Prostitution : Berliner Sexarbeiterin mischt Welt-Aids-Konferenz auf

Bei der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne protestieren Sexarbeiterinnen gegen Prostitutionsverbote, die die Ausbreitung von Aids fördern. Wissenschaftler bestätigen das. Mit dabei bei den Protesten ist die Sexarbeiterin Emy Fem aus Berlin.

Protestiert gegen Prostitutionsverbot - Sexarbeiterin Emy Fem aus Berlin.
Protestiert gegen Prostitutionsverbot - Sexarbeiterin Emy Fem aus Berlin.Foto: dpa

Ein roter BH unter schwarzer Spitze, ellenlange Beine in Netzstrümpfen unter einem Lack-Minirock: So steht Emy Fem aus Berlin auf einer Bühne bei der Welt-Aids-Konferenz in Melbourne. In einer Performance über Sexarbeit fordert sie Stereotypen heraus: „Sind Sexarbeiterinnen Sklaven, Drogenabhängige, verkaufen sie ihre Seele? Oder sind es Menschen mit Gefühlen? Ich ficke für Geld, aber ich bin kein Opfer, ich schäme mich nicht für meinen Job“, ruft sie.
Prostituierte stehen bei der Welt-Aids-Konferenz im Rampenlicht wie nie zuvor. In diesem Jahr widmet die medizinische Fachzeitschrift „Lancet“ dem Thema zur Konferenz ein ganzes Heft. Dabei geht es vor allem um die Nachteile eines Prostitutionsverbots. Auch in Deutschland droht eine Verschärfung der bestehenden fortschrittlichen Gesetze. In vielen Ländern sind überdurchschnittlich viele Sexarbeiterinnen mit dem HI-Virus infiziert, weil sie in der Illegalität oft keine Kondome, keine HIV-Tests und keine Medikamente bekommen. Die „Lancet“-Botschaft: Wenn auf den Menschenrechten von Prostituierten herumgetrampelt wird, ist die Aids-Epidemie niemals in den Griff zu bekommen.
Es mag zwar das älteste Gewerbe der Welt sein, aber in vielen Ländern der Welt ist es verboten, gegen Geld Sex anzubieten. Das zwingt Prostituierte in Hinterhöfe und abgelegene Bezirke und öffnet Missbrauch, Ausnutzung und Gewalt Tür und Tor. Polizeigewalt ist üblich, wie die bisexuelle Daisy Nakato aus Uganda berichtet. „Sie stürmten in mein Zimmer, nahmen mich und meinen Partner mit den Worten fest: Wir jagen Homos, bis sie ausgerottet sind.“ „Ich werde ständig überwacht und mir droht die Einweisung in ein Umerziehungslager“, berichtet Ye Haiyan aus China. Ihr Pass wurde einbehalten, sie konnte nicht nach Melbourne reisen. Ihre Geschichte wird von Freunden verlesen. „Wir können zwar zum HIV-Test gehen, aber in der Klinik sitzt man vor dem Zimmer wie auf dem Präsentierteller - da wird mit dem Finger auf uns gezeigt“, sagt Angkis aus Osttimor.
„Wir brauchen uns in Deutschland nicht zu verstecken“, sagt Emy Fem.

Monica Jones präsentiert eine Domina-Show vor Wissenschaftlern

Prostitution ist nicht verboten. „Aber es ist das Gewerbe mit den meisten Razzien.“ Bordelle gälten als Gefahrenbezirke, da habe die Polizei Sonderbefugnisse. Prostituierte würden auch auf der Straße öfter kontrolliert. „Es müssen alle Paragrafen abgeschafft werden, mit denen Sexarbeiterinnen verfolgt werden“, verlangt sie. Was nichts an der gesellschaftlichen Ablehnung des Gewerbes ändere. „Aber die gesellschaftliche Huren-Phobie wird gesetzlich noch untermauert“, sagt Fem.
Fem ist Transsexarbeiterin, wie sie sagt. Trans, erklärt sie für diejenigen, die das nicht wissen, sind „Leute, die einen Bruch mit dem ihnen bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht gemacht haben.“ Sie hat zwei Kinder.
So selbstverständlich wie Fem von Beruf und Arbeit zu reden, können sich nur wenige Prostituierte leisten. Die, die nach Melbourne gekommen sind, feiern die Freiheit. Wie Monica Jones, eine Aktivistin aus dem US-Staat Arizona. Sie sei unter einem archaischen Gesetz verurteilt worden, weil sie so aussah, als fördere sie die Prostitution. Auf der Bühne zieht sie im erotischen Korsett vor johlendem Publikum eine Domina-Show mit Mann an der Leine ab.
Das alles findet im „Globalen Dorf“ statt, wo Aktivisten aus aller Welt Stände haben. Die Wissenschaftler tagen anderswo. Am Dienstag kreuzten Fem und ein paar Kolleginnen aber auch dort auf: Sie gingen ungefragt ins Plenum, schnappten sich das Mikrofon und beschwerten sich, dass viel zu wenig Geld für die Beteiligung von Prostituierten an solchen Konferenzen zur Verfügung steht. Es gab verhaltenen Applaus. (dpa)

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