Die Stadt : Mythos aus Sand

Timbuktu: sagenumwobene Stadt in der Südsahara, ihr Name ist Legende. Unser Autor hat sie besucht. Eine Reise in die Realität.

Roger Willemsen
Ein Mädchen im Zentrum von Timbuktu.
Ein Mädchen im Zentrum von Timbuktu.Foto: Marcus Kaufhold/Cinetext

Da liegt es, das Land der Sahara mit seinen Schorfschichten in Gelb, Hellrosa, Blutrot, die Siedlungen gepfercht, umzingelt von irgendeiner Natur, die aus den schütteren Wäldern, den dürren Ebenen Gefahren schicken könnte, der Niger breit und mürrisch, in einem opulenten Becken von kleinen Inseln besetzt, briefmarkengroße Felder darauf.

Der Niger, ein Delta aus zahllosen Rinnsalen, Kanälen und Seebecken, wird immer neu zur Demarkationslinie zwischen Schwemmland und roter Wüste. Dann wieder schwindet sein Einfluss, und er trägt das Grün seiner Ufer ein paar Meter weit ins Land. Der Flughafen von Timbuktu wird von fünf Soldaten mit dem Gewehr im Anschlag bewacht. Wir sollen geduckt, zu beiden Seiten militärisch flankiert, das Hauptgebäude erreichen.

Umgeben von einem Ring der Schmerzen ist Timbuktu, einem Ring der Hitze, der Entbehrungen, des Durstes, des Krieges. Fast erloschene Nomaden lagern im Schatten der Lehmziegelwände, auf ärmlichen Märkten reihen sich die Bäuerinnen im Spalier, vor jeder drei Früchte, drei Knollen, ein Bündel Gemüse. Draußen Lumpensammler, frei laufende Kranke und Verwirrte, Kriegsopfer auf selbst gemachten Krücken oder Wägelchen.

Übermüdet straucheln wir in ein vom Frühlicht schmutzig durchspültes Hotelzimmer. Gedanken sind kaum mehr erreichbar. Bloß Auge, tasten wir die gekalkten Wände ab, die Tapeten, den Zimmerschmuck. Da hängt das Bild einer Bambushütte, und ein paar halbnackte Eingeborene kauern davor wie in einem rassistischen Film – eine Momentaufnahme, auf der niemand einen Weg in die Aufmerksamkeit der Welt sucht. Schaut, ein paar stehengebliebene Schwarze. Abgesehen davon gibt es keinen Schmuck.

Timbuktu, diese legendenumwobene Stadt in der Südsahara, gelegen auf dem Punkt, an dem sich Nigerdelta und Sahara berühren, war ein politisch bedeutsames, aufgeklärtes, von Gelehrten bevölkertes Zentrum. Im frühen 12. Jahrhundert gegründet, gab die Stadt, Sitz von Schriftgelehrten und Philosophen, der Islamisierung des Kontinents wesentliche Impulse. Sie war Handelsstation, denn über den Niger wurde das Gold des Kontinents herbeigeschafft, sie war zugleich Verkehrsknotenpunkt: Auch heute noch führen von hier die Karawanenstraßen zu den Oasen nach Norden und neuerdings auch die Fluchtwege der Migranten auf dem Weg nach Europa.

Timbuktu ist Sand, vor allem Sand, alles sinkt in Sand, ist aus Sand gemacht oder nimmt seine Farbe, selbst seinen Geruch an. Der Sand strahlt die Hitze ab, der Sand holt sich die Stadt, zu Sand soll sie werden. Das einzige, dem Verfall offenbar entzogene Objekt ist auf einer Fassade die bronzene Tafel mit der Aufschrift: „Hier lebte der Afrikaforscher Heinrich Barth. Dieses Haus besuchte im Jahre 1956 Präsident Heinrich Lübke.“

Nachdenklich flanieren Glaubensmänner durch die Gassen, Muthala im Mund, das Kaustöckchen, das sich mit seinen antibakteriellen pflanzlichen Inhaltsstoffen in der Dentalhygiene bewährt. In einem Hinterhof sehen wir zu, wie Steinbrocken zerschlagen werden. Das so gewonnene Mehl mischt man als Nahrungszusatz ins Essen für Schwangere. Pissende Männer stehen breitbeinig über dem Fluss oder in den Hängen. Die Bananen verwandeln sich auf dem Rost in etwas, das nach Kastanien schmeckt. Das Kino ist bloß eine unterkühlte Garage mit ein paar Holzbänken und einem U-matic-Projektor. Als die lächerlich animierte Trick-Schlange auf der Leinwand erscheint, springt die Frau vor mir schreiend über zwei Bänke nach hinten. Alle Nachrichten zirkulieren hier schnell. Abends schlendern Männer in den Hof, um uns Geschäfte anzubieten, weil sie gehört haben, dass wir uns nach einem Gegenstand, einem Hotel, einem Verkehrsmittel erkundigt haben. So sitzen sie nacheinander an unserem Tisch: der Verkäufer von silbernen Kreuzen unterschiedlicher Stämme; ein Junge mit Musikkassetten, dem ich am Tag zuvor zwei abkaufte, und der nun seinen Fundus aufgestockt hat; ein Abweichler des lokalen Taxi-Syndikats, der unseren Versuch, privat nach Bobo Dioulasso zu gelangen, als „Betrug“ bezeichnet. Er selbst feilscht um Tarife, die wir beim Syndikat nie bekommen würden, und schwächt seine Verhandlungsposition durch dauerndes Trinken. Bald ist er völlig betrunken und undiplomatisch.

Kaum ist es so weit, steht ein morgenländischer Teppichhändler vom Gebet auf, um uns vor dem verrückten Taxifahrer zu warnen: „Sie sollten das Fahrgeld besser in einen Teppich investieren.“

Der fliegt zwar nicht, lässt sich aber ausrollen. Er wird ausgerollt. Der Nächste, ein Discjockey, hegt keine merkantilen Absichten, wie er bekennt, hat aber „Handelsvertreter“ auf der Visitenkarte stehen. In seinem Gefolge dringen Anbieter von Tuareg-Schmuck, Postkarten, Trockenfrüchten in den Hof, alle deprimiert, weil so wenige Fremde da sind.

Die westliche Trennung von Arbeit und Freizeit gilt hier nicht. Man breitet ein Tuch auf dem Gehweg aus und beugt sich darüber. Alle sind Familienmitglieder, alles sind Familiensachen. Spiele besprechen, Lachen, Tauschen, Touristen-Jagen, es ist alles eins, das Aufzwingen von Konversation, das Perlenfädeln, über dem man sich Geschichten erzählt.

Ich ging zum Niger, kniete nieder und streckte beide Hände ins Wasser, um es getan zu haben. Ein Alter saß abseits in der Hocke. Er schien zu verstehen, nickte und lächelte, und die Frauen, die am Boden Mais über dem Feuer rösteten, winkten mich heran und schenkten mir einen Kolben zur Feier des Augenblicks. Ihre Hütten sind mit Müll bedeckt, damit die Dächer nicht wegfliegen.

Vor einem Kaktus duckte sich in den Unrat ein Pelikan, der sich mit dem Schnabel die Brust putzte, neben ihm fraß die Ziege von einem Pappkarton, musste ihn aber gleich mit vier weiteren Jungtieren teilen. Ein Kind schleuderte einen Ziegenschädel an seinem Horn ins Wasser, und ein Mann in einem tief violetten Bubu erzählt mir mit dem winzigen Silberpfeifchen zwischen den ausgeleierten Lippen von seiner Geliebten und nennt sie „meine Neunte“.

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