Welt : Rechtsextremismus: Wenn die Schweinwerfer aus sind

Josef-Otto Freudenreich

Rolf Schlierer hat viel studiert. Einmal Medizin, einmal Jura, beides abgeschlossen, und deshalb könnte er als Arzt oder Rechtsanwalt arbeiten. Letzteres tut er nebenher, was dazu führt, dass er auch mal einen türkischen Sexualstraftäter verteidigt. "Das muss", sagt er, "in einem Rechtstaat möglich sein." In der Hauptsache aber ist der 46-Jährige Vorsitzender der Republikaner, jener Truppe von Rechtsradikalen, die von der "FAZ" als das "baden-württembergische Rätsel" und vom Verfassungsschutz als böse braune Buben betrachtet wird.

Doktor Schlierer hat weder ein Bärtchen auf der Oberlippe noch einen Klumpfuß. Wie er da sitzt, neben seinem himmelblauen Plüschlöwen, dem neuen Maskottchen seines 15 000-Mitgliedervereins, könnte er auch als Oberförster auf der Stuttgarter Solitude durchgehen. Tweedjacke, Pulli, randlose Brille. Schlierer ist ein freundlicher Mann, der gerne erzählt. Von seinem Vater, der kein Nazi, sondern Arzt und Nationalliberaler war. Von seiner Mutter, die ihm noch bis vor wenigen Jahren die Wäsche gewaschen hat. Von seiner früheren Freundin, die bei den Grünen und Journalistin war. Mit ihr ging es allerdings nur zwei Jahre gut, weil sie ihn rausholen wollte aus dem angebräunten Umfeld. "Die nächtlichen Diskussionen waren nicht mehr auszuhalten", bekennt Schlierer, "sie hat die Notbremse gezogen". Geblieben ist ihm die Wohnung im Elternhaus am Killesberg, wo er in Verhältnissen wohnt, die er selbst als geordnet bezeichnet. Das ist für ihn so wichtig wie Ehrlichkeit und Sauberkeit - seiner Meinung nach die primären deutschen Tugenden.

Gerüchte vom Ziehvater Schönhuber

Inzwischen ist er verheiratet, mit Christine (30), einer gelernten Betriebswirtin, die ihm vor kurzem eine Tochter geboren hat, was das Streben nach Ordnung in zweifacher Hinsicht erleichtern wird. Zum einen wird sie den Haushalt führen und zum andern wird er keine Probleme mehr mit der Mundhygiene haben. "Ich hatte tagelang keine Zahnpasta, weil ich einfach nicht dazu gekommen bin, welche zu kaufen", berichtete er einst der Fotografin Herlinde Koelbl, die ihn in ihr Buch "Spuren der Macht" neben Schröder, Fischer und Merkel aufgenommen hat. Die blonde Gattin wird jetzt aufpassen. Dass er keine gestreiften Krawatten mehr zum karierten Hemd trägt, seinen Lieblingsautor Ernst Jünger ("Stahlgewitter") wieder liest und keine nervigen Debatten am heimischen Herd hat. Christine ist Parteimitglied. Und mit ihr sind auch endlich die bösen Gerüchte aus der Welt, die ihren Rolf zum Schwulen stempeln wollten. An dieser Legende hat Franz Schönhuber ("Ich war dabei") gestrickt, der Gründer der Republikaner und Ziehvater Schlierers. Beide mögen sich nicht mehr, seitdem der junge Rechtsradikale den alten beerbt hat. Der alte hält den jungen für ein "politisch totes Weichei", der junge den alten für einen "größenwahnsinnigen Egomanen".

Wer ist dieser Schlierer nun wirklich? Die anständigen Demokraten sagen immer, er sei ein "Wolf im Schafspelz", ein als Biedermann getarnter Brandstifter, der seine Feuerchen lege, und dann schnell hinter der Maske des braven Bürgers verschwinde. Der Verfassungsschutz hält ihn für einen Feind der demokratischen Grundordnung, weil er die Ungleichheit der Menschen propagiert.

Begonnen hat Schlierer bei der CDU. Konkreter beim RCDS, den er bald verließ, weil ihn die "Schleimer und Kofferträger" angewidert haben. Bei den Republikanernsah er seinen Wahlspruch am besten aufgehoben: Gott, Freiheit, Ehre, Vaterland.

Ein Burschenschaftler wie er, der scharfe Mensuren schlug, aber selbst nur einen kaum sichtbaren Schmiss trägt, mochte sich auch von Marinerichter a.D. Hans-Karl Filbinger nicht in die Union zurückholen lassen. Zu lasch, zu links, zu wenig Vaterland. Schlierer ist kein Nazi. Dazu ist er zu klug. Außerdem, wer mag sich als Intellektueller mit Hitler, diesem "kleinkarierten Spießer", identifizieren? Doktor Schlierer sagt nur, der Nationalsozialismus habe ein bedenkenswertes Gedankengut gehabt. Die nationale Solidarität etwa, die dem "Selbstverwirklichungswahn" keinen Raum gegeben habe. Guido Westerwelle im Container von "Big Brother" - da schüttelt es so einen wie ihn. Schlierer sagt nur, er wolle sich nicht rechtfertigen müssen, ein Deutscher zu sein, und sich auf Generationen "bei diesen Leuten" entschuldigen müssen. Er wolle kein Holocaust-Denkmal, weil Schluss sein müsse mit der "einseitigen Vergangenheitsbewältigung". Er sagt nicht "Ausländer raus", sondern spricht von "schleichender Landnahme", und davon, dass er nicht "Fremder im eigenen Land" sein wolle. Antisemitismus und Ausländerfeindlichkeit - das ist sein Programm. In Baden-Württemberg sollen bis zu 20 Prozent dafür anfällig sein, behaupten Meinungsforscher.

Auftritt Schlierer in der Festhalle von Rottenburg, der Bischofsstadt am Neckar. Der Matador lobt den örtlichen Rep-Kandidaten, einen Kriminalkommissar, der gegen die "rotgrünen Drogen-Ideologen" wettert. 150 meist ältere Menschen sind im Saal, draußen stehen doppelt so viele mit Kerzen in der Hand. Schlierer verhöhnt sie als "sogenannte Gutmenschen", ihre Mahnwache als "Terror der Unanständigen", vor dem ihn 300 Polizisten beschützen müssen, die sich um die Halle postiert haben.

Drinnen zitiert Schlierer die "FAZ", die geschrieben haben soll, der Deutsche dürfe komischerweise keine rechten Demokraten mehr kennen, nur noch Demokraten oder Extremisten. Müder Beifall.

Nachhilfe von Haiders Werbechef

Da ist noch zu viel Feinsinn in der Rhetorik. Danach steigert sich der Redner, und empört sich über die Türken, denen die "Pässe hinterhergeschmisssen werden", die nur noch "Hürriyet" lesen und im türkischen Gemüseladen schaffen. Mehr Beifall. So nehmen sie ihre Umwelt wahr, die Handwerker, Bauern und Rentner vom Ort, in dem die Republikaner auf fast zehn Prozent kommen. Den Höhepunkt erreicht Schlierer mit Streetfighter Joschka Fischer, den er eines "kapitalen Verbrechens" verdächtigt. "Ich habe gegen Fischer Strafanzeige wegen Hochverrats erstattet", schreit er mit der ganzen Erregung, zu der er fähig ist. Der Jurist ist kein Bierzeltschwindligredner wie Schönhuber, eher ein Mann für den Schreibtisch. Trotzdem viel Beifall. Das liegt auch daran, dass Schlierer optisch unterstützt wird. Hinter ihm, auf einer Videowand, schlägt Fischer auf einen Polizisten ein. Dafür wiederum ist indirekt Jörg Haider verantwortlich. Sein Werbechef Horst Grimm trimmt die Kameraden von gestern auf heute, ersetzt das Braune durch ein freundliches Weißblau, und lässt Schlierer auf Plakaten im Kreise seiner Familie auftreten, die keine ist. Nichte, Neffe und ein rothaariges Model müssen herhalten, um ein Idyll zu suggerieren. "Von Haider lernen", ruft er in die Runde, "heißt siegen lernen."

Am Ende gehen sie frohgemut nach Hause, weil ihr Hoffnungsträger gesagt hat, was andere nicht sagen: ihre einfache Wahrheit. Es ist die Angst vor der Unübersichtlichkeit der Welt, vor den Kopftuchträgerinnen, den Juden, den Drogen, der Russenmafia, dem Euro. Schlierer sei das Sprachrohr der Sprachlosen, sagt einer und kickt die letzten Kerzen auf der Straße weg, die von den Demonstranten zurückgelassen wurden.

Deshalb ist der Rep-Chef, das weichgezeichnete Braungesicht, gefährlich. Er verkörpert das, was Bundestagspräsident Wolfgang Thierse mit dem Satz meint: "Der Rechtsextremismus ist kein Randphänomen, sondern reicht bis in die Mitte unserer Gesellschaft hinein."

In Baden-Württemberg bis ins Parlament. Dort sitzen die Republikaner seit 1992. Vor vier Jahren haben sie 9,1 Prozent bekommen, auch heute, so prophezeien die Demoskopen, werden sie wieder in den Landtag einziehen. Rolf Schlierer drückt sich dort nicht als Geächteter die Gänge entlang. Er fühle sich "menschlich nicht ausgegrenzt", sagt Schlierer, alles andere sei "politische Schauspielerei" und "erbärmliche Heuchelei". Alles andere sind für ihn die Brandreden gegen rechts, die auch in Stuttgart gehalten werden, wenn es opportun erscheint. Wenn CDU-Fraktionschef Günther Oettinger, der einstige junge Wilde, "Schluss mit diesem Spuk" machen will, Schlierer vorwirft, "sich nach vorn demokratisch zu zeigen", und "nach hinten rechtsradikal bis zur Gewaltbereitschaft zu sein".

Die Realität spricht eine andere Sprache - wenn die Scheinwerfer aus sind. Zum Beispiel im Petitionsausschuss. Dort sitzt Günther Fischer, ein aufrechter Sozialdemokrat, und leidet. Meistens hat der Karlsruher Drehermeister mit Flüchtlingen aus dem ehemaligen Jugoslawien zu tun, die bleiben wollen. Wie über ihr Schicksal entschieden wird, weiß er meist im Vorhinein. Abschlägig. Abgeschmettert von der CDU und ihrem "Beiboot" (Fischer), den Republikanern. Da wird nicht lang debattiert, weil die beiden Parteien zusammen die Mehrheit im Ausschuss haben. Beide wollen diese Menschen loshaben, erzählt Fischer, gleichgültig, ob es sich um Folteropfer oder um Familien handelt, bei denen ein Elternteil krank oder behindert ist. Fischers jüdische Großeltern sind in Auschwitz umgekommen, seine Mutter hat sich im KZ Theresienstadt bei Versuchen mit Typhuserregern infiziert und ist zehn Jahre später gestorben. Jetzt muss er mit Republikanern an einem Tisch sitzen. Der 60-Jährige versucht es, als einer der wenigen, mit Distanz und weigert sich, mitzureisen, wenn der Ausschuss in die weite Welt aufbricht. Nach Mexiko etwa, wo die Volksvertreter die Grenze zu den USA und die Todestrakte von Florence besichtigt haben. Er könne die "Umarmungen und Duz-Brüderschaften" nicht ertragen, er könne es nicht mit ansehen, wenn sich die Republikaner an den Todeszellen "aufgeilen", betont er.

Was Fischer umtreibt, ist für Schlierer Normalität. Warum soll das Schulterklopfen verboten sein? Er geht doch auch jeden Tag am Büro seines Sprechers Motzke (der heißt tatsächlich so) vorbei, an dessen Tür ein Bild von Che Guevara hängt, und beschwert sich nicht. Na klar, er sei mit Sozialminister Friedhelm Repnik (CDU) per Du. Man trinke auch gern ein Bier zusammen nach den anstrengenden Sitzungen, in denen ihm mal wieder die "Maske vom Gesicht gerissen" wurde. Selten so gelacht. Schließlich seien sie keine "bösen Raubtiere". Oder hätte sich sonst Gerhard Mayer-Vorfelder von ihnen interessante Lektüre empfehlen lassen, wenn er wieder einmal in einer Traube von Republikanern gestanden hat.

Duzen statt Distanz. Der grüne Fraktionschef Dieter Salomon nennt das "schleichende Akzeptanz", Landtagsvizepräsident Frieder Birzele (SPD) "erschreckende Verbrüderungen". Menschlich wie inhaltlich. Der frühere Innenminister ist der Hauptfeind der Republikaner, ein "rotlackierter Nazi". Dieses Etikett hat er von Franz Schönhuber verpasst bekommen, nachdem er dessen Organisation vom Verfassungsschutz beobachten ließ. Birzele graust vor der "Kumpanei", diesem bewusstlosen Gewöhnungseffekt. Aber nicht nur davor. Die CDU habe sich nie einer "offensiven Auseinandersetzung" mit den Republikanern gestellt, sagt er. Nie getraut, eine klare Grenze zu ziehen, aus Angst, Wähler am rechten Rand zu verlieren. Ist ja auch schwer, wenn, so Birzele, eine "hohe inhaltliche Übereinstimmung besteht". Nie sei er von Ministerpräsident Erwin Teufel in Schutz genommen worden. Selbst dann nicht, als ihm der Republikaner Christian Käs entgegenschleuderte, er habe "mehr Unheil über Deutschland gebracht als der alliierte Bombenterror".

Für Schlierer ist Birzele ein "geistiger Brandstifter". Einer, der nie kapiert hat, dass sie zwar keine "Gutmenschen", aber verfassungstreue Bürger sind. Die Kollegen von der CDU hätten das schon lange begriffen, sagt er und erzählt breit grinsend von den christdemokratischen Landräten, die um ihre Stimmen gebuhlt haben. Von einem Doktor Fritz, der Präsident des Verbands Region Stuttgart werden wollte, und es auch wurde. Mit den Stimmen der Republikaner. Vorher habe der "honorige Mann ohne Berührungsängste" eine normale Zusammenarbeit sowie die gemeinsame Umsetzung von Initiativen versprochen, erzählt Schlierers Stellvertreter im Landtag, Ulrich Deuschle. Bei so viel Nähe nimmt nicht Wunder, dass Schlierer der CDU ein Tolerierungsangebot unterbreitet, wenn sie heute die Mehrheit nicht schafft: "Was gäbe es Schöneres, als einen Ministerpräsidenten von unseren Gnaden?" Und selbstverständlich schwört er Stein und Bein, dass sie es schon 1996 vorexerziert haben, als sechs Republikaner für Teufel gestimmt haben sollen.

Eine Gratwanderung ist es für beide. Die CDU muss ihren Wählern die Glaubwürdigkeitslücke in ihrem wortreich vorgetragenen Kampf gegen Rechts erläutern, die Republikaner ihren Schmusekurs mit der Union. Schwierig für Schlierer. Umstritten ist er schon lange bei all denen, die ihr Heil in einem nationalen Bündnis suchen. Die Neonazis um Udo Voigt und Horst Mahler, der eine Vorsitzender, der andere Chefideologe der NPD, verachten ihn als Verräter. Damit könnte Schlierer leben, wenn er die Braunhemden nicht in den eigenen Reihen hätte.

Brücke zu den Rechtsextremisten

Einer, der in diesem Zusammenhang stets in den Verfassungsschutz-Berichten auftaucht, ist Christian Käs, Schlierers Stellvertreter. Der 40-jährige Rechtsanwalt bildet die Brücke zu den Rechtsextremisten. Er tritt offen mit dem Neonazi Thomas Wulff auf, hält Kontakt zur NPD und spricht aus, was viele Republikaner denken. Nicht etwa in finsteren Hinterzimmern national befreiter Kneipen. Nein, im Hohen Haus der Volksvertreter. Bei ihm ist es kein Versehen, wenn er die Mordversuche rechtsextremer Schläger an zwei Vietnamesen in Mecklenburg-Vorpommern mit der Frage rechtfertigt: "Wie sollen sie sich sonst wehren?" Käs tickt wirklich so.

Was also tun, Taktiker Schlierer? Die Salonvariante des Rechtsradikalismus spielen oder die Glatzen mit ins Boot nehmen, die aus großen Dosen Bier trinken, und von ihm als "Horden der Halbliterklasse" verspottet werden? Lehnt er sich zu sehr an die CDU an, läuft er Gefahr, aufgesogen zu werden - wie in Bayern, wo die CSU die Republikaner marginalisiert hat. Öffnet er sich zu weit nach rechts, hat er das Bundesverfassungsgericht am Hals und kein Geld mehr.

Was prophezeien? Vielleicht so viel: Schlierer wird weiter die Piano-Nummer vorgaukeln, umlagert von Herren in schwarzen Anzügen, die ihm Luft geben und darüber rätseln, warum seine Melodie verfängt, obwohl sie selbst des Rätsels Lösung sind.

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