Pferderennen : Ein königliches Vergnügen

Royal Ascot ist nicht nur das wichtigste Pferderennen – hier feiert sich die englische Klassengesellschaft in einzigartiger Weise

Andreas Oswald
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Ein Ereignis voller Rituale. Gäste der Royal Enclosure, wo sich die Adligen, die Reichen und die persönlichen Gäste der Königin...Foto: dpa

Plötzlich fangen die Herren im Zylinder und die Ladys mit ihren ausladenden Hüten an zu laufen, ihre würdige Haltung lässig wahrend. Würden sie es rechtzeitig schaffen, ihre Plätze in der „Royal Enclosure“ einzunehmen? Die Royal Enclosure ist jener exklusive Bereich, der für den Adel, die Reichen, die persönlichen Gäste der Königin sowie ihr Hauspersonal reserviert ist.

Royal Ascot – das ist nicht nur das wichtigste Pferderennen der Welt, es ist vor allem ein Ereignis, bei dem sich die englische Klassengesellschaft in einzigartiger Weise feiert. Es ist ein Fest, das nahezu bis ins Kleinste von Ritualen durchzogen ist. Mit dem in Eilschritt verfallenden Adel hat es folgende Bewandtnis. Vor Beginn des Renntages um 14 Uhr fahren die Gäste der Royal Enclosure mit ihren edlen Autos, darunter viele Oldtimer, ins Innere des Rennparcours. Dort hat das Personal bereits das Picknick vorbereitet. Die spektakulärsten Wagen fahren als Letztes vor, den Insassen bleiben nur wenige Minuten für Picknick und Champagner. Etwa eine Viertelstunde vor Beginn machen sich die Ersten zu Fuß auf, nach und nach folgen die anderen. Sie müssen den Parcours überqueren, wo manche Lady im tiefen Rasen ihre Stöckelschuh verliert, und in einem großen Bogen zu der mächtigen Tribüne laufen, wo sie ihre Plätze einnehmen oder auf dem vorgelagerten Rasen Wetten abschließen. Es ist ein ziemlich langer Weg. Die Kunst besteht darin, dass man möglichst spät seinen Platz einnimmt. Man darf aber auch nicht zu spät kommen. Das führt nun dazu, dass diejenigen, die unbedingt die Letzten sein wollen, am Ende unter den Augen von 70 000 Zuschauern in Richtung Tribüne rennen müssen. Im eigens noch einmal zusätzlich abgezirkelten kleinen Block für die persönlichen Gäste der Queen hat sich zuvor ein kleines Drama abgespielt. Relativ früh hat sich dort eine mehrköpfige Fürstenfamilie aus einem fernen Land niedergelassen. Sie wirkt ein bisschen verloren. Das Oberhaupt der Familie scheint etwas verlegen zu bemerken, dass es besser ist, möglichst spät einzutreffen. Die ganze Familie erhebt sich und zieht sich zurück. Weil keiner der Erste sein will, strömen plötzlich in allerletzter Minute alle Gäste gleichzeitig herbei und versuchen, einen der nicht nummerierten Plätze zu ergattern. Dabei sind alle vergnügt, keiner lässt sich anmerken, dass er innerlich um einen Platz kämpft.

Der gesamte Bereich mit der Royal Enclosure, zu dem nicht nur ein Zuschauerbereich gehört, sondern eine Vielzahl von edlen Restaurants und Lounges der Clubs der englischen Gesellschaft, ist nahezu unsichtbar vom Bereich der bürgerlichen Gäste getrennt. Es ist eine gefühlte Grenze, die alle respektieren. Keiner würde auch nur aus Versehen einen einzigen Schritt in die Nähe der Royal Enclosure setzen.

Erst an den Rolltreppen, die in die höheren Etagen der Gesellschaft führen, stehen Stewards mit Bowler-Hüten, die darüber wachen, dass nicht die falschen Leute in falsche Bereiche vordringen. Wobei ein Paar, das genau dies irrtümlich tut und dabei ganz unbekümmert auftritt, durchgelassen wird.

Im bürgerlichen Sektor tragen die Männer weder Cut noch Zylinder, aber Sakkos und Krawatte sind das Mindeste, was auch hier verlangt wird. Die Frauen sind modischer gekleidet, Hut oder Haarschmuck sind auch hier vorherrschend. Es geht ein bisschen ausgelassener zu, es wird mehr getrunken, die Restaurants und Buden hinter der Tribüne riechen ein wenig nach Bratfett und vor den wenigen Toiletten stehen lange Schlangen, weil sich niemand traut, eine der Toiletten zehn Meter weiter am königlichen Bereich aufzusuchen.

Dann gibt es noch einen dritten großen Block, den sogenannten Silver Ring. Der große Rasen ist durch einen Zaun abgetrennt und hat einen eigenen Haupteingang. Hier feiern die unteren Klassen der Gesellschaft. Sehr unbekümmert, wie es scheint, lauter vor allem, mit noch mehr Alkohol, aus Pappbechern statt Gläsern. Statt einer Blaskapelle röhrt eine Popband, und die Männer lassen schon mal ihre Hemden offen stehen. Beschickerte Frauen gicksen.

Und irgendwo rennen Pferde.

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