Reise : Der Prinz von Prag

Der Amerikaner William E. Lobkowicz hat die Paläste der Familie in Tschechien zurückerhalten – und öffnet sie für jedermann

Stefan Quante

32 Grad im Schatten, die Prager Burg quillt über von kurzbehosten Touristen, Prinz Lobkowicz jedoch trägt Sakko und Krawatte. Wir sitzen an einem der schönsten Flecken Prags, dem überdachten Terrassencafé des Lobkowicz-Palastes. Die alten Hirschgeweihe an der Wand und der New Yorker Jazz-Sound aus den Lautsprechern erzeugen einen schönen transkontinentalen Kontrast.

Als William E. Lobkowicz vor 46 Jahren in Boston (Massachusetts) geboren wurde, erschien es mehr als unwahrscheinlich, dass dies alles einmal ihm und seiner Familie gehören würde – eines der feinsten Schlösser Prags, neun weitere böhmische Paläste und Musikalien-, Bücher-, Waffen- und Kunstsammlungen von Weltgeltung mit Gemälden von Veronese, Brueghel, Cranach, Rubens und Canaletto sowie Originalpartituren von Mozart und Beethoven: „Als ich ein kleiner Junge war, dachten die Nachbarsjungs, ich komme aus Polen – wegen meines eigenartigen Familiennamens. Für die war ich nur Bill – aber natürlich kein Prinz.“

So wäre es wahrscheinlich auch nach dem Studium europäischer Geschichte und Musik in Harvard geblieben. Bill Lobkowicz war längst im Immobiliengeschäft gelandet, da sah er im amerikanischen Fernsehen eines Tages diese Menschenmassen in Prag, im Garten der deutschen Botschaft mit dem vertrauten Namen Palais Lobkowicz. Schlagartig habe er gewusst, wo er hingehört. Gut ein Jahr später büffelte er an seinem neuen Wohnort Prag Tschechisch, kämpfte um das Familienvermögen – und gewann fast alles zurück. Das verdankt er guten Anwälten und vor allem der Standhaftigkeit seines Großvaters. Der hatte sich nie mit den Nazis eingelassen und war 1938 nach London emigriert. Erst nahmen sich die Nazis, was die Lobkowicz’ in sechs Jahrhunderten erworben hatten, nach 1949 griffen die Kommunisten zu.

Von sechs der zehn nach der Wende zurückerhaltenen Schlösser muss sich die Familie gleich wieder trennen. Zu traurig ist ihr Zustand, zu aufwendig ihre Erhaltung. Um wenigstens die vier Lobkowicz-Paläste bewahren zu können, entfalten Prinz William und die Seinen umfangreiche geschäftliche Aktivitäten. Die Familie bewirtet internationale Firmen auf ihren Schlössern, veranstaltet Musikfestivals, braut wieder (wie seit 1466) ihr eigenes Bier, baut erfolgreich Wein an (wie seit 1603), betreibt fleißiges Merchandising mit Schmuck, Kunsthandwerk und Souvenirs. Außerdem führt sie ein Reisebüro und ist unermüdlich dabei, originelle und profitable „Events“ zu organisieren – rund 300 pro Jahr.

Die Eintrittsgelder aus den Schlössern bilden einen eher kleinen Anteil seines Einkommens. Und doch nimmt William Lobkowicz seine soziale und kulturelle Verpflichtung ernst. Mit viel Aufwand entstanden Museen, die gleichermaßen Welt- wie Familiengeschichte greifbar machen. Seit dem Frühjahr 2007 sind die „Fürstlichen Sammlungen“ als Dauerausstellung öffentlich zugänglich, denn „Bilder müssen an Wänden hängen, betrachtet werden und nicht in Kisten lagern“, sagt William Lobkowicz.

Damit der Familienbesitz den Besuchern möglichst persönlich nahegebracht wird, hat der ausgebildete Chorsänger Lobkowicz den Audioguide persönlich gesprochen. „Außerdem konnten wir so das Honorar für den Sprecher einsparen.“ Andere Familienmitglieder waren bei Inneneinrichtung und Aufbau der Ausstellungen behilflich – ebenfalls aus Kostengründen und „weil das System Familie am besten funktioniert – besser jedenfalls als GmbHs und Aktiengesellschaften“.

Der familiäre Touch ist es, der diese Ausstellung so bemerkenswert macht. Da erfährt man nebenbei, dass der Ring am kleinen Finger von Erzherzogin Anna von Österreich auf einem Porträt aus dem 16. Jahrhundert heute bei besonderen Gelegenheiten von Prinz Lobkowicz’ Mutter getragen wird – einer Bürgerlichen aus Kentucky. Und über Joseph Franz Maximilian, den siebten Fürst Lobkowicz (1772–1816) hört man, dass er zwar als bedeutender Freund und Förderer Beethovens unsterblich wurde, aber sonst eher wenig zur Mehrung des Familienvermögens beitrug.

Noch familiärer als das Museum auf der Burg ist das Landschloss Nelahozeves (eine knappe halbe Autostunde von Prag entfernt) an der Moldau. Ganz in der Nähe wurde übrigens Antonin Dvorák geboren. Der mit prächtigen Sgrafittos verzierte, dreiflügelige Renaissancepalast zeigt jetzt die Dauerausstellung „Private Räume: Bei einer Adelsfamilie zu Hause“. Bibliothek, Jagdzimmer, Schlafgemächer, Speisesaal oder die Privatkapelle wirken, als hätten ihre Bewohner sie gerade verlassen. Familienporträts hängen über der Schlafstatt der Hausherrin, die stattliche Tafel ist gedeckt, persönliche Fotos stehen auf Tischchen, an der Garderobe baumelt eine speckige Jagdjacke.

An einer Wand sind sechs Gemälde mit Pferden zu sehen. Der sechste Prinz Lobkowicz war einst nach London aufgebrochen, um neue Reittiere zu erwerben, ließ sie gleich malen und brachte noch zwei Londoner Stadtansichten von Canaletto mit, die heute zu dessen berühmtesten Werken zählen.

Dem ausgeprägten Wunsch schöne Momente festzuhalten, ist es auch zu verdanken, dass nicht wenige Wände mit idyllischen Alpenpanoramen oder norditalienischen Seenlandschaften geschmückt sind. An ihren liebsten Reisezielen hatten sich die Lobkowiczens von ortsansässigen Künstlern immer ein paar Souvenirs malen lassen. Und auch die liebsten Hunde waren über die Jahrhunderte erst gemalte und später fotografierte Motive.

Trotz des unverhofft zurückerhaltenen Vermögens betrachtet sich William E. Lobkowicz nicht als reich. Jedenfalls nicht im Vergleich zu seinen Vorfahren, die jahrhundertelang zu den vermögendsten Familien des Landes zählten.

Und wo ist er zu Hause? „Heimat ist da, wo die Familie ist“, sagt der Prinz, dessen Eltern in den USA geblieben sind und dessen drei Kinder jetzt in Prag zur (internationalen) Schule gehen. Nur was seinen kulinarischen Geschmack betrifft, ist er der alten Heimat noch sehr zugetan und zählt nordamerikanische Hotelketten zu seinen favorisierten Orten in Prag. Auf die Frage nach seinem Lieblingsrestaurant nennt er ohne zu zögern das Allegro im Four Seasons Hotel, das einzige tschechische Restaurant mit einem Michelin-Stern: „Wenn ich dort am Abend des Valentinstages mit meiner Frau am Fenstertisch mit Blick auf die Burg sitze, ist das der schönste Ort der Welt für mich.“

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