ALLE MANN AN BORD : ALLE MANN AN BORD

Jahrzehntelang haben sich Deutsche keinen Deut für Kreuzfahrten interessiert. Zu elitär, zu langweilig, zu spießig, zu teuer, lauteten die Argumente. Seien wir ehrlich: Ein bisschen was von allem traf zu. Doch es galt noch in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als etwas Außergewöhnliches, etwa an Bord der „Europa“ (1982 von Hapag-Lloyd in Dienst gestellt, 1999 durch die aktuelle „Europa“ abgelöst) auf Reisen zu gehen. Traumhafter Service, edelste Küche, gediegenes Bordprogramm. Und sehr formell ging alles zu. Kurze Hosen gab es bestenfalls beim Shuffleboard an Deck zu sehen. Sonst galt als Mindeststandard: Jacket für den Herrn, Kleid oder Kostüm für die Dame. Smoking beziehungsweise Abendrobe zum Dinner – eine Selbstverständlichkeit.

„Stammgäste“ gab es dennoch reichlich: Die vermögende Witwe von der Elbchaussee, das Fabrikantenpaar aus dem Ruhrpott, der Couponschneider mit Silberlocke aus dem Taunus – man kannte sich. Und traf oft Verabredungen für die nächste große Fahrt zu Häfen, die man tatsächlich noch nicht gesehen hatte.

Was hat sich geändert?

Das Phänomen, das seit anderthalb Jahrzehnten dazu beiträgt, das Interesse der Deutschen an Kreuzfahrtschiffen immens zu steigern, hat einen Namen: Aida. Seit das erste „Fun Ship“ mit dem Kussmund am Bug 1996 von der Reederei aus Rostock in See stach, dabei mit allen bis dahin geltenden Konventionen der Kreuzfahrt brach, in schneller Folge neue „Partydampfer“ bauen ließ und das Schiff als solches (mehr oder weniger heimlich) zum Ziel machte, verzeichnet die Kreuzfahrt in Deutschland sagenhafte Wachstumsraten. Ein immer größeres Angebot auch aus Übersee lässt die Preise purzeln, steife Etikette ist (bei den meisten Schiffen) über Bord geworfen. Das macht eine Kreuzfahrt heute weniger elitär, weniger langweilig, weniger teuer. Ob’s auch weniger spießig an Bord zugeht? Nun, das liegt an den Menschen selbst. Gestern wie heute. gws

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