Quer durch Russland - 1 : Die Krim: Das neue Staatsgebiet

Die Krim wurde vor zwei Jahren russisch – und die Welt hatte wieder einen Konflikt zwischen Ost und West. So ganz angekommen ist sie in Russland aber noch nicht.

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Während im Wedding Boateng als Graffiti an einer Häuserwand prangt, ist es auf der Krim (Präsident) Putin.
Während im Wedding Boateng als Graffiti an einer Häuserwand prangt, ist es auf der Krim (Präsident) Putin.Foto: Nik Afanasjew

Unser Autor Nik Afanasjew reist zwei Monate lang quer durch Russland, um zwei schwere Fragen zu beantworten: "Wie ticken die Russen? Und warum sind sie so?" 

In einem Souvenirladen in St. Petersburg habe ich im vergangenen Jahr eine Schokoladentafel gekauft. Darauf war eine Landkarte mit weiten Teilen Europas und Asiens abgebildet. Es gab drei Arten von Territorien.

Russland - „altes Staatsgebiet“

Krim - „neues Staatsgebiet“

Alle anderen Länder - „künftiges Staatsgebiet“

Der Spruch „In jedem Scherz steckt ein Fünkchen Wahrheit“ ist übrigens auch in Russland sehr geläufig.

Ganz ohne Spaß könnte der 18. März 2014 in künftigen Geschichtsbüchern rot umrandet werden. An diesem Tag hielt Wladimir Putin eine Rede im golden glänzenden Georgssaal des Kremls. Sein unmittelbarer Zuhörer war die russische Polit-Elite, vor dem Fernseher sah das ganze Land zu. Putin erklärte den Anspruch Russlands, Russen zu schützen, selbst wenn sie in anderen Staaten leben. Zu lange hätte Moskau nicht die Kraft gehabt, das zu tun. Der Präsident gab sich gnädig gegenüber rebellischen Minderheiten im Inland und unnachgiebig gegenüber äußeren Feinden, also vor allem den USA. Er zog Parallelen, verglich die Annäherung der Krim und Russlands mit der deutschen Wiedervereinigung. Die Zuhörer waren so still, dass die Luft im Saal zu stehen schien, während Putin unnachgiebig die Wiederkehr Russland als Großmacht proklamierte. Der Präsident war in Höchstform.

An diesem 18. März 2014 unterzeichnete Putin den Übergang der Krim zu Russland. Dieser Anschluss basierte auf einem umstrittenen Referendum, bei dem nach offiziellen Angaben fast 97 Prozent der Krim-Bewohner für Russland votiert hatten. Dieses Referendum wurde von Europa und den USA nicht anerkannt. Der Bruch mit dem Westen wurde mit Putins Unterschrift feierlich vollzogen.

Zwei Jahre später komme ich auf der Krim an. Ich war schon einmal hier, als die Halbinsel noch ukrainisch war, etwa ein halbes Jahr vor dem Maidan. Es war ein heißer Sommer; es roch nicht nach Revolution, sondern nach Schaschlik. Alle Probleme schienen damals weit weg, geografisch und zeitlich.

Statuen auf der Krim - das Mädchen und der Soldat.
Statuen auf der Krim - das Mädchen und der Soldat.Foto: Nik Afanasjew

Aus der Inselhauptstadt Simferopol führt die längste Trolleybus-Linie der Welt 86,5 Kilometer bis nach Jalta ganz im Süden. Im Flughafen wird sogar per Lautsprecher-Durchsage dafür geworben. Leider bleibt dabei unerwähnt, dass es einen alten und einen neuen Trolleybus gibt. Der alte stammt aus einem Land, dass es nicht mehr gibt: Tschechoslowakei. Er ruckelt sehr romantisch und schwer an seiner historischen Last tragend über einen Bergpass in den subtropischen Süden der Krim.

Ich sitze ganz hinten und habe viel Platz, bis sich eine ältere Dame neben mich quetscht. „Es könnte etwas beengt sein“, versuche ich sie freundlich darauf hinzuweisen, dass so viele Plätze noch frei sind. „Aber das macht doch nichts!“, sagt sie. Die Frau trägt ein rosa Hemd, ein Kopftuch mit Pünktchen und einen langen Rock mit Blümchen. Durch eine Brille schauen mich sehr wache und irgendwie angriffslustige Augen an. Elisoweta Danilowna, 72, auf der Krim geboren und dort geblieben. Also dann.

Während der Bus das graue Simferopol passiert, erklärt Elisoweta Danilowna den Grund ihres Besuchs. Sie selbst sei ja aus dem Süden, aus Jalta. „In Simferopol gibt es einen Bücherbasar. Dort ist alles günstiger. Ich decke mich einmal im Monat ein. Aber bald ist die Brücke fertig. Dann werden auf den ganzen Krim die Preise purzeln.“

Gemeint ist die Brücke über die Straße von Kertsch vom russischen Festland auf den östlichsten Zipfel der Krim. Sie soll über drei Milliarden Dollar kosten, Ende 2018 eröffnen und die völlig überlastete Fährverbindung ersetzen, die momentan die Halbinsel mit dem Mutterland verbindet. Sowohl Züge als auch Autos könnten darüber rollen und Waren und Touristen bringen. Es gab wohl selten eine Brücke, die gleichzeitig so sehr verbinden und trennen kann wie diese. So sehr sie die Krim und Russland verbinden wird, so sehr trennt schon allein ihr Bau Russland und den Westen.

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Ukraine: zwischen den Fronten entspringt ein Fluss

Da ich nicht so recht weiß, wohin das Gespräch führen soll, nicke ich nur. Elisoweta Danilowna blickt nach draußen, wo Arbeiter eine Straße ausbessern und redet weiter. „Ja, jetzt wurde die Arbeit wieder aufgenommen! Arbeit ist wichtig. Du musst arbeiten, sonst kannst du dich gleich erhängen.“ Nicht nur ihre Worte werden derber. Auch ihr Ton gewinnt eine gewisse Schärfe.  „Früher haben diese degenerierten Ukrainer hier alles zu Grunde gerichtet. Jetzt geht es aufwärts!“

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