Ägypten : Verwaiste Pyramiden

Ägypten wird Partnerland der ITB 2012 in Berlin. Wie wird sich der Tourismus unter den neuen Bedingungen entwickeln?

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Hoffen auf Kunden. Wer sich in Ägypten das Geld im Tourismus verdienen muss, hat es derzeit schwer. Foto: picture alliance / dpa
Hoffen auf Kunden. Wer sich in Ägypten das Geld im Tourismus verdienen muss, hat es derzeit schwer.Foto: picture alliance / dpa

Der Gegensatz konnte nicht größer sein: Während sich auf dem Tahrir-Platz Demonstranten und Sicherheitskräfte heftige Gefechte lieferten mit bis zu 13 Toten, unterzeichneten 25 Kilometer weiter auf dem Plateau von Gizeh im Angesicht der eigens für diese Veranstaltung illuminierten Pyramiden Tourismusminister Fakhry Abdel Nour und der Geschäftsführer der Messe Berlin, Christian Göke, das Abkommen über Ägypten als Partnerland der kommenden ITB 2012. Selten hat solch ein Ereignis unter dramatischeren Umständen stattgefunden, wenngleich die angereisten Journalisten die Lage nur übers Fernsehen erfuhren. Denn bei der Tour durch Kairo, nach El Gouna und zu den Pyramiden von Dahschur war außer den überall geklebten Wahlplakaten nichts von einer besonderen politischen Situation zu spüren. Überall winkten und grüßten die Menschen die Busse, so als verhießen die 80 Gäste aus Deutschland bessere Zeiten.

Gleichwohl wussten alle Beteiligten, dass die Fernsehbilder von prügelnden Soldaten und die Nachricht von dem in Brand geratenen bedeutenden Archiv „Institut d’Egypte“ in Europa und der Welt Wirkung zeigen würden.

„Wir können die Fernsehbilder vom Tahrir-Platz nicht ignorieren“, sagte Jürgen Büchy , Präsident des Deutschen Reiseverbandes, vor der Unterzeichnung des Vertrages, „der deutsche Tourist ist ein scheues Reh. Wenn er Gefahr wittert, besucht er eben ein

Tourismusminister Fakhry Abdel Nour Foto: Rolf Brockschmidt
Tourismusminister Fakhry Abdel NourFoto: Rolf Brockschmidt

anderes Land. Ich fordere daher die ägyptische Regierung auf, für einen sanften und friedlichen Übergang zu sorgen.“ Auf die Fernsehbilder angesprochen, sagte der liberale Minister Abdel Nour: „Wir gehen über zu einem neuen politischen System. Dieser Übergang bringt schmerzlichere Probleme mit sich, als sie Deutschland bei seiner Vereinigung erlebt hat. Wir werden aber einen demokratischen arabischen Staat aufbauen. Was dieser Tage auf dem Tahrir-Platz geschah und geschieht, sind leider normale Begleiterscheinungen eines politischen Übergangsprozesses. Der Tahrir-Platz ist mit einem Quadratkilometer nicht repräsentativ für die friedliche Atmosphäre, die in ganz Ägypten, selbst schon am anderen Nilufer, herrscht.“

Rund 1,3 Millionen Deutsche hatten 2010 Ägypten besucht, bis Dezember dieses Jahres immerhin noch rund eine Million. Messe-Geschäftsführer Göke wies darauf hin, dass Ägypten mit seiner Marketingkampagne die richtigen Signale setze und 2012 größter Aussteller auf der ITB sein werde.

In dem vorgestellten Werbefilm setzt man auf Altbewährtes wie die Schätze der Pharaonen, Strände und Meer, aber auch auf Shopping und Unterhaltung. Ob die Erholung unter der Sonne Ägyptens in Badehose und Bikini auch kommendes Jahr, nach Bildung einer neuen Regierung, realistisch sei, war die große Frage. „Eine Koalition aus Moslembrüdern und Salafisten ist nach dem gegenwärtigen Stand der Dinge nicht wahrscheinlich“, sagte Minister Abdel Nour, „der Tourismus ist eine Säule der Wirtschaft und trägt zwölf Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Jeder sechste Arbeitnehmer ist im weitesten Sinne im Tourismus beschäftigt.“ Jede Regierung müsse mit dem Tourismus leben. „Sie muss 800 000 jungen Menschen Arbeit geben, sie kann nicht auf Urlauber verzichten“, bekräftigte Minister Abdel Nour. „Malaysia hat als islamisch geprägtes Land 23 Millionen Touristen, davon besuchen 80 Prozent die Strände – kein Problem. Ich kenne kein islamisches Land, das den Tourismus einschränkt, selbst wenn moslemische Parteien an der Regierung beteiligt sind.“

Staatssekretär Hisham Zaazou hatte zuvor in El Gouna auf das Problem der Luftfahrtsteuer hingewiesen. „Für jeden Passagier Richtung Ägypten verlangt die deutsche Regierung 25 Euro, während andere Mittelmeeranrainer nur acht Euro bezahlen. Würde man wie Österreich diese Steuer für uns auf acht Euro senken, würde das unserem Tourismus sehr helfen. Hier könnte Deutschland uns ganz praktisch unterstützen“, sagte Zaazou. Daher begrüßte er es, dass die Airline Germania nun auch vom Flughafen „Magdeburg Cochstedt International“ Flüge nach Hurghada anbiete. Der Airport verzichtet im Winter auf die Gebühren, um dem Ägyptentourismus zu helfen. Das ägyptische Fremdenverkehrsamt ist bemüht, mit entsprechenden Partnern von weiteren deutschen Regionalflughäfen Ferienflüge nach Ägypten anzubieten.

Alle Politiker betonten die hundertprozentige Sicherheit für Touristen. „Seit dem Beginn der Revolution ist nicht ein einziger Tourist zu Schaden gekommen“, sagt Mohamed Gamal, Generaldirektor des Ägyptischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt. Als Tourist am Roten Meer hat man sowieso nichts von der Revolution mitbekommen, erzählen Gäste in El Gouna.

Auf dem Flughafen von Hurghada herrschte bei Ankunft kaum Betrieb, und bei den sehr sehenswerten Pyramiden von Dahschur südlich von Kairo war außer wenigen französischen Individualreisenden niemand zu sehen. Die Händler in El Gouna freuten sich über jeden Gast, verhielten sich höflich und zurückhaltend. Und man mochte kaum um die Preise feilschen, als sie erzählten, dass sie kaum etwas verkaufen. Die Souvenirgeschäfte sind weitgehend leer. 300 000 Menschen haben durch die Revolution ihre Arbeit verloren, meldet die Tourismusabteilung des Unternehmerverbandes. Sie fordert von allen Anbietern der Branche eine einprozentige Solidaritätsabgabe für die notleidenden Angestellten.

„Bitte vergessen Sie uns nicht, wenn Sie nach Hause kommen“, bittet uns der Reiseführer, „erzählen Sie weiter von dem, was Sie erlebt haben. Das bitte ich Sie nicht als Angestellter im Tourismussektor, sondern als Ägypter, der sein Land liebt. Wir brauchen Sie!“

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