Phänomen "Hate Speech" : Was tun gegen den Hass im Netz? Nichts!

Muss das Internet pöbelfrei sein? Wer das durch neue Gesetze anstrebt, wird oft von elitärer Dünkelei getrieben. Der Hass kann auch ausgehalten werden. Ein Kommentar.

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"Love out loud!" So heißt das Motto der elften Internet-Messe re:publica
"Love out loud!" So heißt das Motto der elften Internet-Messe re:publicaFoto: PhotoSG Fotolia

Achtung! Der Verfasser dieses Artikels ist ein „wohlstandsverwahrloster Pseudointellektueller“, „für Nürnberg 2.0 vorgemerkt“, „deutschspießig“, ein „Islam-Schleimbeutel“, einer der „größten Vollpfosten“, ein „Antisemit“, ein „Fetzenschädel“, ein „politisch korrekter Dummschwätzer“, ein „Maulheld“, er verfasst „geistige Ejakulate“, gehört „der CIA, dem Mossad, Scientology oder einer anderen Truppe an“, hat „keinen Arsch in der Hose“. Das alles – und noch viel mehr – findet sich im Internet über ihn. Es wird dort für immer stehen, in Blogs, Kommentaren, Artikeln. So ist das nun mal.

Im Internet ist das Gegenüber unsichtbar. Es gibt keine nonverbalen Signale, die sich interpretieren lassen und einen Resonanzraum schaffen. Gesichtszüge, Mimik, Gestik und Körperhaltung bleiben unberücksichtigt. Das kann Menschen enthemmen. Denn die Objekte ihrer Aggression haben keine Identität. Viel ist geschrieben worden über vermeintlich gefühlskalte Bomberpiloten, die ihre todbringende Fracht aus großer Höhe abschmeißen. In gewisser Weise verhalten Trolle sich ähnlich. Sie sehen, was sie tun, wissen aber nicht, was sie damit anrichten.

Allerdings erleichtert das Netz nur eine Verhaltensweise, die es schon immer gab. Ob beim Mobbing in der Schule („Der Krieg der Knöpfe“), bei Alltagspöbeleien oder auf der Fußballfantribüne: Schmähungen unliebsamer Personen oder Gruppen sind seit jeher üblich. Selbst der öffentliche politische Diskurs war früher derber als heute. Im Vergleich zu Franz Josef Strauß und Herbert Wehner sind Horst Seehofer und Martin Schulz weichgespülte Langweiler.

Die extremste Form einer Echokammer ist der Lynchmob

Auch das Phänomen der Echokammern – also jener digitalen Räume, in denen die eigene Meinung wie ein Echo zurückhallt und bestätigt wird -, ist in der analogen Welt durchaus bekannt. Man findet es auf Kirchentagen und bei Wahlkämpfen ebenso wie beim CSD und beim Stammtisch. Die extremste Form einer Echokammer ist der Lynchmob. Die folgenschwerste Form ist die Revolution.

Natürlich kennt das Netz auch die Verbreitung anderer starker Gefühle. Das Motto der elften Internet-Messe re:publica, die am 8. Mai in Berlin beginnt, lautet: „Love out loud!“. In der Ankündigung dazu heißt es: „Wir blicken zurück auf all die Liebe, die Freundschaften – all die besonderen Geschichten, die es ohne das digitale Kennenlernen nicht gegeben hätte. (…) Wir sprechen darüber, wie wir die Liebe durchs Netz tragen können, um die guten Seiten der digitalen Welt zu stärken.“ Schluss mit dem Hass, jetzt kommt die Liebe. Und sie düsen, düsen, düsen, düsen im Sauseschritt…

Die Botschaft, die davon ausgeht, ist sympathisch. Der Kampf gegen den Hass im Netz soll nicht durch die Forderung nach neuen Gesetzen (von Justizminister Heiko Maas ständig befeuert) intensiviert werden. Stattdessen wird das No-hate-speech-Fieber durch eine neue Gelassenheit auf Normaltemperatur gebracht. Das Aushalten und Ignorieren des Hasses könnte in der Tat für eine durchdachtere, post-pubertäre Qualität der Auseinandersetzung damit sprechen.

Das Wort „höflich“ kommt von „höfisch“ und das von „Hof“

Voraussetzung dafür wäre freilich die Einsicht, dass der Hass auf die Hassenden, geknüpft an die illusorische Hoffnung auf einen pöbelfreien Diskurs im Netz, auch oft auf eine elitäre Dünkelei schließen lässt. Das Wort „höflich“ kommt von „höfisch“ und das von „Hof“. Sitz gerade, nimm die Ellenbogen vom Tisch, beim Essen wird nicht gerülpst, der Hosenschlitz nur in einem unbeobachteten Moment zugezogen: Das sind einerseits Regeln, die das Kind als Teil seiner Sozialisation erlernt, andererseits aber auch Distinktionsmerkmale, die es im späteren Leben von anderen gesellschaftlichen Gruppen positiv abheben soll. Höflichkeit, Takt und gute Manieren dienen als Abgrenzungsmöglichkeit zu vulgärem, kulturlosem und ungebildetem Verhalten.

Im Netz nun wird der Autor (oder Politiker), ohne sich wehren zu können, mit diesem vulgären und kulturlosen Verhalten zum Teil massenhaft konfrontiert. Das verstört ihn, das kannte er bislang nicht. Nur Seinesgleichen hatten früher auf seine Texte reagiert oder Leserbriefschreiber. Jetzt dagegen wird er aus jeder Richtung bombardiert. Kein Wunder, dass er nach Sanktionen ruft. Sie sollen ihn schützen, ihm seinen Panzer zurückgeben. Er handelt nach der Devise: Was nicht sein darf, das nicht sein soll.

Das aber ist naiv. Schon im Jahre 2010 war der Begriff „Wutbürger“ das Wort des Jahres. Mit diesen Wutbürgern zu leben lernen, ist das Gebot der Zeit. Sie sind ja keine schweigende Mehrheit, das weiß man längst, sondern zorngetriebene Aktivisten, die durch zu viel Aufmerksamkeit noch zorngetriebener werden.

„Love out loud!“

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