Ostsee : Ein Buckelwal auf Urlaub

Zwölf Meter ist das Säugetier, das vor Rügen unterwegs ist. Verhungern dürfte der jetzt in der Ostsee schwimmende Buckelwal so schnell nicht. Trotzdem sollte er so schnell wie möglich seinen Weg zurückfinden.

Roland Knauer
Wal
Der Schaumgeborene. Wann immer Buckelwale wie hier vor Equador auftauchen, sind die Menschen begeistert. -Foto: AFP

Sie wollten eigentlich Vögel beobachten, da entdeckten sie ihn. Ornithologen haben im Seengebiet vor Rügens Kap Arkona einen etwa zwölf Meter langen Buckelwal gesichtet. Das teilte das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund am Dienstagabend mit, der Direktor Harald Benke nannte das Auftauchen des Säugetieres eine Sensation. Den letzten lebenden Buckelwal hatte man 1978 in dieser Region gesehen, das zehn Meter lange Tier tauchte gleich mehrmals auf und man taufte es auf den Namen Ossi. 2003 war am Strand von Groß Schwansee in der Lübecker Bucht dann ein sechs Meter langes totes Buckelwalbaby gefunden worden. Die Ornithologen, die den Wal jetzt entdeckten, sagten, er sei mehrfach gesprungen. „Er war mindestens 25 Mal aus dem Wasser raus. Er sah sehr mobil aus.“

Zwar gelten die bis zu 19 Meter langen und 45 Tonnen schweren Tiere als Wanderer, doch normalerweise halten sie sich an eine bestimmte Route: Im Winter bringen die Weibchen ihre Jungen in den Tropen zur Welt, im 24 bis 28 Grad Celsius warmen Wasser. Im Frühjahr ziehen sie dann in die Nähe der Pole. Dort gibt es große Schwärme kleiner Fische und Quallen, die sie mit einer raffinierten Siebvorrichtung im Maul aus dem Wasser holen. Von ihrem Oberkiefer hängen an Stelle von Zähnen fein gefiederte Hornplatten nach unten. Schwimmt der Buckelwal mit offenem Maul durch einen Fischschwarm, bleibt seine Beute zwischen diesen sogenannten Barten hängen.

Ihre Barten wurden den Buckelwalen früher aber auch zum Verhängnis. Weil sich aus ihnen Stangen für Regenschirme oder ein Korsett für die modebewusste Frau des vorigen Jahrhunderts fertigen ließen, wurden die Tiere gejagt. Begehrt war auch die Fettschicht, die Buckelwale von der Kälte der polaren Gewässer isoliert. Daraus wurde Waltran gewonnen, der wiederum als Öl für Lampen oder Rohstoff für Kerzen verwendet wurde.

Früher waren Buckelwale also keine Seltenheit. Als die ersten Europäer in der Bucht siedelten, an der sich heute die Hauptstadt Neuseelands, Wellington, schmiegt, fanden sie wegen der lauten Buckelwale nachts oft keinen Schlaf. Die schönen Melodien, mit denen sich Buckelwale verständigen und vor allem einen Geschlechtspartner suchen, hörten sie dagegen kaum. Diese Melodien werden genau wiederholt, was an menschliche Lieder erinnert.

Weil auf ihrem Weg aus der Antarktis in die Südsee sehr viele Buckelwale vor Wellington Station machten, begann dort bald die Jagd nach Lampenöl und Korsettstangen, längst belästigt der Lärm der Buckelwale keinen Neuseeländer mehr. Vor Wellington tauchen die Tiere inzwischen ähnlich selten wie in der Ostsee auf, verirrt sich doch einmal ein Buckelwal dorthin, vermelden die Medien überall im Land eine Sensation.

Vielleicht hat der Gesang der Buckelwale im Mittelalter auch so manchen Europäer um den Schlaf gebracht. Gerade die in Küstennähe jagenden Tiere aber wurden leichte Beute für Fischer, weil Buckelwale zwar durch ihre akrobatische Luftsprünge bei Walbeobachtungen sehr beliebt sind, aber ansonsten nur langsam schwimmen. Und da sich die Tiere meist an ihre Routen halten, kommen sie in eine Region, in der sie einmal ausgerottet worden sind, so schnell nicht mehr zurück.

Manchmal aber kann sich ein Buckelwal auf der Nahrungssuche verirren und so durch die schmalen Meeresstraßen zum Beispiel in die Ostsee gelangen, auch sind die Tiere sehr neugierig. Verhungern dürfte der jetzt in der Ostsee schwimmende Buckelwal so schnell nicht, vermutet der Walexperte und Meeresbiologe Sven Koschinski aus Kiel: „Buckelwale kommen im flachen Wasser gut zurecht und kleine Fische finden sie gerade vor Rügen ebenfalls reichlich.“

Trotzdem sollte der Wal so schnell wie möglich seinen Weg zurückfinden. Das Nahrungsangebot in der Ostsee ist für ihn mau, auch kann die See im Winter zufrieren. Spätestens dann sollte er wieder im Atlantik sein.

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