Welt : Prozess und Vorurteile

Todesschütze George Zimmerman hat sich bei Trayvon Martins Eltern entschuldigt und kommt frei.

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Seit Wochen tagen die Gerichte der öffentlichen Meinung. Millionen Amerikaner haben ihr Urteil längst gefällt. Umso mühsamer ist es für die professionelle Justiz, mit ihren Verfahren durchzudringen, wenn nun der Prozess um den Tod des 17-jährigen schwarzen Teenagers Trayvon Martin Ende Februar in Florida Gestalt annimmt. War es Totschlag oder berechtigte Notwehr? Die Nachricht, dass der Schütze George Zimmerman das Gefängnis gegen Kaution verlassen darf, hat die Emotionen neu aufgewühlt.

Für die meisten Afroamerikaner ist der 28-jährige Zimmerman ein kaltblütiger Killer, der hinter Gitter gehört. Er hat Trayvon erschossen, weil er ihn für einen Einbrecher hielt, obwohl es dafür keine objektiven Anhaltspunkte gab; folglich steckten rassistische Vorurteile dahinter – ein Weltbild, in dem jeder Schwarze eine mutmaßlicher Krimineller ist. Die Gegenfraktion glaubt Zimmermans Darstellung, dass er um sein Leben fürchtete, als ihre Begegnung handgreiflich wurde. Trayvon habe ihn angegriffen, zu Boden geworfen und seinen Kopf auf den Boden geschlagen. Da habe er die Pistole gezogen und geschossen.

Die gegenläufigen Sichtweisen haben sich verfestigt. Was auch immer Verteidigung oder Anklage nun im Gerichtssaal vortragen, wird von der Gegenseite als taktisches Manöver interpretiert. Beim Haftprüfungstermin am Freitag wandte sich Zimmerman an Trayvons Eltern: „Der Tod Ihres Sohns tut mir Leid. Ich wusste nicht, wie alt er war. Ich dachte, nur ein bisschen jünger als ich. Und ich wusste auch nicht, ob er bewaffnet ist oder nicht.“ Kam das von Herzen? Oder sollte es den Richter milde stimmen? Der Anwalt der Eltern tat es als „Erklärung aus Eigeninteresse“ ab.

Zimmermans Anwalt hob hervor, der Schütze habe darum gebeten, sich persönlich, ohne Öffentlichkeit, bei den Eltern entschuldigen zu dürfen; das habe man ihm verweigert. In seiner Erklärung habe er auf die drei Fragen reagiert, die Trayvons Mutter in einem Fernsehinterview beantwortet wissen wollte. „Warum hat er nicht gesagt, dass es ihm Leid tut? Wusste er, dass Trayvon ein Teenager war? Wusste er, dass er unbewaffnet ist?“ Die Bedingungen der Freilassung gegen eine Kaution von 150 000 Dollar zeigen, wie verfahren die Lage ist. Zimmerman war, als Trayvons Tod zu einem nationalen Thema wurde, zunächst untergetaucht, weil er Morddrohungen erhielt. Vor zehn Tagen, als noch keine Anklage erhoben war, stellte er sich der Polizei. Fluchtgefahr besteht nach Ansicht des Gerichts nicht. Zunächst bleibt er aber in Haft, da seine Familie Zeit braucht, um die Kaution aufzubringen.

Zimmerman und seine Familie erhielten die Erlaubnis, die Zeit bis zum Hauptverfahren wegen der Morddrohungen an einem unbekannten Ort außerhalb Floridas zu verbringen. Er muss eine elektronische Fußfessel tragen und sich alle drei Tage bei der Polizei melden. Er darf das Haus zwischen 19 Uhr abends und 6 Uhr morgens nicht verlassen, keinen Alkohol trinken und keine Waffe führen.

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