Welt : Pferde - Zwischen Puppen und Partner

Annette Garbrecht

Für viele Teenager ist das Reiten nicht nur Hobby, sondern die erste wahre LeidenschaftAnnette Garbrecht

"Zu einem Reitstall soll ich mitkommen?", fragt der achtjährige Till seine Mutter. " Nö, Reiten ist nur was für Mädchen." Wieso das? "Mädchen haben Schulranzen mit Pferden drauf und solche Mappen und Sticker und Barbie-Pferde und so was."

Stimmt. Mädchen lieben Pferde. Mädchen tummeln sich auf den Reiterhöfen, Mädchen verschlingen "Wendy" und "Lissy", die einschlägigen Pferde-Hefte, Mädchen lesen Pferdebücher, sehen Pferdefilme. Viele Mädchen würden - so eine empirische Untersuchung - auf eine einsame Insel außer Vater und Mutter nur noch ihr Pferd mitnehmen, statt ihre beste Freundin. Was ist dran an diesem besonderen Verhältnis von Mädchen im Alter zwischen acht und sechzehn zu den sanft dreinblickenden Riesen?

Alexandra, 12 Jahre alt, steht jeden Samstag um sechs Uhr auf, macht sich alleine ihr Frühstück, fährt eine halbe Stunde mit dem Bus, steigt nach zehn Minuten Wartezeit um, fährt noch mal mit dem Bus und läuft danach eine Viertel-Stunde zu Fuß, um punkt halbneun auf ihrem Reiterhof zu sein. "Das ist mein Süßer, das ist mein Schatz", sagt Alexandra und lässt Pony "Boy" zärtlich an ihren Fingern knabbern. Reiten kann sie nicht mehr auf ihrem Liebling, er ist zu alt und lahmt schon. Aber sie striegelt und krault ihn - "zwischen den Vorderbeinen hat er es am liebsten" - , bevor sie dann ein anderes Pferd zum Reitunterricht in die Halle führt.

Acht Mädchen, das jüngste fünf Jahre alt, mit ernsten, angestrengten Gesichtern unter ihren Kappen, reiten auf ihren Tieren im Kreis herum; versuchen, mit mehr oder weniger Erfolg, die Anweisungen der Reitlehrerin umzusetzen. Angst - dieses Gefühl kennen fast alle Mädchen. Angst vor dem Runterfallen, Angst vor dem großen Tierkörper, Angst davor, dass das Pferd nicht macht, was die Reiterin will. "Ich hatte am Anfang immer so ein Kribbeln im Bauch", sagt die 13jährige Gilda aus Steglitz. Jungen dagegen tun sich im allgemeinen schwerer damit, das Gefühl der Angst einzugestehen. Auf ihrem "Kinder- und Jugend- Reit- und Fahrverein" in Zehlendorf sind nur zehn Prozent ihrer Reitschüler Jungen. Bundesweit zählt die Deutsche Reiterliche Vereinigung 88 Prozent Mädchen in der Altersklasse der bis 14jährigen.

Wo es um sportliche Leistung und Konkurrenz geht, halten sich Mädchen allerdings lieber zurück. Dabei sind sie, nach Beobachtungen des Reitlehrers Klaus Vogt vom Kinder-Reiterland Splietau, von Anfang an beim Reiten den Jungen überlegen. "Sie sind die besseren Reiterinnen, weil sie sich eher in ein anderes Lebewesen einfühlen können." Das Gespür für die Regungen des Pferdes zu entwickeln, etwa wenn es Angst hat, beschreiben die älteren Mädchen als das Wichtigste beim Reiten. Und umgekehrt: Sie genießen das Gefühl, vom Pferd verstanden zu werden, "ohne viel machen zu müssen".

Dieses Einfühlungsvermögen wird den Jungen, auch in der wissenschaftlichen Literatur zum Thema, gerne abgesprochen. "Bei den Jungen geht es um Wettbewerb und Dominanz", schreiben die Psychologen Helga Adolph und Harald A. Euler in einer wissenschaftlichen Untersuchung.Mädchen erleben ihr Glück auf dem Rücken des Pferdes in einer Übergangsphase, in der Puppen nicht mehr zählen und Partner noch nicht dran sind. "Diese Momente symbiotischer Einheit - das war wie ein Liebesakt", sagt Amelie Gräf, 46, über ihre damaligen Gefühle beim Reiten. Die 16jährige Klara aus Berlin beschreibt das sinnliche Erlebnis ganz konkret: "Wenn das Pferd dann so richtig schwitzt und Schaum vor dem Maul hat, wenn es gängig ist, dann weiß ich, dass es ihm gut geht - und ich bin auch glücklich."

Andere erleben ein wildes Gefühl von Freiheit beim Ausreiten und ein "gigantisches Machtgefühl". Was in der Mädchenerziehung eher unterbewertet wird, darf hier ausgelebt werden: die Lust am Befehlen und Beherrschen. Denn ein Pferd ist nicht nur ein gigantisches lebendiges Kuscheltier, sondern auch ein Wesen mit eigenem Willen. Gleichzeitig ertragen Pferde geduldig alle Projektionen, die in sie hineininterpretiert werden. "Wenn ich Rassi, mein Pferd geklopft habe, hat er geschnaubt. Da wusste ich: Er versteht mich", erzählt die 18jährige Sarah.

Sie und ihre vier Freundinnen leben auf dem Land; die Mädchen haben ein eigenes Pferd oder ein Pflegepferd. Sie verachten geradezu das Reiten in den Schulställen, wo die Tiere oft, wie sie sagen, nur als "Sportgeräte" benutzt würden. Reitlehrerin Caroline Seidel bestätigt diese Tendenz: Bequem und verwöhnt seien viele Stadtkinder, sie würden mit dem Auto rangekarrt, säßen auf und würden wieder abgeholt. Andere verbringen jeden freien Tag auf dem Reiterhof, striegeln, putzen, kämmen, säubern - und schmusen mit ihrem Pflegepferd. Die Mädchen kommen aus allen sozialen Schichten. Denn eine Reitstunde kostet heute im Schnitt nicht mehr als zwei Kinobesuche.

Aber erst über die hautnahe Beschäftigung mit dem Pferd entsteht eine Beziehung, die, wie jede Liebesbeziehung, als ewig phantasiert wird. Fast alle der von Helga Adolph und Harald A. Euler befragten jungen Reiterinnen waren fest davon überzeugt, dass sie immer, ihr ganze Leben lang, reiten würden. Die Realität sieht dann oft anders aus: Mit dem ersten Freund wird dem Pferd der Laufpass gegeben. Allerdings nimmt die Anzahl der über 18jährigen Reiterinnen deutlich zu. Junge Frauen lassen sich die Liebe zum Pferd von einem eifersüchtigen Freund nicht mehr so leicht ausreden.

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