereits vor einem Jahr war er offensichtlich der Polizei aufgefallen. In einem rechtsradikalen Internetforum brüstete er sich nach Angaben des „St. Paul Pioneer“ damit, dass sie ihn verhört hätten. Der Vorwurf: Er plane einen Überfall auf seine Schule, am 20. April, Hitlers Geburtstag. Sie ließen ihn aus Mangel an Beweisen jedoch wieder laufen. Im Internet bezeichnete sich der Schüler als „Nationalsozialist“, er schrieb unter anderem: „Ich denke, ich habe immer eine natürliche Bewunderung für Hitler und seine Ideale gehabt. Für seinen Mut, größere Nationen anzugreifen.“ Er beklagt sich zudem darüber, dass die Lehrer auf seine rechtsradikalen Ansichten nicht eingingen. Sie bezeichneten ihn stattdessen als Rassisten.

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