Chinatagebuch 10 : Hongkong zum Abschied

Die China-Reise unserer Autorin geht zu Ende. Doch es steht noch eine ganz besondere Station auf dem Programm.

Christina Franzisket
Hongkong bei Nacht.
Hongkong bei Nacht.Foto: Christina Franzisket

Grüne Laser zucken über den Nachthimmel. Leuchttafeln und Röhren auf Hochhäusern am anderen Ufer blinken im fröhlichen Rhythmus chinesischer Musik auf und ab. Dreizehn Minuten dauert das Spektakel: Die Lightshow der Skyline von Hongkong. Jeden Abend um acht Uhr kommen zahlreiche Menschen an das Ufer der Halbinsel Kowloon, um gegenüber die Wolkenkratzer von Hongkong Island tanzen zu sehen. Hätte ich geahnt, was mich hier in Hongkong erwartet, hätte ich nicht alle Superlative für Peking und Shanghai aufgebraucht. Jetzt fehlen mir die Worte. Der Wind des Meeres kühlt die aufgeheizte Haut, während wir um Mitternacht den Walk on Fame entlanglaufen. Ich genieße, sauge den fantastischen Anblick des Ufers von Hongkong in mich auf. Manhatten fühlt sich in meinen Erinnerungen plötzlich winzig an.

Immer noch ist Hongkong eher britisch als chinesisch: Linksverkehr, Straßenschilder in englischer Sprache, Kinder in Schuluniform, mit Kniestrümpfen, Röcken und Krawatten.

Aberdeen am Rande Hongkongs.
Aberdeen am Rande Hongkongs.Foto: Christina Franzisket

Wir Langnasen sind hier nichts Besonderes mehr. So wie man uns in China ansah und bestaunte, so schaut man hier durch uns hindurch.

In den Straßenschluchten im Stadtkern von Hongkong Island demonstrieren Einheimische. Sie stehen mit Megaphonen und Schildern vor einer großen Bank und machen ihrem Unmut Luft. In China undenkbar, hier noch geduldet. Bis 2047 bleibt Hongkong Sonderwirtschaftszone und unter eigener Verwaltung. Trotzdem: Die wichtigen Ämter sind bereits jetzt von Parteimitgliedern der kommunistischen Partei Chinas besetzt. Die Pressefreiheit ist nur noch geheuchelt. In den großen Zeitungen Hongkongs ist keine Kritik an der Regierung mehr zu finden. Benachteiligte Minderheiten, wie die religiösen Falun Gong machen mit eigenen Presseerzeugnissen auf sich aufmerksam.

Hongkong ist eine Szenestadt. Überall finden sich lässige Bars und Clubs, reiche Männer in Ferraris mit blonder Schönheit daneben. In den Straßen flanieren Models auf Highheels, shoppen bei Prada und Escada. Weiter draußen, jenseits des dichten Stadtkerns liegt das Fischerdorf Aberdeen. Hier leben Fischer seit Generationen auf Hausbooten. Doch die Moderne hat auch Aberdeen bereits erreicht. Hausboote und Wolkenkratzer bilden hier einen beeindruckenden Kontrast.

Im Kowloon-Park suchen wir Entspannung. Hier leben Flamingos und glückliche Schildkröten, die so schnell wohl nicht auf dem Teller landen. An einem Teich lassen wir uns nieder. Doch wir dürfen uns nicht auf die warmen Steine legen: Ein Wachmann eilt sofort herbei: "No sleeping in the park", sagt er und wedelt mit seinem Zeigefinger. In Hongkong ist man auf Sauberkeit und Etikette besonders bedacht. An öffentlichen Plätzen ist das Rauchen unter Strafe verboten und auch Abfall wegschmeißen kostet bis zu 5000 Hongkong-Dollar.

Unsere Autorin mit einem chinesischen Freund.
Unsere Autorin mit einem chinesischen Freund.Foto: Christina Franzisket

Als wenig später meine Füße an der Repulsebay vom Wasser des Pazifiks umspült werden, denke ich an meine Zeit in China zurück. Ein aufregendes Land, das auf den ersten Blick hochmodern geworden ist und immer noch explosionsartig wächst. Doch wächst die Bevölkerung mit? Ich meine nicht die Zahl des Volkes, sondern ihr Bewusstsein. Ist es überhaupt möglich mit dieser Regierung, die ihr Volk von der Außenwelt, ja gar der Realität abschneidet und ihnen Eigentums-, Freiheits- und sogar Menschenrechte raubt, ein international führendes Land zu werden? Sind die Menschen, die in China leben, glücklich? Ich habe sie getroffen, die "normalen" Chinesen, in Peking, Pingyao und Sanghai. Freundliche Menschen, interessiert, offen. Ich glaube, besonders die junge Generation ist auf der Suche nach Antworten. Sie ist vernetzt durch das Internet, findet Wege sich auszutauschen, schaut genau hin und erkennt ihre Situation. Sie will wissen, was in der Welt und in China passiert.

Wir verlassen Hongkong noch an diesem Abend und kommen zwölf Stunden später in München an. Die Gruppe verabschiedet sich, und alle gehen mit ihren eigenen Erinnerungen an China wieder ihre Wege. Ich mache mich auf nach Berlin, nach Hause.

0 Kommentare

Neuester Kommentar