Emilia-Romagna : Wo sich Türme verneigen

Bologna, Ferrera, Modena oder Ravenna: Immer geht's hoch hinauf in der Emilia-Romagna. Und unten wird geträumt, gelacht und geliebt.

Rüdiger Schaper
Bologna
Ballgefühl vor der Basilika: In Bologna, Hauptstadt der Region Emilia-Romagna, zeigen Geistliche, wie man des Lebens froh werden...Foto: Enit/Picture-alliance/gms

Man sieht es nicht auf den ersten Blick. Auch nicht auf den zweiten. Doch hat man erst einmal das Phänomen erkannt, lässt es sich nicht mehr leugnen: überall Türme. Und die Türme legen sich zur Seite. Nicht dass sie kippten, der Turm von S. Appolinare Nuovo in Ravenna steht seit dem 6. Jahrhundert. Allenfalls bringen diese byzantinischen Wunderwerke, die man in Ravenna auf Schritt und Tritt erlebt, den doch sehr viel jüngeren römisch-katholischen Herrlichkeits- und Herrschaftsanspruch ins Wanken.

Ravenna war tatsächlich einmal Hauptstadt des Weströmischen Reichs, mit Zugang zu den Wasserwegen nach Osten. Dante ist hier begraben, Lord Byron lebte hier im Exil, mit seiner letzten Liebe, der (verheirateten) Gräfin Teresa. Eine Stadt am Rande, die einmal Zentrum war, kulturell und politisch. Die Basilika S. Appolinare Nuovo, einst Palastkirche Theoderichs, birgt eine der größten erhaltenen Mosaikflächen der Antike. Und der mächtigste Bau des byzantinischen Ensembles von Ravenna, das zum Unesco-Weltkulturerbe gehört, die Basilika S. Vitale, war einst Vorbild für die Hagia Sophia in Konstantinopel. Sie lässt in ihrer Mosaikpracht heute noch erahnen, wie das große Gotteshaus am Bosporus aussah, bevor es zur Moschee erklärt und seines Innenlebens entschlagen wurde.

Vergessen wir also Pisa, die „Twin Towers“ von San Gimignano, die ewige Toscana! In deren Schatten steht die im Nordosten Italiens gelegene Provinz Emilia-Romagna zu Unrecht. Pisas schiefe Berühmtheit mit 4,4 Grad Neigung wird ohnehin immer wieder von noch schieferen Kirchtürmen sonstwo auf der Welt bestritten. 88 Meter misst der Campanile des romanischen Doms San Geminiano von Modena – einer dieser aufgeräumten, leicht träumerischen Orte in der Emilia-Romagna, die entdeckt sein wollen, die einen nicht mit durchgestyltem Kulturtourismus erdrücken. Der Torre Ghirlandina, wie der Glockenturm wegen seiner verschlungenen Verzierungen genannt wird, – ja, auch er! – neigt sich sachte dem Betrachter entgegen.

Etwas Schweres, Kraftgesättigtes liegt in den schönen Dingen der Emilia-Romagna, das Essen hat eine Tendenz zur Fettlebe. Die Autos auch. Ferrari, Maserati, Lamborghini, Parmaschinken und – Käse, Lambrusco (doch, kann man hier am Ursprungsort, auf den Agriturismo-Höfen, durchaus trinken!), der Aceto Balsamico Tradizionale di Modena, jener Essig, der wie Motorenöl aussieht, wie eine katholische Messe riecht und nur in speziellen, von einem Sportwagendesigner entworfenen 100-ml-Fläschchen (bis zu 200 Euro) verkauft wird. Aber das gilt nur für den Tradizionale, der so oft mit dem gewöhnlichen Balsamico aus Modena verwechselt wird. Sie träufeln ihn hier auf Omelettes, Erdbeeren, Fleisch und Salat. Ein exklusiver Geschmacksverstärker, in Modena überwacht ein Essigkonsortium die Reinheit der gegorenen Kostbarkeit; jeder Tradizionale besitzt seinen eigenen Stammbaum.

Mitternacht in Ferrara, nach zwei Museen und drei Restaurant- und Weinproben. Aber daran liegt es nicht, dass die massiven Türme des Castello Estense verschwimmen. Es ist die theatralische Beleuchtung, die Aura von Ferrara. Die Festung in der Altstadt, einst Sitz der Herzoge von Este, die dem Dichter Torquato Tasso das Leben und das Herz so schwer machten, jedenfalls in dem Drama von Goethe, die meterdicken, im Scheinwerferlicht ocker-orange oszillierenden Mauern spiegeln sich im Wasser des Festungsgrabens, lösen sich auf in ferne Träume.

Goethe schrieb in der „Italienischen Reise“ einigermaßen schlecht gelaunt und desillusioniert über Ferrara: „Zum ersten Mal überfällt mich eine Art von Unlust in dieser großen und schönen, flachgelegenen, entvölkerten Stadt. Dieselben Straßen belebte sonst ein glänzender Hof, hier wohnte Ariost unzufrieden, Tasso unglücklich, und wir glauben uns zu erbauen, wenn wir diese Stätte besuchen.“ Das Schicksal eines jeden Kultursuchenden: Menschen aus Büchern und Bildern und alte Geschichten mit der Gegenwart verwechseln.

In Ferrara, hoch auf einem der dicken Türme des Kastells, will man sich an die frühen Filme von Michelangelo Antonioni erinnern, der von hier stammt, an die „Chronik einer Liebe“ zum Beispiel. Das ist, wie immer, wenn einen solche Dinge einholen, ebenso albern wie schön. Hinten der berühmte Stadtwall, wo die Liebenden der „Ferrareser Geschichten“ von Giorgio Bassani spazieren gingen und sich in die Büsche schlugen, mangels einer ungestörten Wohnung. Bassanis Erzählungen – nun, sie erzählen von dieser Stadt, ihren Bauwerken, Straßen, von den Menschen, die mit den Steinen zu sprechen scheinen. Und so ist das auch jetzt noch, in den autofreien Einkaufsstraßen um die im Inneren so finstere, verwunschen wirkende gotische Kathedrale. Man geht zu Fuß oder nimmt das Fahrrad. Und wegen des Dunstes, der in der Po-Ebene nicht selten ist, und des nahen Meeres hat Ferrara Nördliches, fast so wie Brügge oder Gent.

Alles Einbildung – aber genau das sagen die großen Ferrareser Künstler auch. Dass man in dieser Stadt von jeher alten Zeiten und verflossenem Ruhm nachhing. Dass die jungen Leute Ferrara verlassen haben, um in Mailand oder Bologna ihr Glück zu machen.

Wieder die Türme. Es ist nicht bloß ein Spleen. Bologna, Industrie- und Universitätsstadt und touristisch unterschätzt, besitzt zwanzig dieser schlanken Ungetüme. Und schief genug sind einige davon auch, wie die Torre Garisenda und Asinelli. Letzterer war mit 95 Metern um das Jahr 1300 das höchste Gebäude Europas. Im Mittelalter kratzten über 100 Türme an den Bologneser Wolken, sie wurden zumeist im 19. Jahrhundert geschleift. Auf alten Darstellungen sieht die Stadt aus wie ein Backstein-Manhattan oder -Schanghai.

Es gibt einen Turm, den man mieten kann. Der Torre Prendiparte in der Via Sant’Alò, 65 Meter hoch, einst Wahrzeichen einer der reichsten und mächtigsten Clans von Bologna, diente später als Gefängnis – und heute als Adresse für Cocktailpartys und Dinners für bis zu zwölf Personen. Schlafplätze sind da für zwei bis vier Gäste. Beliebt sind Buchungen für Hochzeitsnächte.

Matteo Giovanardi, im früheren Leben Großhändler für Küchengeräte und heute Turmbesitzer, lässt sich mit der Renovierung Zeit. 350 Schritte und Tritte bis zur Spitze. Erst Stufen, dann Treppen, am Ende Leitern. Manch ein Stockwerk wirkt noch nicht wieder begehbar, man hält sich lieber am Rand. Der Blick über die Dächer von Bologna – was soll man sagen? Majestätisch? Magisch? Ach was, die Zeit ist zu kurz. Fünfzig Meter tiefer zündet Matteo Giovanardi Kerzen an, trägt Essen auf und öffnet Rotweinflaschen.

0 Kommentare

Neuester Kommentar