Welt : Ohne Ansehen der Person

Blinde, die als Richter arbeiten oder als Staatsanwälte – geht das? Sehr gut sogar. Jedenfalls in Deutschland.

Sandra Geiss-Makowski

Es ist Sitzungszeit im Zivilgericht, und beim ersten Verhandlungstermin geht es um eine falsche Küche. „Die Knöpfe an den Schränken haben nicht das richtige Weiß“, sagt die Klägerin. „Wir verhandeln hier einen Krieg der Knöpfe“, sagt der Richter.

So geht es an deutschen Gerichten täglich zu. Und dennoch gibt es hier eine Besonderheit: Uwe Boysen, Vorsitzender Richter am Landgericht Bremen, ist blind. Die Sonnenbrille, die er im Gerichtssaal trägt, ist ebenso schwarz wie seine Robe. Vor ihm steht eine Tastatur mit Braille-Tasten, mit der er mitschreiben kann und an deren Ausgabezeile er anschließend ablesen kann, ob er alles richtig protokolliert hat.

Im Zivilrecht geht es oft um Feinheiten, in diesem Fall um Dunstabzugshauben und Kühlschränke. Der Klägerin, eine blonde Frau mit goldenem Schmuck, fällt es schwer, sachlich zu bleiben. Immer wieder beschwert sie sich über die angeblichen Mängel, geht aufgebracht dazwischen, während ihr Gegenüber redet. Ihr Gegenüber ist der Anwalt des Küchenherstellers, ein junger Mann, er ist gut vorbereitet. „Ich habe hier mal eine kleine Zeichnung angefertigt, um zu zeigen, worum es geht.“ Der junge Anwalt fährt zusammen.

„Oh, in dem Moment, in dem ich es aussprach, war mir klar, dass das hier nicht wirklich zählt“, sagt er verlegen. Boysen nimmt das mit Humor und lacht. Der Anwalt solle doch einfach erläutern, was da gezeichnet ist. Und der erklärt, wie nun genau eine so genannte Kranzleiste an einem zurückspringenden Regal seitlich zurückspringt. Bei seinen Ausführungen muss der Anwalt selbst grinsen, und auch der Vertreter des Küchenunternehmens neben ihm kann ein Schmunzeln nicht unterdrücken. Skurril klingt das alles, aber skurril wäre es wohl auch gewesen, hätte man die Zeichnung begutachten müssen. Nur die Klägerin findet das alles nicht komisch, mit bitterernster Miene sitzt sie da in ihrem Krieg der Knöpfe. Die Blindheit des Richters haben die Beteiligten längst wieder vergessen.

Es sei typisch, dass den Prozessbeteiligten seine Blindheit nur in einzelnen Momenten bewusst werde, sagt Boysen. Wer sich vor einem Gericht wiederfinde, auf viel Geld hoffe oder sich vor einer Niederlage fürchte, sei viel zu aufgeregt, um sich über die Besonderheiten des Richters Gedanken zu machen. Es ist eine deutsche Besonderheit, dass Blinde in so großer Zahl Recht sprechen dürfen. Nirgendwo sonst gibt es so viele blinde und sehbehinderte Richter wie in Deutschland. In ganz Großbritannien gibt es nur einen einzigen, in Frankreich nur sehr wenige. In Österreich scheiterte eine blinde Juristin vor einigen Jahren, als sie sich um eine Zulassung zur Richterprüfung bewarb. Ihr fehle die körperliche Eignung, so die Begründung. In Deutschland ist die Situation anders, Blinde auf dem Richterstuhl haben Tradition. Es ist eine Tradition, die auf die beiden Weltkriege zurückgeht, den Kriegsblinden sollte eine Perspektive eröffnet werden. In Spitzenzeiten gab es 60 blinde Richter an deutschen Gerichten, einer sprach sogar am Bundesgerichtshof in Karlsruhe Recht.

„Es gibt große nationale Unterschiede“, erklärt Boysen, der auch Vorsitzender des Deutschen Vereins der Blinden und Sehbehinderten in Studium und Beruf (DVBS) ist. „In Frankreich etwa hätte ich es als blinder Richter deutlich schwerer, aber dafür ist es dort ganz normal, dass ein Blinder an einer ‚normalen’ Schule unterrichtet.“ Hier zu Lande gilt Jura als ideales Fach für Blinde – was auch die Gefahr birgt, die Vielfalt der Berufswünsche junger Betroffener zu ignorieren. Da kommt es schon mal vor, dass der Mutter eines erblindenden Sohnes, der gerade mal 14 Jahre alt ist, von einem wohlmeinenden Augenarzt gesagt wird: „Ihr Sohn kann nur Jura studieren.“ So, als führte die Blindheit wie auf Schienen zu diesem Beruf. Dabei gibt es blinde Psychologen, blinde Germanisten, sogar blinde Physiker. Fast in jedem Fach gibt es einen theoretischen Zweig, der auch für Studierende ohne Augenlicht in Frage kommt. An der Universität Hamburg kümmert sich Maike Gattermann-Kasper darum, dass auch ungewöhnliche Studienwünsche von blinden Abiturienten in die Tat umgesetzt werden können. Die Beraterin für behinderte und chronisch kranke Studierende ist selbst stark sehbehindert. Jura sei gut geeignet, weil es sehr sprachlich studiert werde. Doch es sei eben nicht die einzige Möglichkeit. „Man sollte nach Neigung studieren“, sagt die Wirtschaftswissenschaftlerin, die während ihrer Promotion erkrankte. „Man darf der Behinderung nicht zu viel zuschreiben.“

Für ein Jurastudium sprechen allerdings die guten Beschäftigungsmöglichkeiten. Juristen ohne Augenlicht haben gute Chancen auf einen Arbeitsplatz – wenn auch nicht in allen Bereichen. So darf ein Blinder nicht Notar werden, weil er die Identität einer Person nicht unmittelbar und zweifelsfrei feststellen kann. Auch als Anwälte haben es Sehbehinderte schwer. Zumindest, wenn sie in einer Spitzenkanzlei arbeiten wollen. „Das Vertrauen der Mandanten ist der große Knackpunkt“, sagt Dr. Alexander Dörrbecker. Er hat in Münster und in Miami studiert, er hat einen deutschen Doktortitel und eine amerikanische Zulassung als Rechtsanwalt. Nach dem Studium ist Dörrbecker bei einer großen internationalen Kanzlei untergekommen.

Er war der erste deutsche Blinde, dem ein solcher Karriereschritt gelang. Großen Spaß habe ihm die Arbeit dort gemacht, schließlich habe er sich schon immer für Wirtschaftsrecht begeistert. Seine Chefs standen hinter ihm, sie versuchten, den Mandanten die Skepsis zu nehmen. Doch in der Praxis stieß der junge Jurist an Grenzen. Die Anwälte der Kontrahenten nutzten die Situation aus, dass ihm als Blinden nicht immer sofort alle Dokumente in Blindenschrift vorgelegen haben, und spielten ihren Vorteil aus. Wo es um Millionen geht, werden Mandanten nervös und die Gegner nicht selten unfair.

Man dürfe sich nichts vormachen als Blinder, sagt der 32-Jährige. Ein sturer Glaube, man könne alles genauso schaffen wie ein Kollege ohne Handicap, führe zu nichts. Schon als er seinen Vermieter mal in juristischen Fragen beraten habe, seien ihm die Beschränkungen deutlich aufgezeigt worden. „Man kann als Blinder nicht zu einem Räumungstermin gehen und den säumigen Zahler zurechtweisen, das funktioniert einfach nicht.“

So bleibt auch für exzellent ausgebildete Blinde vieles eine Frage der Machbarkeit. Eine eigene Nische finden, das ist die Kunst. Alexander Dörrbecker ist heute Referent im Bundesministerium der Justiz, Fachgebiet Wertpapier- und Gesellschaftsrecht. Mit direkter Verbindung zu den wirtschaftlichen Themen, die ihn immer interessiert haben. Der neue Job sei eine Herausforderung, keine Notlösung. Dennoch war die Erkenntnis, nicht als Anwalt arbeiten zu können, bitter für ihn.

Die Domäne der sehbehinderten Juristen bei Gericht ist in Deutschland nach wie vor das Richteramt. Im Amtseid schwört ein angehender Richter, „ohne Ansehen der Person“ zu entscheiden, die Augenbinde der Justitia ist Symbol für diesen Anspruch. Blinde scheinen für diese Position gut geeignet, doch der Weg in die Strafgerichte ist ihnen bereits seit einem Urteil des Bundesgerichtshofes (BGH) verschlossen. In der Tatsacheninstanz, wo die Beweise zusammengetragen werden, seien blinde Strafrichter ungeeignet, da sie an einer Inaugenscheinnahme eines Tatbestandes nicht teilnehmen können. Dass die Schärfe eines Messers ebenso mit den Händen abgetastet werden kann wie mit den Augen besehen, ändert an diesem Problem nur wenig. Was ist, wenn ein Mann wegen Geschlechtsverkehr mit einer Minderjährigen vor Gericht steht, und sich darauf beruft, das Mädchen habe ausgesehen wie 22?

Der Richter muss sich mit eigenen Augen ein Urteil bilden können, es gilt der Grundsatz der Unmittelbarkeit. Ein blinder Jurist mit einer Leidenschaft für das Strafrecht hat Pech. Seit dem Urteil des BGH, das 1987 erging, hatte kein Strafgericht mehr den Mut, einen blinden Strafrichter einzustellen und damit ein Revisionsrisiko einzugehen. Kerstin Sauer hat trotz ihrer Sehbehinderung eine Nische abseits des Zivilrechts gefunden. Sie wollte immer ins Strafrecht, und zwar auf keinen Fall auf die Seite der Anwälte.Jeden Verbrecher verteidigen zu müssen, das hätte sie nicht gewollt.Auch wenn es sich finanziell gelohnt hätte.Wegen der Einschränkungen für Blinde entschied sie sich gegen eine Richterlaufbahn, weil sie keine Kraft gehabt habe für diesen ewigen Don-Quichotte- Kampf gegen die Windmühlen. Sie entschied sich für die praktikabelste Lösung und wurde die erste blinde Staatsanwältin Deutschlands. Für die Staatsanwaltschaft gilt die Einschränkung des BGH nicht, denn über dem Vertreter der Anklage steht immer noch der Richter. Ein Angeklagter, der sich ungerecht behandelt fühlt, kann gegen eine blinde Staatsanwältin nichts einwenden.

Sauer arbeitet genauso viele Fälle im Jahr ab wie ihre sehenden Kollegen: über 1000. Beim Aktenstudium hilft ihr eine Assistentin, sie sucht Bücher in der Bibliothek, liest auch mal einen Text für sie quer und berichtet ihr nur die Quintessenz. Die Mitarbeiterin ist mehr als eine Vorleserin, sie arbeitet ihrer Chefin effektiv zu: „Wenn ich nur einen Papagei bräuchte, der mir die Texte vorliest, könnte ich ja auch einen Scanner nehmen.“

Wie ein Angeklagter aussieht oder welche Kleidungsstücke ein Zeuge trägt, berichtet die Assistentin ihr nicht. Das ist auch nicht nötig. „Wenn jemand angetrunken und ungewaschen im Gericht erscheint, rieche ich das sofort, und wenn ein Zeuge Kaugummi kaut, höre ich es“, berichtet Sauer. Ihre Plädoyers hält sie frei, und wenn sie sich im Gerichtssaal bewegt, tut sie das ohne Blindenstock. Viele Zeugen merken gar nicht, dass sie blind ist. Dass jemand auf ihre Sehbehinderung reagiert, erlebt Kerstin Sauer eher im Alltag. Beim Arzt zum Beispiel. Eine Blinde als Privatversicherte? Da reagierten Sprechstundenhelferinnen und Ärzte schon mal mit Erstaunen. „Die kippen fast um, wenn sie von meinem Beruf erfahren.“

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