Welt : Passagiere hinter dem Chauffeur können Fahrersitz verstellen

Jörn Hasselmann

Nach Bekanntwerden der wahrscheinlichen Unglücksursache des Altlandsberger Busunfalls, bei dem vier Schüler und der Fahrer ums Leben kamen, hat gestern der Verband der Omnibusunternehmer in Brandenburg (VDOB) den Unfallhergang simuliert. Das Ergebnis ist niederschmetternd: Ein hinter dem Busfahrer sitzender Passagier kann auch einen Fahrersitz anderen Typs problemlos verstellen. "Es besteht ein enormes Sicherheitsrisiko", heißt es in einem Rundschreiben des VDOB an alle 50 Mitglieder. Die Fuhrunternehmer des Landes wollen jetzt ihre Busse umbauen. Dem Hersteller des Unglücksfahrzeuges, Mercedes-Benz, sind solche Risiken bislang nicht bekannt gewesen.



Der erstmals 1986 zugelassene Bus vom Typ Mercedes-Benz O 307 hatte keine technischen Mängel, heißt es in dem Bericht der Staatsanwaltschaft. Bei der Simulation des Unfallherganges gestern durch den VDOB wurde ein Sitz der Marke Bremshey der Firma Grammer verwendet. Der Verband rät jetzt dringend, die Sitze in allen Bussen zu kontrollieren und die Hebel gegen unbeabsichtigtes Verstellung zu sichern. Dies sei durch den Einbau eines Schutzbleches möglich. Wie berichtet, hatte ein Zwölfjähriger, der direkt hinter dem 61-jährigen Fahrer saß, den Unfall ausgelöst. Der Junge hat nach Erkenntnissen der Staatsanwaltschaft "vermutlich versehentlich" mit seinem linken Fuß den linken vorderen Bedienhebel berührt, worauf sich die Sitzeinstellung löste. Der Sitz schnellte nach vorne, der Fahrer erschrak und verriss das Lenkrad - der Schulbus raste ungebremst mit Tempo 83 gegen einen Baum. Der Junge hatte bei seiner Vernehmung zugegeben, von dem Hebel und seiner Funktion gewusst zu haben.

Dennoch ist weniger der leicht verstellbare Fahrersitz als vielmehr die fehlende Abtrennung zu den Sitzbänken das Problem. In dem Unglücksfahrzeug reichte die Scheibe nicht bis auf den Fußboden. Fahrgäste in der ersten Reihe konnten mit dem Fuß - oder auch mit einem Krückstock - in die Mechanik des Sitzes geraten. Dieter Siepert von der Frankfurter Dekra bestätigte, dass mittlerweile fast alle Busmodelle eine Plexiglaswand hinter dem Fahrer hätten, die bis zum Fußboden reicht. Der Todes-Bus von Altlandsberg gehört zu einer sehr häufig hergestellten Baureihe. Zwischen Januar 1972 und Dezember 1987 lieferte Mercedes in Mannheim 4918 Exemplare. Viele rollen heute durch Ostdeutschland, weil westdeutsche Betriebe nach der Wende ihre älteren Fahrzeuge verkauften. Der "Standard-Überland-Linienomnibus" von Mercedes entsprach mit 53 Sitz- und 46 Stehplätzen den Empfehlungen des Verbandes öffentlicher Verkehrsunternehmen (VÖV). Ungewiss ist jedoch, ob der Sitz der Originalsitz war. In einem alten Verkaufsprospekt für den O 307 wird schon mit einem "hydraulisch gedämpften" Sitz geworben. Die Dekra, die das Buswrack im Auftrag der Staatsanwaltschaft untersucht hatte, betonte gestern, dass in dem Unfallbus ein "mechanisch gefederter" Sitz eingebaut war. Solche Sitze sind einfacher konzipiert - und billiger. "Da war keine Firmenbezeichnung drauf", sagte Dekra-Experte Siepert dem Tagesspiegel. Die Dekra geht deshalb davon aus, dass der Sitz zum Originalzustand des Busses gehörte. Nicht jeder Betrieb habe das Geld, seinen Fahrern einen ergonomisch besseren Sitz zu gönnen. Uwe Heintzer von der Daimler-Chrysler-Zentrale in Stuttgart sagte dagegen, dass "bei Zulieferteilen eine Firmenbezeichnung drauf wäre". Grundsätzlich erfolge die Bestuhlung auf Kundenwunsch. "Der Sitz muss nachträglich montiert worden sein", versuchte Heintzer den Widerspruch zu klären. Das auch heute noch bei der BVG eingesetzte Modell O 305 sieht zwar optisch ähnlich aus, hat aber breitere Türen und deshalb weniger Plätze. Allerdings stehen auch die wenigen letzten O 305 der BVG dicht vor der Ausmusterung. Das Unglück von Altlandsberg hätte bei der BVG nicht passieren können, da in allen Bussen der Fahrersitz rundherum vom Fahrgastraum abgetrennt ist. "Da kommt kein Fremder ran", betonte BVG-Techniker Bernd Kieper. In älteren Bussen seien Trennwände nachträglich montiert worden. "Das zog den Fahrern zu sehr an den Füßen", sagte Kieper.

VDOB-Geschäftsführerin Barbara Sell forderte gestern erneut vom Land Brandenburg bezahlte Begleitpersonen in den Schulbussen und an den Haltestellen. Auch der Verkehrsmeister der Strausberger Verkehrsgesellschaft, Eberhard Völker, plädiert für eine mitfahrende Aufsichtsperson im Bus. Denn die Kinder wüssten genau, dass sie den Fahrer ärgern können, wenn sie gegen den Sitz treten.

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