Welt : Psycho-Analyse: Heute: Nicht lächelnder Asiate

Ingolf Gillmann

Da denkt man an nichts Schönes - und dann das: Was ich nicht sagen kann, sagt mein Klavier, singt Udo Jürgens, und das Publikum des Sängers geht noch weiter, es singt: Wenn Du nichts zu sagen hast, sing es!

Deswegen werden wohl auch so viele Lieder über Berlin gesungen, denn was, bitte schön, soll man über Berlin schon sagen? Dass Berlin ein verdreckter Vorort von Moskau ist? Dass Berlin die Stadt ist, in der sich Politiker bei ihren Geschäften erwischen lassen? Dass Berlin die zweite Heimat ist des mit Fleisch, Zwiebeln und Knoblauchsauce gefüllten Fladenbrots? Nein, diese Fragen taugen doch bloß für ein Kreuzworträtsel. Und die Antworten würden nicht erklären, warum so viele Menschen ihre Koffer packen und dabei singen: "Berlin, Berlin, wir fahren nach Berlin."

Nach Berlin, Berlin fahren aber nicht irgendwelche Menschen, sondern Menschen, die auch in Hamburg oder München Klatschspalten füllen würden. Was zieht diese Elite-Männer und -Frauen in die Stadt mit dem Sommersprossengesicht? Ist es Ariane Sommer? Im Gesicht der zu Recht ungekrönten Partyqueen tummeln sich keine Sprossen des Sommers; Sommers Gesicht ist 23 Jahre alt, sieht allerdings aus wie das Face einer 40-Jährigen, die sich auf 23 hat liften lassen. Und obwohl Ariane Sommer so aussieht, dass nicht mal Männer im Knast von ihr träumen, dreht sich in Berlin niemand nach ihr um. Ja, Berliner haben Mitleid mit Minderheiten!

Ziehen die Hamburger und Münchner also nach Berlin, weil sie glauben, Berlin sei die Hauptstadt des Mitleids? Dann sollen die mal Taxi fahren! Berlin ist nämlich die einzige Stadt in Deutschland, in der die Taxifahrer bellen - nicht, weil sie es können, sondern weil sie nicht anders können.

Kurze Rede, langer Sinn: Mit dem nicht lächelnden Asiaten will uns der Künstler sagen: Liebe etwas nicht für das, was es ist, liebe es für das, was es nicht ist.

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