Camping im Test : Ihr Einsatz, Herr Inspekteur

Auch Camper schätzen Komfort. Stehtoiletten oder Schmutz lassen Profi-Tester nicht durchgehen.

Andre Kalbreier

Wenn Karl Stolze und Rüdiger Dehe ihre Wohnwagen beladen, folgen ihnen bisweilen neidvolle Blicke der Nachbarn. Doch statt eines erholsamen Urlaubs stehen den beiden strapaziöse Wochen bevor. Sie sind zwei von einigen Dutzend Inspekteuren, die während der Reisesaison europaweit ausschwärmen und mehrere tausend Campingplätze auf Qualität prüfen und bewerten. Denn auch Urlauber, die sich abseits von „all inclusive“ und Bettenburgen ihre Route selbst zusammenstellen, wollen bei den Stellplätzen für die Übernachtung – sei es im Zelt, Wohnwagen oder Wohnmobil – auf Komfort nicht verzichten.

„Wir prüfen bis zu drei Plätze am Tag. Da kommt ganz schnell ein Elf- Stunden-Tag zusammen“, sagt Dehe, der seit 1996 für seinen Auftraggeber ADAC von Bonn aus bevorzugt Ziele in Spanien, Frankreich und Italien ansteuert. Der 69-jährige ehemalige Stabsfeldwebel der Bundeswehr, aus deren Ruheständlern sich mehrere Inspekteure rekrutieren, hat in Theorie und Praxis gelernt, Campingplätze korrekt zu bewerten. „Wir brauchen Mitarbeiter, die gelernt haben, sicher aufzutreten“, sagt Johannes Kießling, stellvertretender Chefredakteur des Autoclub-Campingführers, der bis zu 300 Einzelinformation pro Campingplatz aufführt.

Stolze 30 Jahre geballte Berufserfahrung wirft Karl Stolze aus Landsberg in die Waagschale, der für den Campingführer des Deutschen Camping-Clubs (DCC/München) aktiv ist: „Als ehemaliger Campingwart weiß ich genau, wo ich hingucken muss.“ Trotzdem spannt der 66-Jährige, der gerade eine Inspektionsreise in die Westschweiz plant, bewusst seine Frau Erika mit ein: „Sie hat zum Beispiel ein gutes Auge dafür, wenn irgendwo oberflächlich geputzt wird.“ In der Tat müssen sich die Platzbetreiber auf einen umfangreichen Check ihres technischen und touristischen Angebots einstellen. Von der Anzahl der Stromanschlüsse über das Programm für Kinder und die Eignung für Körperbehinderte wird alles genauestens unter die Lupe genommen. Besondere Aufmerksamkeit gilt den Sanitäreinrichtungen.

„Stehtoiletten gehen gar nicht mehr“, sagt Dehe mit Blick auf frühere Gepflogenheiten im Nachbarland Frankreich. Und wer in der bis zu fünf Sterne reichenden Einstufung weit vorn landen will, sollte nicht an der Zahl der Waschkabinen für seine Gäste sparen. Den sorgsam ermittelten Platzstandard samt GPS-Daten findet der interessierte Camper als aussagekräftige Kurzbeschreibung im Campingführer wieder – vorausgesetzt, er hat sich vorher eingehend mit einer Unzahl international gültiger Piktogramme vertraut gemacht.

Bei aller Gründlichkeit sind die unangemeldet zur Platzschau anreisenden Inspekteure „zu 99,5 Prozent“ willkommen. Große Differenzen mit den Betreibern seien selten, sagt Stolze. Versuche der Campingwarte, die Beurteilungen günstig zu beeinflussen, kämen kaum vor. „Geschönte Bewertungen sind auch sinnlos“, erläutert Stolze, „das hauen uns die Camper sofort um die Ohren.“ Der passionierte Camper Dehe trinkt zum Abschlussgespräch schon mal eine Tasse Kaffee, „aber ich übernachte nie auf den Plätzen, die ich gerade bewerte“. Im Durchschnitt alle vier bis fünf Jahre kann ein Campingplatzbetreiber mit dem Wiederholungsbesuch eines Inspekteurs rechnen. Noch nicht erwähnte Campingplätze können sich für die Aufnahme in einen Campingführer bewerben.

Eine pragmatische Sicht auf die Prüfung hat Campingwart Rüdiger Hohleweg, der für seinen Platz am sauerländischen Biggesee die ebenso begehrte wie sparsam verteilte Fünf-Sterne-Wertung vorweisen kann: „Die Nennung im Campingführer ist doch kostenlose Werbung für uns. Aber natürlich freue ich mich auch über diese Einstufung.“ MESSE ESSEN]

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