Deutschland : Effi Briests Schloss in Sachsen Anhalt

Elisabeth von Plotho, Fontanes "Effi", stammte aus Zerben in Sachsen-Anhalt. Das elterliche Schloss ist zu Teilen restauriert, eine Schaukel gibt’s auch.

Hella Kaiser

Effi Briest, so lässt Theodor Fontane seine Leser wissen, wuchs im Herrenhaus von Hohen-Cremmen auf. Ein Gebäude mit Seitenflügel beschreibt der Dichter, idyllisch gelegen in Brandenburg. Doch Hohen-Cremmen gibt es nicht. Der Dichter hat es erfunden. Seine Effi aber existierte. Wenn sie auch nicht aus der Mark Brandenburg war, sondern, wie Fontane dem Schriftsteller Friedrich Spielhagen offenbarte, „aus jenem Teil des Magdeburgischen, der am östlichen Elbufer liegt“. Dort, auf Schloss Zerben bei Parey, wurde Elisabeth von Plotho am 26. Oktober 1853 geboren. Von ihrem Leben, ihrer Liebschaft und dem verhängnisvollen Duell erfuhr Fontane 1889 im Berliner Salon der Verlegerfrau Emma Lessing. Welch ein Stoff für einen Dichter! Der Roman wurde zum Meisterwerk, von Lesern und Kritikern gleichermaßen gelobt. „Ja, Effi! Alle Leute sympathisieren mit ihr …“, staunte Fontane über all die Briefe zu seinem Buch.

Die Leser liebten die Protagonistin Effi wie die Zerbener ihr „Elseken“. Die Adligen von Plotho waren angesehen in der Region. Hinter dem stattlichen Schloss Zerben, mit hübschen Giebelchen und zahlreichen Türmchen, erstreckte sich ein weitläufiger Park, vorn breiteten sich die Elbauen aus. Das Schloss ist kaum wiederzuerkennen, aber die Region hat sich wenig verändert. Platt ist das Jerichower Land nordöstlich der sachsen-anhaltinischen Landeshauptstadt Magdeburg. Der Elbe- Radweg führt hindurch. Heute wie damals sitzen Habichte – wie ausgestopft – auf den Wiesenpfosten, Katzen schleichen durchs Gras, Hähne krähen. Beeindruckende Kirchen stehen noch im kleinsten Dorf und eins der schönsten Bauwerke an der Straße der Romanik: das Kloster Jerichow.

Wenige nur wissen um die Geschichte der Elisabeth von Plotho. Weder Autofahrer noch Radler werden mit Schildern auf das Schloss hingewiesen. Dass es wenigstens zu Teilen gerettet werden konnte, ist ein Glücksfall. „Nach dem Krieg hatte die russische Militäradministration verfügt, alles Schlossähnliche abzureißen“, weiß Marianne Schünecke, ehemalige Bürgermeisterin und Vorsitzende vom „Heimatkreis Effi Briest“. Dem „Beschluss 209“ fiel der besonders prunkvolle Mittelteil des großen Herrenhauses zum Opfer, der rechte Flügel und ein linker Anbau blieben stehen. Zuerst wohnten Russen darin, dann Umsiedler, später zog die LPG ein. Ein Schwesternheim folgte, eine Gaststätte, dann war Schluss.

Marianne Schünecke erfuhr Ende der siebziger Jahre von der Geschichte des Schlosses – und begann nach der Wende für dessen Erhaltung zu kämpfen. Knapp eine halbe Million Euro floss seit 1999 in die Sanierung der nun wieder schmucken, blassgelben Gebäudeteile. Nicht alle in Zerben fanden das gut. „Manche sagten, man solle das Schloss einfach in die Elbe schieben“, sagt die 59-Jährige kopfschüttelnd. Mit Adelsgeschichte hatten die Dörfler nichts am Hut.

Nun steht auch der weitläufige Schlosspark unter Denkmalschutz. Seltene Lederhülsenbäume stehen darin, Eiben und Eichen, deren Früchte die kleine Elisabeth gesammelt hat. Hier versteckte sie sich hinter einer Hecke, wenn wieder einmal der Zietenhusar Armand von Ardenne aus Rathenow, ihr späterer Mann, angeritten kam. „Else, komm, der junge Ardenne spielt Klavier“, rief die Mutter – und Else fügte sich. Obwohl sie viel lieber weiter mit den Dorfbuben gerauft oder Versteck gespielt hätte. Ein Wildfang war sie oder, wie Fontane sie im Roman charakterisierte, „eine Tochter der Luft“.

„Ich klettre lieber, und ich schaukle lieber, und am liebsten in der Furcht, dass es irgendwo reißen oder brechen und ich niederstürzen könnte. Den Kopf wird es ja nicht gleich kosten“, sagt Effi im Roman. Ob Elisabeth wie sie hier geschaukelt hat? Seit kurzem steht ein solches Spielgerät, vom örtlichen Tischler gebaut, im Park. „Manche Leute kommen mit Fontanes Buch in der Hand und wollen sehen, wo die Schaukel von Effi war. Nun können wir sie wieder präsentieren“, freut sich Marianne Schünecke.

Auch eine Sonnenuhr ist seit wenigen Jahren da. Nicht so eine wie in Fontanes Roman, sondern eine riesige Bodensonnenuhr aus einem Kreis von Steinen und einem blanken Metallstab in der Mitte. Der stellvertretende Bürgermeister Volker Zunder vergleicht die Zeit auf seiner Armbanduhr und sagt zufrieden: „Funktioniert.“ So eine Sonnenuhr würde andernorts zu Recht als Kunstobjekt auf dem Lande gepriesen. Hier, ohne Hinweis im Dorf oder am Radweg, wird sie nur zufällig entdeckt.

Still ist es im Dorf. In der Fantasie hört man eine Kutsche kommen auf dem alten gepflasterten Weg, den man vorm Schloss wieder freigelegt hat. Junge Leute steigen aus, die hübsche, fröhliche Baronesse immer im Mittelpunkt. Vielleicht sind sie gerade aus Pennigsdorf zurückgekehrt. Da stand das Jagdschloss der Familie von Plotho. „Die dort lebende Försterfrau hat ihr Kuchen gebacken, Elisabeth liebte das“, weiß Marianne Schünecke aus handschriftlichen Aufzeichnungen der Frau von Ardenne.

Pennigsdorf ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Sperrgebiet, über Jahrzehnte. Wo das Jagdschloss bei Güsen, nur wenige Kilometer von Zerben entfernt, stand, hatten die Nazis eine Munitionsfabrik. Nach dem Krieg nutzten die Russen das Gelände als Tanklager. „720 Tanks waren da“, weiß ein Zerbener genau, denn er habe dort nach der Wende „mit abgeräumt“. Nun sei da nichts mehr, „nur noch Wald“.

Im Roman war Baron Instetten zwanzig Jahre älter als Effi. In Wirklichkeit trennten Armand von Ardenne und Elisabeth von Plotho nur fünf Jahre. Beide Frauen eint, dass sie nicht verliebt waren in ihre Männer. „Ist er der Richtige?“, wird Effi von einer Freundin gefragt, und sie antwortet: „Jeder ist der Richtige. Natürlich muss er von Adel sein und eine Stellung haben und gut aussehen.“ Aber hatte er auch Charme und Esprit? Er war wohl, wie auch seine Arbeiten als Militärschriftsteller zeigten, ein eher nüchterner Charakter. Fontane, der Armand von Ardenne kennengelernt hatte, schrieb seiner Frau im April 1880: „Gott sei Dank bin ich mit dem Zietenhusaren-Aufsatz so gut wie fertig; ich habe das 670 Seiten dicke Buch des Leutnants von Ardenne (Deines Tischnachbarn bei Lessings) durchgelesen und mit einem immer dicker werdenden Kopf Notizen und Auszüge machen müssen.“

Elisabeths Mutter drängte auf die Verbindung. Die Familie war in finanzieller Bedrängnis, und Armand von Ardenne kam aus wohlhabenden Verhältnissen. Am 8. Dezember 1872 wird das Aufgebot bestellt. Stolz schwenkt Marianne Schünecke die Kopie der Urkunde in der Hand. Geheiratet wurde einen knappen Monat später in der Zerbener Dorfkirche. Ein schlichter weißer Bau, „ein kleines, gemütliches Dorfkirchlein“, sagt Pfarrer Lothar Mauer. Über dem Eingang prangt das Wappen der Edlen von Plotho, ein wenig verblasst und leicht bröckelig zwar, doch noch gut zu erkennen. Im Inneren, an der Stirnseite hängt ein dunkelbraunes Holzkreuz an der Wand, der Altar ist schon lange nicht mehr da. Sechs, sieben Reihen hellblau gestrichener Bänke stehen im Raum. Alle drei Wochen gibt es hier sonntags einen Gottesdienst. Nicht mal ein Dutzend Gläubige finden sich dazu ein, „aber die halten mit warmer Kleidung auch im Winter durch“, sagt der Pfarrer. Geheizt wird hier nicht.

Zum Tanzen ging die lebenslustige Elisabeth „Zum Krug“ in Zerben. So steht es jedenfalls bei Horst Budjuhn, der unter dem Titel „Fontane nannte sie Effi Briest“ das Leben der Elisabeth von Ardenne nacherzählt hat. Doch in Zerben gibt es kein Gasthaus mehr. „Vielleicht hieß der Gasthof Liebe früher Krug“, überlegt Marianne Schünecke. Aber auch der ist ja schon lange geschlossen. Auch in Genthin soll Elisabeth gern getanzt haben. Vielleicht im späteren Schützenhaus, was seit langem leer steht und bald einen Möbelmarkt beherbergen soll.

Niemand hat sich bisher bemüht, Licht ins Dunkel zu bringen. Im Kreismuseum findet sich kein Hinweis auf Elisabeth von Plotho. Aber zwischen all den Säbeln, Schwertern und antiken Schusswaffen im Depot gibt es eine Schatulle mit einem Paar sorgfältig polierter, schön ge arbeiteter Jagdwaffen. „Gefertigt 1850/1860“, steht auf der Inventarkarte. „Sie wurden damals eher zum Repräsentieren gekauft“, sagt Museumsleiterin Antonia Beran. Und man nahm sie fürs Duell. „So oder ähnlich wird die Waffe ausgesehen haben, mit der Armand von Ardenne seinen Neben buhler, den Amtsrichter Emil Hartwich, erschossen hat“, vermutet Beran.

Auf dem Friedhof von Zerben stehen die respektablen, marmornen Grabsteine von Elisabeths Eltern. Noch lassen sich die Inschriften entziffern. Weit reicht der Blick von hier übers Land. Irgendwo in der Ferne sind zwei Pferde zu sehen. Ein Schimmelhengst ist nicht darunter. So einen besaß Armand, und Elisabeth durfte ihn einmal ausleihen, um dann beängstigend schnell davonzugaloppieren.

Während Fontane seine Effi jung an gebrochenem Herzen sterben lässt, wird Elisabeth 99 Jahre alt. Begraben ist sie in Stahnsdorf bei Berlin. Marianne Schünecke ist einmal dort gewesen – und war enttäuscht. „Nur so eine kleine Grabplatte“, sagt sie vorwurfsvoll. Und findet, dass die Baronin in Zerben besser aufgehoben wäre. Neben den Grabsteinen der Familie von Plotho sei doch noch Platz. Immer habe Elisabeth, die zuletzt am Bodensee lebte, doch Heimweh nach ihrem Dorf gehabt. Nach den Elbauen, den Wiesen, dem Wald und den alten Eichen im Park.

Bislang stehen die sanierten beiden Schlossteile leer. Die obere Etage ist noch nicht begehbar, Sanitäranlagen sind nicht vorhanden. „560 000 Euro fehlen noch“, sagt Volker Zunder seufzend. Davon wollte man die beiden Teile auch mit einem hölzernen Mittelbau verbinden, um das Schloss „als Ganzes“ zu zeigen. Vermutlich wird es dazu nie kommen. Marianne Schünecke ist den Filmleuten gram, weil sie nicht „am richtigen Ort gedreht“ hätten. Ein bisschen was vom „echten Schloss“ hätten sie doch zeigen können. In Zerben sind Effi und Elisabeth eben ein und dieselbe Person.

Mehr zum Lebensweg von Elisabeth von Plotho auf Seite S 7

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