Welt : Rehkid statt Kalb

Jugendliche wissen kaum etwas über die Natur

Julia Rothenburg

Berlin - Auf einem Holztisch liegen einige Felle ausgebreitet, darüber türmen sich große Geweihe. Auf den ersten Blick sehen sie alle gleich aus. „Welches Geweih gehört zum Rothirsch? Ich will, dass ihr mir das sucht“, sagt eine Betreuerin des Parcours, den Wald- und Naturverbände in der Berliner Domäne Dahlem für Schüler aufgebaut haben. Die Sechstklässler der Grundschule am Königsgraben lassen sich nicht lange bitten. Eilig drängt sich eine Gruppe Zwölfjähriger um die Tische.

Dass solcher Unterricht Spaß machen kann, zeigt dieses Beispiel. Dass er zudem dringend notwendig ist, beweist eine Studie von verschiedenen Verbänden, unter anderem des Deutschen Jagdschutzverbandes. 3000 Schüler zwischen elf und 15 Jahren wurden dafür befragt. Gut schnitten die Jugendlichen nicht ab. So konnte gerade einmal die Hälfte beantworten, in welcher Himmelsrichtung die Sonne aufgeht. Dass das Junge vom Hirsch als Kalb bezeichnet wird, wussten sogar nur sechs Prozent. Unter den restlichen Antworten fanden sich zwischen Baby-Reh und Hirschling noch allerlei andere Wortschöpfungen. 15 Prozent der Befragten glaubten sogar, mit „Kid“ oder „Rehkid“ den richtigen Begriff gefunden zu haben. „Da habe ich gemerkt, die Zeiten haben sich geändert“, sagt Rainer Brämer, der Leiter der Studie. Der Report zeige aber nicht nur, wie wenig Jugendliche über einfache Grundbegriffe der Natur wüssten, sondern auch eine zunehmend verklärende Vorstellung von Wald und Natur als heiler Welt. Besonders schwierig sei daran, dass die Jugendlichen kein wirkliches Verständnis vom Zusammenhang zwischen Nutzen und Schutz des Waldes mehr hätten. Natur sei etwas, was es zu Hegen und Pflegen gelte, die Nutzung jedoch werde als negativ bewertet, sagt Brämer.

In der Studie werden aber auch Versäumnisse der Schulen aufgezeigt: So wussten nur knapp über zehn Prozent die Frage, ob sie im Physik- und Chemieunterricht denn etwas über die Natur gelernt hätten, mit ja zu beantworten. Reine Natur spiele in der Schulerziehung kaum noch eine Rolle – höchstens in Verbindung mit Waldsterben und Klimawandel. Und da werde den Jugendlichen eher „ein schlechtes Gewissen gemacht“, sagt Brämer. Immerhin, die Studie zeigt auch, dass der Drang zur Natur noch immer stark ist. Rund 47 Prozent der Befragten gaben an, dass ihr Lieblingsaufenthalt draußen in der Natur sei, die Stadt verlor mit 35 Prozent. „Die Neugier ist also da“, sagt Brämer. Julia Rothenburg

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