O.J. Simpson : Lebensabend hinter Gittern

Der frühere Football-Star Simpson wurde wegen bewaffneten Raubüberfalls bis zu 33 Jahren Haft verurteilt.

Matthias B. Krause[New York]
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Foto: dpa

Zwei Justizbeamte fassten ihn fest unter die Arme. O.J. Simpson, in blauem Gefängnisanzug, die Hände an eine Kette gebunden, die sie ihm um die Hüfte gelegt hatten, blies die Wangen auf und ließ die Luft langsam heraus. Ein tiefer Seufzer und ein Abschied vom Leben in Freiheit, vielleicht für immer. Bis zu 33 Jahre muss der 61 Jahre alte frühere Football-Star hinter Gitter, erst nach neun Jahren darf er sich um vorzeitige Entlassung bemühen, verkündete Richterin Jackie Glass in Las Vegas. Simpsons Anwälte hatten angekündigt, dass sie das Urteil anfechten werden. Ihr Klient muss aber auf jeden Fall ins Gefängnis, eine vorläufige Freilassung gegen Kaution schloss die Richterin aus.

Vor dem Urteil schwang sich der Mann, der der Nation als zynischer Houdini des Justizbetriebs in Erinnerung ist, zu einer Entschuldigung auf. Mit leiser Stimme, manchmal den Tränen nahe, stammelte er nicht immer zusammenhängende Sätze: „Ich woll te nichts von niemandem stehlen. Ich entschuldige mich, ich entschuldige mich.“ Drei Reihen hinter ihm saß ein weißhaariger Mann, der die Szene ungerührt betrachtete, seine Augen blickten eiskalt durch die Brille. Daneben knetete eine junge Frau ihr Taschentuch. Fred Goldman und seine Tochter Kim sind Angehörige von Ronald Goldman, jenem Mann, der nach Überzeugung seines Vaters und seiner Schwester vor 14 Jahren von der Hand Simpsons starb.

Ron Goldman und Simpsons ehemalige Ehefrau Nicole Brown Simpson wurden am 12. Juni 1994 erstochen in Browns Wohnung gefunden. Der Verdacht fiel sofort auf ihren Ex-Ehemann, den die Polizei erst nach einer spektakulären Verfolgungsjagd in Los Angeles stellte, von Millionen TV-Zuschauern live begleitet. Der folgende Prozess wuchs zu einem bis dahin nicht gekannten Spektakel, angetrieben durch Live-Bilder aus dem Gerichtssaal. Den Freispruch für Simpson am 3. Oktober 1995 verfolgte über die Hälfte der Nation, ein Quotenkiller. Und die Meinungen nach dem Urteil gingen weit auseinander. Während die weiße Bevölkerung glaubte, Simpson sei seiner gerechten Strafe entgangen, begrüßte die Mehrheit der Schwarzen den Freispruch.

Die Goldman-Familie strengte einen Zivilprozess gegen Simpson an und bekam 33,5 Millionen Dollar Schadenersatz zugesprochen. Der frühere Football-Star verstand es jedoch, sich seiner Verpflichtung weitgehend zu entziehen und lebte in Florida im Wohlstand. Gleichzeitig ließ er kaum eine Gelegenheit aus, sich über die Goldmans lustig zu machen. Jüngster Höhepunkt: ein Buch mit dem Titel „If I Did It“ (Wenn ich es getan hätte), in dem Simpson schilderte, wie er die Mor de begangen hät te, wäre er es denn gewesen. Der Verlag zog das Werk kurz vor dem Erscheinungsdatum zurück. Daraufhin erwirkte die Goldman-Familie das Recht, es selbst herauszubringen (mit dem Zusatz „Geständnis des Mörders“), um so einen Teil ihres Geldes einzutreiben.

Vordergründig hatte der Prozess nichts mit alldem zutun. Simpson wurde verurteilt, weil er im September 2007 zwei Memorabilia-Händler in einem Hotelzimmer in Las Vegas mit vorgehaltener Waffe zwang, ihm ihre Ware auszuhändigen. Vor Gericht behauptete er, er habe sich nur wiederholen wollen, was ihm gehöre.

Richterin Glass wies den Verdacht zurück, sie habe sich von der Vorgeschichte beeinflussen lassen. „Ich bin nicht hier, um zu versuchen, irgendeine Form von Rache zu verüben oder für irgend etwas zurückzuzahlen.“ An der Schuld des Angeklagten habe es keine Zweifel gegeben: „Alles in diesem Fall war auf Tonband aufgenommen. Die Beweise waren überwältigend.“ Die Anklage wollte Simpson 18 Jahre hinter Gitter schicken, das Gesetz hätte auch lebenslang zugelassen. Wenige Minuten nach dem Urteil traten Goldman und seine Tochter vor die Mikrofone. Eine kleine Gruppe von Protestler, die in dem Urteil einen Fall von Rassismus sehen, versuchte, sie niederzubrüllen. Goldman gab sich derweil keine Mühe, seine Genugtuung zu unterdrücken. „Wenn unsere jahrelangen Versuche, ihn zu bestrafen dazugeführt haben, dass er in Las Vegas einen bewaffneten Raubüberfall beging, dann ist das großartig. Die Sache wird nie für uns abgeschlossen sein. Ron ist für immer gegangen. Aber wir haben die Zufriedenheit, dass dieses Monster ist, wo es hingehört, hinter Gittern.“

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