Welt : Raumstation ISS: Ein Urlauber will ins All

Rainer Kayser

Dennis Tito ist um große Worte nicht verlegen: "Ich bin vermutlich die am besten geeignete Person, das Zeitalter des Weltraumtourismus zu eröffnen!" Am kommenden Sonnabend will der 60jährige amerikanische Geschäftsmann seinen Traum wahr machen und mit einer russischen Sojus-Rakete für einen einwöchigen Aufenthalt zur Internationalen Raumstation ISS fliegen. Die Besatzung der ISS hat bereits angekündigt, jeden willkommen zu heißen "der an unsere Luke klopft", unbeeindruckt von vorangegangenen irdischen Querelen.

Unten auf der Erde hat sich derweil gestern der Streit zwischen Rußland und den USA um Tito zugespitzt. Die US-Raumfahrtbehörde NASA dementierte eine Erklärung der Russen, wonach sie grünes Licht für den Flug des ersten Weltraumtouristen gegeben habe. Es gebe noch keine Einigung über die umstrittene Reise, sagte ein NASA-Sprecher. Daraufhin bekräftigte ein Sprecher der russischen Behörde, Tito werde den Flug "auf jeden Fall" antreten.

Ursprünglich hatte Dennis Tito für 20 Millionen Dollar ein Ticket für einen Aufenthalt auf der russischen Raumstation Mir gebucht. Nach der Entscheidung, die alternde, pannengeplagte Mir im Pazifik zu versenken, boten die Russen dem Millionär einen Platz an Bord eines so genannten "Taxi-Flugs" zur ISS an. Diese Flüge dienen dazu, halbjährlich die permanent an die ISS angekoppelte Sojus-Rettungskapsel auszutauschen. Die Sojus lässt sich bequem von zwei Kosmonauten steuern, hat jedoch Platz für eine dritte Person. Schon in der Vergangenheit nutzten die Russen diesen Umstand als Einnahmequelle für ihre von ständigen Geldsorgen geplagte Raumfahrt: Sie vermieteten den dritten Platz an europäische oder US-Astronauten - und auch schon einmal an einen japanischen Journalisten.

Doch das russische Ansinnen, einen Touristen zur ISS zu fliegen, stieß auf heftigen Widerstand der USA. Die Raumstation sei schließlich in der Aufbauphase, ließ die Nasa verlauten, der Aufenthalt dort sei für einen Nicht-Profi zu gefährlich - überdies würde Tito die Astronauten bei ihrer Arbeit stören. Die Russen, die das Geld des Millionärs längst ausgegeben haben, ließen sich davon nicht beeindrucken: Es sei ihr Recht, den Sojus-Platz nach eigenem Ermessen zu besetzen. Überdies habe Tito das übliche Kosmonauten-Training durchlaufen und sei keinesfalls ein unbedarfter Amateur, sondern ein kompetenter Ingenieur - sogar einer mit Raumfahrt-Erfahrung: In den sechziger Jahren berechnete Tito für die Nasa die Flugbahnen der Mariner-Sonden zum Mars und zur Venus. In den vergangenen Wochen verstiegen sich die Amerikaner zu immer neuen Argumenten, um zumindest eine Verschiebung des Touristenflugs um ein halbes Jahr zu erreichen. Schließlich forderte die Nasa, jeder ISS-Besucher müsse zuvor auf der Erde mit der dann anwesenden ISS-Besatzung trainiert haben - dieses Kriterium erfüllen die russischen Kosmonauten ebensowenig wie Tito.

Letztlich scheint es ums Prestige zu gehen - wer hat an Bord der ISS das letzte Wort? Verständlich, dass die Russen nicht klein beigeben. Verständlich auch, dass sie dezent die Frage aufwerfen, ob wohl die Nasa Russland fragen würde, wenn sie wieder einmal einen alternden Senator aus politischen Gründen ins All fliegen lässt. Ganz im Gegensatz zu einem solchen Gefälligkeitsflug auf Kosten des Steuerzahlers ist Titos Reise geradezu die Verkörperung des amerikanischen Traums. Er verwirklicht sich seinen Wunsch, ins All zu fliegen, aus eigener Kraft. Nach seiner Tätigkeit als Raumfahrt-Ingenieur gründete Tito eine Investmentfirma, die inzwischen Klienten mit einem Finanzvolumen von über 500 Milliarden Dollar - darunter den Pensionsfond des öffentlichen Dienstes von Kalifornien - vertritt.

"Als ich begann, mich für den Weltraum zu interessieren, hatte ich noch kein Geld. Ich habe einfach das Glück, es mir heute leisten zu können", sagt der vielfache Millionär. Ein Überschallflug an den Grenzen des Alls mit einer russischen MiG-25, organisiert vom US-Touristik-Unternehmen Space Adventures, brachte Tito endgültig auf den Geschmack: "Als ich die Krümmung der Erde unter mir und den dunklen Himmel über mir sah, da wusste ich, dass ich noch weitergehen will." Über Space Adventures gelang ihm schließlich die Buchung des Flugs zur ISS.

Unverständlich ist, dass die Nasa Titos Flug nicht nutzt, um die Öffentlichkeit für die bemannte Raumfahrt zu begeistern. Noch vor drei Wochen beklagte sich Tommy Holloway, Chef des ISS-Programms, er sei "wirklich enttäuscht - es ist, als würden wir die ägyptischen Pyramiden in der Erdumlaufbahn errichten und keiner schaut zu!" Das wird sich nun wohl - ganz gegen den Willen der Nasa - ändern: Dennis Tito wäre der lebendige Beweis, dass das Weltall jedem offensteht.

Space Adventures nimmt weitere Buchungen gern entgegen.

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