Welt : Opfer, weil er Einsen schrieb

Hildesheim ist erschüttert. Monatelang wurde an der Berufsschule ein Schüler misshandelt

Christian Wolters[Hildesheim]

FOLTER IN DER SCHULE

Von Christian Wolters,

Hildesheim

Sie haben die Arme verschränkt, stehen mucksmäuschenstill da und hören zu. Es ist 8 Uhr, eigentlich sollte jetzt der Unterricht beginnen. Doch Hans-Hermann Sölter hat die Schüler der Werner-von-Siemens-Schule in der Aula zusammengetrommelt, spricht von „Bestialität“ und „schrecklichen Vorfällen“. Worum es dem Leiter der Berufsbildenden Schule im Hildesheimer Stadtfeld geht? Seine Schüler ahnen es. Denn die Polizei hat eine komplette Klasse ihrer Schule abgeführt. Alle rätseln: Was geschah in der 3B?

Rosi Fellendorf weiß mehr. Die zierliche Frau mit der leisen Stimme ist Schulsozialpädagogin an der Von-Thünen-Straße. Sie war es, die in der vergangenen Woche in einer Parallelklasse der 3B Wortfetzen aufgeschnappt hatte. Von Gewalt war da die Rede, Quälerei und Demütigung im einjährigen Berufsvorbereitungsjahr Metall. Fellendorf hakte nach – und deckte so das Martyrium eines 17-jährigen Schülers auf.

Es ist ein stiller, in sich gekehrter junger Mann, der da zum Opfer geworden ist. Von schmalem Wuchs, ist er seinen überwiegend deutsch-russischen Mitschülern körperlich hoffnungslos unterlegen. Im Unterricht sieht das anders aus. Da zeigt der junge Mann gute Leistungen, erst kürzlich hat er wieder eine Eins geschrieben. Anerkennung bei seinen elf Mitschülern verschafft ihm das nicht. Im Gegenteil. Von September an wird der 17-Jährige immer mehr zum Außenseiter. Er wird getreten und verprügelt. 17 Wochen lang, jeden Mittwoch und Donnerstag. In Pausen offenbar, im Materialraum.

Seine Mitschüler zwingen ihn, Zigaretten zu essen, sich auszuziehen. Er soll seine blauen Flecke zeigen. Sexuelle Quälereien kommen dazu. Wieder und wieder passiert das, auch auf dem Schulgelände. Und parallel zu alledem läuft eine Videokamera. Die Peiniger werden später die gefilmten Qualen ihres Opfers im Internet anbieten.

Der 17-Jährige leidet still. Nicht einmal seine Eltern hätten etwas bemerkt, sagt Rosi Fellendorf. Auch der erfahrenen Pädagogin hat sich der junge Mann erst nach stundenlangen Gesprächen geöffnet. „Er hatte wirklich ungeheure Angst“, sagt sie und nimmt Eltern und Lehrerkollegium in Schutz: Die Wundmale seien unter der Kleidung des Schülers verborgen gewesen – „es war einfach nicht zu entdecken“. Bis die Pädagogin am vergangenen Donnerstag Verdacht schöpft. Sofort schaltet die Werner-von-Siemens-Schule Polizei und Staatsanwaltschaft ein. Am Montagmorgen schlagen die Ermittler zu. Beschlagnahmen Computer und Videomaterial, 15 Chips mit dem sadistischen Foto- und Filmmaterial. Angefertigt von vier Schülern der 3B, zwei von ihnen russlanddeutscher, einer türkischer und einer deutscher Herkunft.

Täter drohen Zeugen mit Gewalt

Pünktlich zur ersten Stunde rücken die Polizisten dann auch in der Schule an, nehmen die komplette Klasse mit zum Verhör. Sieben Schüler verlassen das Dienstgebäude an der Schützenwiese als freie Leute, fünf davon gelten aber weiter als „Beschuldigte“. Die vier Hauptverdächtigen schickt ein Richter in Untersuchungshaft. Wegen Verdunkelungsgefahr, denn das Quartett droht: „Den Zeugen geht es genauso wie dem Opfer.“ Stundenlang dauern die Vernehmungen im Amtsgericht, bei denen auch ein russischer Dolmetscher aushelfen muss. Laut Staatsanwaltschaft gestehen die Vier am Ende alle Taten, schieben sich jedoch gegenseitig die Schuld zu. Motive? Fehlanzeige. Nur als er auf die Leiden des Opfers angesprochen wird, sagt einer der Täter gestern offenbar ungerührt: „Wenn ich an seiner Stelle gewesen wäre, hätte ich mich umgebracht.“ Schulleiter Hans-Hermann Sölter sucht zur gleichen Zeit nach Erklärungen. Die scheinbar Stärkeren seien auf einen Schwächeren losgegangen, sagt er vor seinen Schülern, später auch vor dutzenden Medienvertretern. „Aber das hat nichts mit Stärke zu tun. Nichts mit Männlichkeit. Das ist einfach erbärmlich, feige und niederträchtig.“ Als er seine Schüler energisch aufruft, mutig zu sein, sich einzumischen, statt wegzusehen, da bekommt der sonst so zurückhaltende Pädagoge Applaus.

Doch der verhallt schnell.

Das Opfer hatte erst vor einem halben Jahr die Nordstemmer Hauptschule verlassen. Nach der neunten Klasse, freiwillig in Richtung Berufsbildende Schule. Seine ehemalige Klassenlehrerin sagt: „Er suchte eine Perspektive für sein Berufsleben.“ Er sei ein stiller Schüler gewesen. Aber einer mit Freunden – und alles andere als ein Außenseiter oder Prügelknabe. Ihr Ex-Schüler wandte sich nach dem Wechsel nicht von seiner alten Klasse ab, kam regelmäßig zu den Runden in der „offenen Teeküche“. Im Fach Deutsch zeigte er gute Leistungen, sagt die Pädagogin noch. Die Sprache, sich zu offenbaren, hat er nicht gefunden.

Der Autor ist Reporter der „Hildesheimer Allgemeinen Zeitung“.

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