Welt : Oskar Schindler: Streit um einen Koffer

Claudia Keller

"Heute kommt Oskar und bringt seinen Koffer", notiert Annemarie Staehr im November 1970 in ihr Tagebuch. Wenige Tage später: "Ankunft mit Hindernissen. Koffer zwei Zentner". "Oskar", das ist Oskar Schindler. Jener Sudetendeutsche, der zwischen 1939 und 1945 1200 polnischen Juden das Leben gerettet hat und dem Steven Spielberg fünfzig Jahre später mit "Schindlers Liste" ein Denkmal gesetzt hat.

Der Koffer, um den es geht, ist ein abgenutzter grauer Samsonite-Koffer voller Dokumente: hunderte von Briefen an und von Oskar Schindler aus den 50er und 60er Jahren, Urkunden, Fotos. Selbst ein Durchschlag der berühmten "Liste" steckte in dem Koffer, den Schindler 1970 seiner Vertrauten Annemarie brachte.

Ganz unscheinbar

Eben dieser unscheinbare Koffer wurde vor zwei Jahren auf dem Dachboden der Staehrs in Hildesheim gefunden. Jetzt ist er Gegenstand eines Rechtsstreits, der heute vor dem Stuttgarter Landgericht eröffnet wird. Schindlers Witwe Emilie fordert von der "Stuttgarter Zeitung" 100 000 Mark Schadensersatz dafür, dass diese im November 1999 in einer sechsteiligen Serie über die Dokumente im Koffer berichtete und einige abdruckte.

"Ich will den Koffer", entrüstete sich die in Argentinien lebende 94-Jährige schon 1999, "die Dokumente gehören mir, ich bin die Witwe und rechtmäßige Erbin." Schindler hatte sich in den fünfziger Jahren von ihr getrennt, sich aber nie scheiden lassen. Mit einer einstweiligen Verfügung versuchte Emilie Schindlers Stuttgarter Anwalt Hübner 1999 zu verhindern, dass der Koffer nach dem Willen der Staehrs in die Holocaust-Gedenkstätte Jad Vashem in Israel transportiert wird. Stattdessen wollte sie ihn nach Argentinien bringen lassen. Die Verfügung kam zu spät, die Dokumente waren bereits unterwegs nach Jerusalem.

Wie kam der Koffer von Oskar Schindler, der bis zu seinem Tod 1974 in Frankfurt lebte, überhaupt nach Hildesheim und dreißig Jahre später nach Stuttgart? Am Strand von Tel Aviv lernte Schindler 1970 Annemarie Staehr kennen. Ihr Mann, ein Arzt, begutachtete im Auftrag der Bundesregierung israelische Juden, die einen Antrag auf Wiedergutmachung gestellt hatten, auf ihre körperlichen Schäden hin. Das Ehepaar freundete sich mit Schindler an, und als dieser kurze Zeit später erkrankte, pflegten sie ihn über Wochen hinweg in ihrem Haus in Hildesheim. Annemarie Staehr ist es auch, die sich nach Schindlers Tod um die Auflösung seiner Wohnung kümmerte. Emilie Schindler interessierte sich dafür nicht, das Erbe bestand hauptsächlich aus Schuldscheinen. Sie kam auch nicht zur Beerdigung. Bei der Wohnungsauflösung habe Annemarie Staehr sich die Dokumente, die 30 Jahre später in dem Koffer gefunden wurden, unrechtmäßig angeeignet, unterstellt Emilies Anwalt Walter Hübner. Annemarie Staehr kann nicht mehr befragt werden, sie starb Mitte der achtziger Jahre. Ihr Mann vor drei Jahren. Wahrscheinlich erinnerte nicht einmal mehr er sich an den Koffer von Oskar Schindler, der auf dem Dachboden verstaubte.

Die Kinder jedenfalls trauten ihren Augen nicht, als sie nach seinem Tod beim Aufräumen des elterlichen Hauses in einer Truhe einen Koffer mit dem Anhänger "O.Schindler" fanden. Der Sohn von Annemarie, der in Stuttgart lebt, nahm den Koffer mit und zeigte ihn einem befreundeten Redakteur der "Stuttgarter Zeitung".

Eineinhalb Jahre nach der Dokumentation in der "Stuttgarter Zeitung" hat sich Walter Hübner nun eine neue Rechtskonstruktion einfallen lassen: Selbst wenn Annemarie Staehr rechtmäßig Eigentümerin des Koffers gewesen wäre, hätte die Witwe das Urheberrecht an dem Inhalt geerbt. Dagegen habe die "Stuttgarter Zeitung" verstoßen und Emilie daran gehindert, die Dokumente zu verkaufen. Nach Recherchen bei Medien wie dem "Spiegel" habe er erfahren, dass Emilie mindestens 100 000 Mark dafür bekommen hätte, sagt Hübner. Und die sollen nun die "Stuttgarter Zeitung" als Entschädigung zahlen.

"Eine sehr gewagte Konstruktion", kommentiert Uwe Vorkötter, Chefredakteur der "Stuttgarter Zeitung". Denn urheberrechtliche Nutzungsansprüche könne Emilie nur an einer geistigen Schöpfung ihres verstorbenen Mannes geerbt haben. "Und was ist mit den Briefen, die von anderen stammen?", fragt Vorkötter. Hübner komme aus diesem Problem nur heraus, indem er argumentiere, der Koffer sei ein "Sammelwerk". Dies liege dann vor, wenn aus einer Vielzahl von Unterlagen nach einem eigenen Ordnungsprinzip eine Auswahl oder neue Zusammenstellung getroffen und dadurch ein neues Werk geschaffen worden sei. Thilo Bodendorf, der Anwalt der Stuttgarter Zeitung, hält diese Argumentation für "aussichtslos". Er kann nicht erkennen, worin bei dem Sammelsurium im Koffer diese Form der Ordnung bestehen sollte.

Enge Vertraute

Emilie Schindler selbst wird sicherlich nicht zu dem Prozess nach Stuttgart reisen. Man kann sie auch nicht nach ihrer Meinung fragen. Man kann überhaupt nicht mit ihr sprechen. Sie lebt seit einigen Monaten in einem Pflegeheim. Möglicherweise wird aber Erika Rosenberg nach Stuttgart kommen. Sie ist in Buenos Aires die engste Vertraute von Emilie und versteht sich als ihr Sprachrohr. Als eine "Unverschämtheit" bezeichnet Rosenberg das Vorgehen der "Stuttgarter Zeitung".

"Es geht in dem Prozess nicht um Geld, sondern um Gerechtigkeit", sagt sie mit empörter Stimme. Emilie Schindler sei eine gebrechliche alte Frau, die in ihrem Leben immer zu kurz gekommen sei. Immer waren es Männer, die sie um ihre Rechte betrogen, sagt Rosenberg. Spielberg, der ihr nur 50 000 Dollar zugestanden habe, und zuletzt Uwe Vorkötter. So könne Schindler heute noch nicht einmal das Pflegeheim bezahlen. Ob das Spielberg-Geld schon aufgebraucht ist? Das hätte der Regisseur auf ein New Yorker Konto eingezahlt, das ein Freund von Emilie kontrolliere. Frau Schindler habe gar keinen Zugriff darauf, so Rosenberg.

Emilie Schindler führt den Prozess gegen die "Stuttgarter Zeitung" auch nicht selbst. Sondern für sie der Münchner Verlag Langen Müller Herbig. In diesem Haus hat Erika Rosenberg im letzten Herbst das vierhundert Seiten starke Buch "Ich, Oskar Schindler" herausgebracht, in dem sie Dokumente aus dem Koffer abdruckte. Rosenberg kennt die Unterlagen, weil die Stuttgarter Zeitung letztes Jahr 40 Aktenordner mit Kopien aller Dokumente aus dem Koffer an Emilie nach Argentinien geschickt hat. "Wir führen den Prozess, weil wir Genugtuung für Emilie Schindler wollen", sagt Verlagschefin Brigitte Sinhuber.

Getroffen hat sie die Schindler-Witwe noch nie. Gesprochen auch nicht. Viele Anwälte um eine alte Frau, von der man nicht weiß, ob sie von all dem Aufhebens um sie und um einen alten Samsonite-Koffer überhaupt noch viel wahrnimmt.

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