Raumfahrt : Bastelstunde im Weltraum

Auf der ISS machen deutsche Computer Probleme. Die von Daimler-Benz gefertigten Geräte sind offenbar "allergisch" gegen Geräusche.

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Astronaut Patrick Forrester: Arbeit im Orbit. -Foto: dpa

Washington/MoskauWettlauf mit der Zeit: Auch drei Tage nach dem mysteriösen Computerabsturz auf der Internationalen Raumstation ISS spielen zwei von drei russischen Rechnersystemen verrückt - darunter auch der zentrale Bordcomputer. Allerdings sind die Experten bei der Ursachenforschung einen Schritt vorangekommen. Die von Daimler-Benz gefertigten Computer im russischen Teil der ISS reagierten sensibel auf Geräusche und schalteten sich automatisch ab, sagte ISS-Flugdirektor Mike Suffredini im Kontrollzentrum der US-Raumfahrtbehörde Nasa in Houston (Texas).

Im Vergleich zu dem Computercrash sehen die anderen Probleme für die siebenköpfige Crew der amerikanischen Raumfähre "Atlantis" vergleichsweise einfach aus. Heute will der US-Astronaut Danny Olivas eine beschädigte Isoliermatte am Heck der Raumfähre reparieren. Wie beim Klammern einer langen Wunde sollte die eingerissene Matte mit der daneben liegenden zusammengeheftet werden. Danach sollten Olivas und Jim Reilly ein altes, störrisches Solarsegel zusammenfalten.

Wie das "Fiepen" eines Mobiltelefons

Nach bisheriger Theorie lösen elektromagnetische Felder und Interferenzen von Kabeln oder Geräten die Abstürze der drei Kommando-, Kontroll- und Navigationscomputer aus. Vergleichbar sei das beispielsweise mit dem "Fiepen", wenn ein Mobiltelefon unmittelbar neben einem Fernseher liege, sagte Suffredini.

Mit Hilfe der russischen Computer werden Befehle für größere Kurskorrekturen der ISS gegeben, damit sich unter anderem die Sonnensegel richtig ausrichten können. Solange die "Atlantis" angedockt ist, gibt es nach Angaben der Nasa keine Probleme. Die Raumfähre kann mit ihren Triebwerken auch Kurs halten.

Mittwoch absolut letzter Abreisetag für Shuttle-Crew

Am kommenden Dienstag sollte die siebenköpfige Crew eigentlich den Rückflug zur Erde antreten. Nach der neuen Notfallplanung ist jetzt der Mittwoch der absolut letzte Abreisetag. Damit das überhaupt klappt, spart die Nasa in ihrer Raumfähre Energie. Beispielsweise würden über Nacht der Roboterarm und alle nicht notwendigen Systeme ausgeschaltet, sagte Shuttle-Flugdirektorin Cathy Koerner. Auch die für die ISS vorgesehenen Sauerstoffvorräte würden nicht entladen.

Für die neun Männer und eine Frau auf der ISS gerät die tägliche Routine durcheinander. Einige - wie Oleg Kotow - wurden eher geweckt. Anders als die Nasa haben die Russen keinen Satelliten im All, der mit der ISS kommuniziert. Deshalb besteht nur Kontakt, wenn die Raumstation in Reichweite russischer Bodenstationen fliegt. Und das war mitten in der Nacht.

Fehlersuche: "Den Heureka-Moment hat es noch nicht gegeben"

Andere, wie die US-Astronautin Sunita Williams, stöpseln Kabel ein und aus. Das Problem mit den Computerabstürzen tauchte auf, nachdem das neue Segment mit Solarpaneelen an der ISS angebracht wurde. Nach der Methode "Versuch und Irrtum" forscht die Crew jetzt, welches Kabel oder welche Energiequelle der Störenfried ist. "Den Heureka-Moment hat es aber noch nicht gegeben", sagte ISS-Flugdirektorin Holly Ridings dem Internet-Raumfahrtportal von "Florida Today".

Sowohl die Nasa als auch die russischen Experten warnten unterdessen vor übertriebenen Notfall-Szenarien. "Es besteht kein Anlass, die Lage zu dramatisieren oder Emotionen zu schüren", sagte der Sprecher der russischen Raumfahrtbehörde Roskosmos, Igor Panarin, in Moskau. "Wir machen schon das Richtige." Im Flugleitzentrum bei Moskau arbeiteten die besten russischen Computerspezialisten an einer Lösung, sagte Panarin. "Sie brauchen einfach nur noch etwas Zeit."

Für die Russen sind derartige Computerprobleme nichts Besonderes. Solche Schwierigkeiten habe man auch mehrfach auf der 2001 versenkten Raumstation Mir gelöst, hieß es in der Flugleitzentrale bei Moskau. Die Russen und der stellvertretende Nasa-Direktor Bill Gerstenmaier halten die Gefahr einer Evakuierung für äußerst gering. (Von Stefan Voß und Hans Dahne, dpa)