Reise : Atelier im Birkenwald

1877 gründete Karl Hagemeister die Künstlerkolonie im Havelland. Nun kommen wieder Kreative her

Marlies Gilsa

Die Bäume sind kahl, die Boote liegen verkehrt herum am Ufer, über dem See schwebt eine Dunstglocke: Auf den ersten Blick kann man der Havellandschaft im Winter nicht viel abgewinnen. Es sei denn, man ist Maler wie Olaf Thiede. Den Potsdamer Künstler reizt es gerade in der kalten Jahreszeit, mit Malkasten und Pinsel ins Freie zu ziehen und die Eindrücke am Schwielowsee einzufangen. Huscht da nicht ein zarter Sonnenstrahl zwischen den Bäumen durch und lässt die morastigen Wiesen in freundlichem Gelb erstrahlen? Und wie die Wasserfläche im fahlen Winterlicht schimmert! In heiterem milchigen Weiß hebt sie sich vom Blau des Himmels ab und lässt die Umgebung in vielfältigen Farbnuancen erstrahlen. Am liebsten möchte man sich gleich zum Schwielowsee aufmachen und an den verwaisten Ufern auf den Spuren des Malers wandeln.

Wenn Thiede es versteht, einem mit seinen Pastellen Lust auf die winterliche Seenlandschaft zu machen, dann erst recht mit seinen Sommerbildern. Was gibt es schließlich Schöneres als blühende Obstbäume, Wiesen voller Mohnblumen, grüne Alleen und Dorfkirchen im Fachwerkstil? „Als Landschaftsmaler übt das Havelland auf mich einen ganz besonderen Reiz aus“, erklärt Olaf Thiede, der eigentlich in Potsdam zu Hause, aber regelmäßig am Schwielowsee ist. „Es ist so vielfältig. Auf kleinstem Raum findet man Hügel und Seen, Wälder, Heidelandschaft, Schilfgürtel und Moore, dazwischen Bauwerke aus Barock, Renaissance und anderen Epochen. Die perfekte Mischung.“

Tatsächlich ist die Gegend um den Schwielowsee eine in Jahrhunderten gewachsene Kulturlandschaft. Hier steht die Schinkelkirche von Petzow, dort das Schloss Caputh, die Windmühle von Werder oder die liebenswerte Fischerkirche von Ferch aus der Zeit des Dreißigjährigen Kriegs, die mit ihrer Fachwerkfassade und der bemalten Holzdecke ein besonderes Kleinod ist. Doch wäre das alles nur halb so reizvoll, würde nicht das je nach Tages- und Jahreszeit wechselnde Licht alles immer wieder anders beleuchten.

Schon Fontane schwärmte von der Gegend. „Der Schwielow ist breit, behaglich, sonnig und hat die Gutmütigkeit aller breit angelegten Naturen“, heißt es in seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“. Etwa um dieselbe Zeit entdeckten die Landschaftsmaler die Gegend. Allen voran Karl Hagemeister, der hier 1877 die Havelländische Malerkolonie begründete. Ähnlich wie in Worpswede oder Ahrenshoop zog es ihn und andere Künstler aus den Ateliers hinaus ins Freie – im direkten Kontakt mit der Natur wollten sie sich von den Fesseln des akademischen Kunstbetriebs befreien. „Hier ist es ideal zum Landschaften“, fand der Maler, der 1848 in Werder geboren wurde, an der „Freien Zeichenschule Weimar“ sein Handwerk lernte und nach Wien, Venedig, Brüssel und den Niederlanden gereist war, bevor er um 1878 seine Heimat wiederentdeckte.

„Er lebte hier ganz autark“, weiß die Ortsführerin Rosl Luise Schiffmann. „Er fischte und jagte, und natürlich malte er das Reh, bevor er es aß.“ Anfänglich waren seine Bilder noch ganz dunkel, unter dem Eindruck des Lichts wurden sie immer heller. Fast impressionistisch muten schließlich Seerosen, Birkenhaine und Wasserlandschaften an. Zu Hagemeister gesellte sich zeitweise der Wiener Maler Carl Schuch, der in Ferch eine „Landschaft ohne Nebensächlichkeiten“ vorfand und sich von Motiven wie Bauernhäusern, Wiesen oder Birkenwald inspirieren ließ. Zeitweise kamen auch Kollegen wie Max Liebermann oder Lovis Corinth zu Besuch, außerdem quartierte sich Käthe Kollwitz in einem Anwesen zwischen Caputh und Ferch ein.

Wer will, kann heute auf dem sogenannten Kunstpfad auf den Spuren der Pleinairisten durch Ferch wandeln. Überall weisen Schilder auf die Häuser hin, in denen früher Vertreter der Havelländischen Malerkolonie lebten. Hier das Grundstück von Hans von Stegmann-Stein, dort das von Karl Goebel, ein Stück weiter duckt sich das strohgedeckte Fachwerkhaus von Hans-Otto Gehrke hinter einem von Efeu überwucherten Hügel – eine liebenswerte, hölzerne Brücke verbindet Atelier und „Wildnisgarten“ seines kleinen „Paradieses“ mit dem Seeufer. Nachdem er an der „Berliner Hochschule für die bildenden Künste“ studiert hatte und 1914 nach Ferch kam, wurde es für sechs Jahrzehnte sein Schaffensort.

Inzwischen entsteht in Ferch sogar ein Museum für die Havelländische Malerkolonie. In einem reetgedeckten Haus in der Ortsmitte, einst beliebtes Motiv der Maler – soll es im kommenden Sommer eröffnet werden. Dann wird man die damalige Malerei auch mit der heutigen vergleichen können. Denn nicht nur Olaf Thiede, auch viele andere Künstler zieht es verstärkt an den Schwielowsee. Die international arbeitende Künstlerin Sigrid Müller-Holtz hat beispielsweise 1996 ihr Atelier Pro Arte nach Caputh verlegt, wo so manches „Traumbild“ aus Collagen entstanden ist. Außerdem schöpfen Oda Schielicke, Alfred Schmidt, Christian Heinze oder der Mundmaler Thomas Kahlau aus der Landschaft ihre Inspiration für Pastelle, Aquarelle und Ölgemälde.

„Von einer regelrechten Renaissance der Havelländischen Malerkolonie lässt sich nicht unbedingt sprechen, weil es doch eine ziemliche Fluktuation gibt“, meint Kunsthistorikerin Stefanie Krentz, die für das Konzept des Museums zuständig ist. „Aber sie knüpfen schon an die alte Tradition an.“ Vieles von den „neuen Havelländern“ ist in der „Galerie Alte Metzgerei“ zu sehen, die in einer ehemaligen Fleischerei eingerichtet wurde. Andere Künstler stellen immer wieder im Märkischen Gildehaus in Caputh aus.

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