Reise : Arche Noah in Grün

Im Nationalpark Hainich ist Deutschlands größter zusammenhängender Laubwald zu besichtigen

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Ruhe? Wer’s glaubt, wird selig. Zumindest hier ist das Paradies ein Ort voller Leben, alles andere als totenstill. Im Frühling gibt es jeden Morgen aufs Neue ein meisterhaft von der Natur komponiertes Symphoniekonzert. Das frische Grün des Waldes ist die Bühne der Musiker, die man hört, bevor man sie sieht. Sie zwitschern und zirpen, kreischen und krächzen, summen und surren. Manche tanzen einem lieber vor den Augen: 2050 Arten Käfer gibt es hier, mehr als 1000 Sorten Schmetterlinge, 188 Vogelarten, 47 Säugetier-Spezies bis hin zur scheuen Wildkatze. Man steht inmitten einer gigantischen Arche Noah, die indes nicht in Kleinasien, sondern im Herzen Deutschlands gestrandet ist, in einem urwaldartigen Dickicht aus mächtigen Baumveteranen, Totholz, Moosen, Flechten und Pilzen. Wer den Hainich besucht, Deutschlands größten zusammenhängenden Laubwald, merkt schnell: In diesem Nationalpark regiert nicht der Mensch. Sondern die Natur.

160 Quadratkilometer misst der Hainich und liegt zentral in Deutschlands Mitte, in Thüringen, im Dreieck der Städte Eisenach, Mühlhausen und Bad Langensalza. Sein südlicher Teil, der etwa die Hälfte der Fläche ausmacht, ist seit gut zwölf Jahren als Nationalpark besonders geschützt. „Während nebenan im Naturpark noch Holz eingeschlagen wird, greifen wir auf mehr als 90 Prozent der Fläche nicht mehr ein – wir haben andere Aufgaben“, sagt Jens Wilhelm, Revierförster bei der Nationalparkverwaltung. Ungenutzten Wald, der einfach wachsen darf, gibt es kaum noch: Nur auf 0,2 Prozent der Fläche Deutschlands stehen Buchen, die alt werden dürfen. Doch wie man in den Wald hineinruft, so schallt es heraus: Nur weil man hier die Natur Natur sein lässt, ist der Hainich ein nahezu paradiesischer Lebensraum für derart viele Tiere und Pflanzen.

Besuchsrecht hat man als Zweibeiner trotzdem, weil sich der Nationalpark die Umweltbildung auf die Fahnen geschrieben hat – frei nach dem Motto: Man schützt nur, was man kennt. Ob zu Fuß, mit dem Rad oder gezogen von zwei Holzrückepferden mit dem Kremser, einer Mietkutsche: Mehr als 120 Kilometer Wege und Erlebnispfade führen durch das Schutzgebiet und rund herum, ohne jedoch die besonders wertvolle Kernzone zu zerschneiden. Bei der Gründung des Nationalparks Ende 1997 war das noch anders: Damals lag der touristische Wert des Areals bei null. Das Gelände war von der Nationalen Volksarmee und der Roten Armee als Schießplatz genutzt worden – Normalsterbliche hatten wegen der bleihaltigen Luft keinen Zutritt, und nach Abzug der Soldaten mussten erst die zurückgelassenen Munitionsreste geräumt werden.

Die militärische Nutzung hatte allerdings eine gute Seite, wie bei vielen Militärarealen der ehemaligen DDR. „Für die Forstwirtschaft war der Holzeinschlag tabu. Deswegen konnte sich hier in den vergangenen 50 Jahren ein Wald entwickeln, der den in Mitteleuropa längst verschwundenen natürlichen Urwäldern sehr nahekommt“, sagt Jens Wilhelm und führt seine Besucher vom Ausgangspunkt Caulaer Kreuz hinein ins dichte Grün. Das Blätterdach schützt vor dem leichten Nieselregen, süßlich duftet der Waldboden. Im März war hier noch alles bedeckt von Märzenbechern, Buschwindröschen und Lerchensporn, jetzt übernimmt eine markant duftende Pflanze: Bärlauch.

Als grüner Teppich breiten sich die Blätter aus, im Mai schließlich bedeckt ein weißes Blütenmeer den Waldboden – und das auf vielen hundert Hektar. „Wie andere Laucharten wurde früher auch der Bärlauch als Gemüse und Heilpflanze verwendet“, weiß Jens Wilhelm, der nichts dagegen hat, wenn auch die heutigen Besucher des Hainich die frischen Blätter pflücken – jenseits der Nationalpark-Grenze, versteht sich. „Bärlauch soll das Blut reinigen, Krämpfe stillen und den Körper entgiften – so wie der Knoblauch.“ Ähnlich riecht auch der Wald, wenn man ihn dieser Tage entdeckt. Und der markante Duft begleitet einen bis in die Gasthäuser in der Region, in denen Bärlauchsuppe oder Bärlauchrisotto auf der Speisekarte steht.

Jetzt im Frühjahr und im Oktober, wenn sich die Blätter von Buche und Eiche, Esche und Spitzahorn, aber auch von selteneren Baumarten wie Elsbeere und Vogelkirsche bunt verfärben, kommen die meisten Besucher in den Hainich. Doch der Wald hat das ganze Jahr über seine Reize: Im Sommer explodiert das Leben im Totholz, das hier eben nicht weggeräumt wird, sondern langsam vermodert. Die Bäume selbst sind die größte Attraktion: gigantische Veteranen, vom Sturm geworfene Riesen mit tellergroßen Pilzen, den Zunderschwämmen, nach oben strebende Jünglinge – 28 Arten, die um Licht und Nährstoffe konkurrieren.

Doch nicht nur am Boden ist der Hainich ein spannender Lebensraum. Einen für Menschen normalerweise unzugänglichen Bereich, das Blätterdach, erschließt der Baumkronenpfad. Auf einem Steg geht es Stück für Stück, Meter um Meter in die Höhe, mitten hinein in die Wipfel mächtiger Buchen. Dass sich hier Fledermaus und Mittelspecht wohlfühlen, erklären Informationstafeln. Genauso spannend sind jedoch die Insekten, die einen umsurren: Mal ist es ein Maikäfer, der vorbeibrummt, mal besuchen einen große Falter auf der Suche nach Nektar. Im Eintritt ist eine Führung inbegriffen – Ranger des Nationalparks erklären die Besonderheiten des Waldes und weisen dann den Weg zur 40 Meter hohen Aussichtsplattform: Von hier aus blickt man zur Wartburg nach Eisenach, über den Hainich und das fruchtbare Land des Thüringer Beckens.

Zu Tode geliebt wird das Schutzgebiet nicht – was auch damit zusammenhängt, dass viele Touristen mit öffentlichen Verkehrsmitteln anreisen. Der Nationalpark beteiligt sich am Projekt „Fahrtziel Natur“, einer Initiative der Deutschen Bahn und einiger Umweltverbände. Mit dem Programm wollen die Partner beweisen, dass man die schönsten Naturlandschaften Deutschlands ohne Auto entdecken kann. Von Bad Langensalza fährt so auch ein Wanderbus zum Baumkronenpfad und dem angeschlossenen Nationalpark-Infozentrum. Das Umweltticket für die Hin- und Rückfahrt kostet mit neun Euro nur 50 Cent mehr als der reguläre Eintrittspreis. Auf Vorbestellung kutschiert einen zudem ein Rufbus zu Haltestellen rund um den Nationalpark, so dass man von einer Seite des Schutzgebiets zur anderen wandern kann und nicht an seinen Ausgangspunkt zurückkehren muss.

Wer sich nicht selbst in Fahrpläne einarbeiten und Shuttles vorbestellen will: Elf „Hainichland-Gastgeber“ sind zertifizierte Partner des Nationalparks Hainich und des Naturparks Eichsfeld-Hainich- Werratal. „Die Partner kennen sich in der Region gut aus, legen Wert auf lokale Produkte und identifizieren sich mit der Philosophie der Schutzgebiete“, sagt Ulrike Baumann vom Tourismusverband Hainichland. Die Herberge „Alter Bahnhof“ in Heyerode zum Beispiel, gelegen mitten im Wald auf dem Kamm des Hainich unweit der Nationalpark-Grenze, stellt Gästen Fahrräder zur Verfügung, um die Gegend erkunden zu können – an lauen Sommerabenden lockt dann der Biergarten. Thüringer Hausmannskost und selbst gebackene Kuchen gibt es in Kammerforst: In der achten Generation betreibt die Familie Rettelbusch hier ihren Gasthof und das Hotel Rettelbusch. Inzwischen kümmern sie sich auch um eine Dependance direkt am Waldrand, das Hainich-Haus.

Etwas gediegener geht es im Künstlerdorf Hütscheroda zu, im Süden des Hainich, so versteckt gelegen zwischen den Hügeln, dass man es gar nicht so leicht findet. Hier leben nur 69 Einwohner – und ein paar Wildkatzen. Auf einem Lehrpfad kann man viel über die scheuen Samtpfoten erfahren – weil man sie jedoch nur mit viel Glück zu sehen bekommt, entsteht hier nun ein Wildkatzengehege. Nebenan liegt ein imposantes Herrenhaus mit Park. Wo einst die Ritter von Wangenheim residierten, schwingt heute Manuel Spieth das Zepter und umsorgt die Gäste des Hotels und Restaurants mit Rittermahl im Gewölbekeller und Ausfahrt in der Kutsche. Auf der Westseite des Hainich ist Wolfgang Stötzel im Örtchen Mihla eine Fundgrube für Geschichten: Sein „Graues Schloss“ liegt direkt an der Werra, und so machen hier gelegentlich Kanuwanderer Station.

Selbst aus Neuseeland kamen schon Besucher in den Hainich, weil sie den „echten deutschen Wald“ erleben wollten, den sie nur aus Geschichten kannten. Wie ein Märchen klingt auch die Geschichte des Nationalparks: Am Anfang wie fast jedes Schutzgebiet heftig bekämpft, hört man heute fast nur Positives. Trotzdem schlummert der Hainich noch in einer Art Dornröschenschlaf, weil ihn außerhalb Thüringens kaum jemand kennt. Vielleicht ändert sich das bald: Die Unesco prüft, ob der Hainich als Weltnaturerbe anerkannt werden soll. Stimmen die Delegierten zu, die sich im Juni in Bahrain versammeln, dann stünde der kleine Flecken Buchenwald in einer Reihe mit Naturgiganten wie Galapagos und der Serengeti.

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