• Rätsel um Quelle des Ausbruchs: Ehec-Seuche breitet sich aus - Ärzte und Forscher sind hilflos

Rätsel um Quelle des Ausbruchs : Ehec-Seuche breitet sich aus - Ärzte und Forscher sind hilflos

Fieberhaft fahnden Ärzte, Forscher und Gesundheitsexperten nach den Ursachen der Ehec-Seuche – die immer stärker zunimmt. Der Ausbruch wirft zahlreiche Fragen auf.

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Bis zur Erschöpfung. Mit tausenden Überstunden arbeiten derzeit alle zur Verfügung stehenden Kräfte Tag und Nacht, um der Seuche Herr zu werden. Die betroffenen Kliniken und Labore fordern zusätzliche Mitarbeiter und Experten aus ganz Deutschland an.
Bis zur Erschöpfung. Mit tausenden Überstunden arbeiten derzeit alle zur Verfügung stehenden Kräfte Tag und Nacht, um der Seuche...Foto: dpa

Der Kieler Gastroenterologe Stefan Schreiber ist ratlos. Wie alle Experten. „Es herrscht eine medizinische Hilflosigkeit wie zu Zeiten der Pest“, sagt Schreiber.

Seit klar ist, dass die Ehec-Bakterien auf den spanischen Gurken nicht mit den Todesfällen zusammenhängen können, hängen alle Ermittlungen in der Luft. Niemand weiß, wo die Quelle der Seuche zu finden ist. Trotzdem arbeiten in Deutschland derzeit Legionen von Wissenschaftlern, Gesundheitsstatistikern, Fahnder der Gesundheitsverwaltungen, Laborkräfte und – nicht zu vergessen – die vielen Hundert Ärzte und Krankenschwestern in den Kliniken bis zur Belastungsgrenze, um der Seuche Herr zu werden.

Sie arbeiten Tag und Nacht. Und wissen nicht, was die nächsten Tage bringen werden. Die Nachricht, dass es deutschen und chinesischen Forschern gelungen ist, das Genom des Erregers zu entschlüsseln, ist ein Meilenstein. Aber es wird noch eine Weile dauern, bis diese Arbeit Patienten helfen wird.

Und die Quelle des Seuchenausbruchs ist am Genom nicht abzulesen. Für den Kieler Wissenschaftler Schreiber ist die Ehec-Krise die größte Herausforderung der vergangenen Jahrzehnte, „vergleichbar nur mit der Durchfallerkrankung Ruhr, der im und nach dem 2. Weltkrieg viele Menschen zum Opfer fielen“. Fachleute wie er richten sich darauf ein, dass die Epidemie noch eine ganze Weile andauern kann. Und rasant zunimmt. Die Gesamtzahl der Erkrankungen erhöhte sich in Niedersachsen innerhalb eines Tages um 30 Prozent.

Besorgniserregend seien die Dauer von schweren Verläufen und die Form der Ausprägung, sagt Tanja Kühbacher, Oberärztin an der Klinik für Innere Medizin in Kiel. Sie überwacht derzeit 70 stationäre Ehec-Patienten, davon 47 mit dem Hämolytisch-Urämischen Syndrom (Hus), von denen sich 14 auf der Intensivstation befinden.

Täglich gibt es eine Telefonkonferenz zwischen den Kliniken in Kiel und Lübeck, dem Hamburger Universitätsklinikum Eppendorf (UKE) und der Medizinischen Hochschule Hannover. In Kiel stößt man an die Grenzen der Belastbarkeit und bekommt bereits Unterstützung in der Intensivpflege aus anderen Bundesländern. Alle aufschiebbaren Operationen werden derzeit vom Terminkalender gestrichen. Man verzichte auf Privatpatienten, um Quarantäne-Stationen für Hus-Erkrankte einzurichten, sagt Kliniksprecher Oliver Grieve.

Bei all den derzeit schlechten Nachrichten aus den Kliniken in Norddeutschland, die auch das Pflegepersonal psychisch bis an die Belastungsgrenze bringt, vermeldet die Klinik in Lübeck, dass eine erkrankte Frau ein gesundes Baby zur Welt gebracht hat. In Kiel liegt derzeit eine schwangere Ehec-Patientin, in Hamburg sind es fünf schwangere Frauen. In Lübeck haben sich vier Ärzte mit dem gefährlichen Erreger infiziert, aber nicht an ihrem Arbeitsplatz.

Wo keiner weiter weiß, schießen Spekulationen ins Kraut. Auch unter den Experten. Sie brauchen schließlich Thesen, um der Quelle auf die Spur kommen zu können. Immer wieder trifft es Patienten, die vorher schöne Tage am Meer verbracht haben. Sylt, Nordsee, Ostsee, Darß. Gerade stauen sich die Autos auf den Autobahnen, viele Berliner und Brandenburger fahren übers verlängerte Himmelfahrtswochenende an die See oder wollen über Pfingsten Urlaub am Meer machen. Mit einem flauen Gefühl in der Magengegend. Was soll ich denn im Restaurant bestellen, was in meiner Ferienwohnung kochen? Ist es womöglich Fisch? Nein, sagen die Experten, Ehec kommt aus dem Rinderdarm und Fisch ist kein Wiederkäuer. Auffällig oft sind Frauen erkrankt, sehr gesundheitsbewusste zudem, die viel Biokost essen. Liegt es etwa daran?

Die Fachwelt rätselt. Bekamen womöglich Tiere im Stall illegal Antibiotika oder andere Medizin, an die sich der Erreger jetzt angepasst und deswegen verändert hat? Fragen über Fragen, alle hoffen auf eine schnelle Aufklärung.

Und dann ist da Ehec selbst, das so viele Rätsel aufgibt. Eine seltene Krankheit, wenig erforscht. Deswegen gibt es auch über das eine Medikament, das jetzt gegeben wird, so wenig Klarheit.

Zudem hat die Krankheit bei jedem ein anderes Gesicht. Es gibt Hus-Patienten mit dem schweren Nierenversagen und der Blutkörperchenauflösung, bei denen findet sich gar kein Ehec-Keim. Es gibt Patienten, die haben neben Nierenproblemen auch Schwierigkeiten mit dem Gehirn, dem Herzen. Auffällig oft findet sich auch Wasser im Bauchraum.

In E-Mail-Verteilern tauschen sich Wissenschaftler aus. Und die Universitätskliniken Hamburg, Lübeck und Kiel haben die Berliner Unikliniken gefragt, ob sie mit Intensivbetten aushelfen und Patienten übernehmen können. Jetzt arbeiten alle Ärzte, Schwestern und Pfleger am Rande ihrer Kräfte.

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