Welt : Partybreaker: Sturmfrei mit Störungen

Julia Rehder

Unter lautem Gelächter lassen die Jugendlichen ihre Gläser fallen. Absichtlich, nur so zum Spaß. Die Terrasse ist mit Scherben übersäht. In der Küche sind die Wände mit dem Saft zerquetschter Lebensmittel beschmiert. Tomaten liegen in der Mikrowelle, weil sie dort "so schön zerplatzen". Jana Hermann ist das Lachen vergangen. Aufgrund der scheußlichen Flecken und der zerbrochenen Gläser wird sie ihren Eltern die Party vom Samstag wohl beichten müssen.

Eigentlich wollte die 14-Jährige mit ein paar Freunden ihren Geburtstag nachfeiern. Damit "es richtig fetzt" wählte sie ein Wochenende, an dem ihre Eltern verreist waren. Schnell hatte es sich herumgesprochen, dass eine Party steigt, und so kamen auch ungeladene Gäste. Das Mädchen aus dem Münchner Stadtteil Untermenzing wollte kein Spielverderber sein und gewährte den unbekannten Gesichtern Zutritt zu dem Reihenhaus ihrer Eltern. Außerdem hoffte sie auf neue Bekanntschaften. Dass sich die Jugendlichen schließlich auf ihre Kosten betrinken und mit fragwürdigen Gags amüsieren würden, wäre dem Mädchen im Traum nicht eingefallen. Doch Janas Erlebnis ist kein Einzelfall. "Sogenannte Partybreaker gibt es immer wieder, vorzugsweise trifft es die Kinder wohlhabender Eltern", berichtet der Erziehungswissenschaftler Peter Struck von der Universität Hamburg. Durch seine zehnjährige Praxisarbeit kennt er solche Vorfälle zur Genüge. Janas Abend ist vergleichsweise glimpflich verlaufen. Ob zur Faschingszeit oder in den Winterferien, sobald Eltern sich einen Kurzurlaub ohne Kinder gönnen, können Party-Randalierer ihr Unwesen treiben. Auf dem Land kommt es häufiger vor, dass Feiern von Fremden aufgemischt werden. Dort langweilen sich die Heranwachsenden öfter, schreien förmlich nach Action, die sich dann verselbstständigt und eskaliert.

Zum Teil sind die Störenfriede richtig organisiert. Sobald der Erste Wind von einer Party bekommt - etwa weil er selbst als Freund eines Freundes mitgenommen wird - ruft er Verstärkung herbei. Struck erinnert sich an einen Vorfall im Alten Land bei Hamburg. Dort traf es ein gutbürgerliches Elternhaus, das systematisch verwüstet wurde. Fünfzig ungebetene Gäste tauchten bei der Party auf. Im Nachhinein war die Motivation klar: Es ging um Rache, gemeint war eigentlich die Mutter - eine unbeliebte Lehrerin in der Region.

Im Gegensatz zu den Opfern kommen die Täter aus allen sozialen Schichten. Oft handele es sich auch um untereinander rivalisierende Subkulturen, beschreibt der Soziologe die Szene. Die Hooligans gegen die Raver, die Graffitisprayer gegen die Skater oder die Zecken (früher Punks) gegen örtliche Straßenbanden. Politisch motiviert sind solche Taten selten, wie auch Rolf-Dieter Baer, Jugendkoordinator der Polizei in Frankfurt, bestätigt.

Das Phänomen der Partystörer ist nicht neu. "Gatecrasher" wie sie im englischsprachigen Raum bezeichnet werden, gibt es schon lange. Nur ist es durch die Handys, die die Jugendlichen bei sich haben, wesentlich einfacher geworden, Feste anderer kippen zu lassen. Per Funk rufen sich die Störenfriede Unterstützung herbei, die sie dann selbst zur Tür hereinlassen.

"Sehr junge Gastgeber sind oft zu blauäugig", meint Struck. Wenn sie mal "sturmfreie Bude" haben sind sie geneigt, zu viele Leute einzuladen. Drogen und Alkohol spielen bei Entgleisungen außerdem eine große Rolle. Besonders leicht läuft die Situation aus dem Ruder, wenn auch der Gastgeber betrunken ist. Um so weniger ist der Jugendliche dann fähig, das Ausmaß der Katastrophe abzuschätzen. Polizist Baer stimmt dem Pädagogen zu: "Jugendliche haben in der Regel nicht die Reife, als Gastgeber aufzutreten und, wenn es nötig ist, eine Party auch zu beenden."

Sie wollen nicht als Spießer dastehen und scheuen sich, die Polizei zu rufen. Doch letztendlich, so meint Baer, steht nur derjenige vor seinen Freunden schlecht da, der sich nicht durchsetzen kann. Wer die ungebetenen Gäste aber nicht aus eigenen Kräften wieder los wird, sollte die Hilfe der Polizei ruhig in Anspruch nehmen. Auch die Beichte gegenüber den Eltern fällt schließlich leichter, wenn sich die Verwüstung im Rahmen hält.

Um den jungen Leuten solche unliebsamen Erfahrungen zu ersparen, geht Rolf-Dieter Baer auf Informationsabende an Schulen und spricht dort mit Lehrern und Eltern. Er rät ihnen vor allem eines: mit den Kindern die Situation zu besprechen und sie beim Feiern nicht alleine zu lassen. Für die Eltern heißt das, sich bestenfalls beim Nachbarn einzuladen oder nur für ein paar Stunden ins Kino zu entschwinden. Nicht um ihre Kinder zu kontrollieren, sondern um sie zu unterstützen. Und für den Notfall sollte das Handy angeschaltet bleiben.

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