Blattgold in Schwabach : Hauchdünn glänzt besser

In Schwabach wurde schon vor 500 Jahren Blattgold hergestellt. Einige Manufakturen existieren noch. Interessierte können Sie besuchen.

Ulrich Traub
Meister seines Fachs. Goldschläger Herbert Vestner zeigt sein Können in der Schauwerkstatt des Museums. Foto: Picture-Alliance/dpa
Meister seines Fachs. Goldschläger Herbert Vestner zeigt sein Können in der Schauwerkstatt des Museums. Foto: Picture-Alliance/dpaFoto: picture-alliance/ dpa

Was die können, das können wir doch schon lange. Das müssen sich die Schwabacher gedacht haben, als sie sich gleich zwei goldene Dachl zulegten – was in der fränkischen Stadt ungleich mehr Berechtigung hat als in Innsbruck. Schließlich ist Schwabach das weltweit bekannte Zentrum der Blattgoldherstellung.

Eigentlich muss man sich darüber wundern, dass die beiden Dächer des Schwabacher Rathauses aus der Renaissance erst 2001 ihre Goldauflage erhielten. „Blattgold wird bei uns schon seit über 500 Jahren geschlagen“, weiß Herbert Vestner. Der Ruheständler war selbst lange Jahre als Goldschläger tätig. Heute liegt sein „Arbeitsplatz“ im Museum. In der komplett eingerichteten Schauwerkstatt erzählt er kurzweilig vom mittlerweile fast ausgestorbenen Handwerk des Blattgoldschlagens und demonstriert die entscheidenden Schritte.

Mit sechs unterschiedlich schweren Hämmern schlägt Vestner auf ein kleines Lederpäckchen, in dem das dünn gewalzte Blattgold liegt. Der Hammer wechselt von der einen Hand in die andere, so dass die Belastung gleich verteilt ist, während Vestner mit der freien Hand das Päckchen mit den Goldblättchen dreht und wendet. „Genau 6836 Schläge sind nötig, um das Gold so dünn wie möglich zu bekommen.“ Das heißt maximal bis zu einem zwölftausendstel Millimeter dünn, wofür man etwa sechs Stunden braucht. „Das Schlagen wird heute fast ausschließlich von Maschinen ausgeführt“, erklärt Vestner. „Aber alle anderen Arbeitsvorgänge der Blattgoldproduktion haben sich über die Jahrhunderte kaum verändert“, so der frühere Goldschläger, dessen Beruf übrigens beim legendären „Was bin ich“-Quiz unerraten geblieben ist.

Foto: IMAGO

Das angekaufte Gold wird zunächst mit diversen Zusatzstoffen wie etwa Kupfer oder Platin angereichert, um später unterschiedliche Färbungen zu erzielen. Herbert Vestner hat in seinem Betrieb 96 verschiedene Blattgoldtöne produziert. Alle mussten anders bearbeitet werden. Nach dem Schmelzen wird das Gold in Barren gegossen und darauf zu einem Band gewalzt, das in kleine Quadrate geschnitten wird, die zwischen speziell beschichtetem Papier eingelegt mit den Hämmern bearbeitet werden können. Vor allem beim Hantieren mit der Holzzange zeigt Vestner, wie viel Vorsicht und Geschick vonnöten sind, um die filigranen Goldblättchen nicht zu beschädigen. „Zum Schluss werden sie in 80 mal 80 Millimeter kleine Quadrate geschnitten und dann in die ganze Welt verschickt“, erläutert der Schwabacher stolz. Er selbst habe zum Beispiel Gold geschlagen, das heute noch die Kuppel des Pariser Invalidendoms schmücke. „14 Kilo mussten dafür geschmolzen werden“, erinnert sich Vestner.

Heute arbeiten noch 140 Angestellte in fünf Schwabacher Blattgold-Betrieben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts, der Hochzeit des Schwabacher Goldschläger-Handwerks, waren bis zu 1200 Menschen in den Werkstätten beschäftigt. „Die Blattgoldschlägerei war eines der ersten Gewerbe, die nach 1945 wieder Arbeit anboten. Es gab jede Menge Aufträge aus dem Ausland“, erinnert sich der Schwabacher. Billigeres Blattgold aus Fernost habe aber in den letzten Jahrzehnten die Absatzchancen zunehmend erschwert.

Vor diesem Hintergrund sind die goldenen Dächer des Schwabacher Rathauses auch als Symbol für ein uraltes Handwerk zu betrachten, das in seinen Anfängen nur in Klöstern ausgeübt wurde. Dass das Interesse an der Kunst des Blattgoldschlagens jedoch groß ist, zeigt der Zuspruch zu den Führungen von Herbert Vestner.

In der Stadt selber bemüht man sich, das edle Material als goldenen Faden der eigenen Geschichte sichtbar zu machen. Beim Besuch der Stadtkirche kann man einen Hauptverwendungszweck von Blattgold entdecken: die sakrale Kunst. Die vielen Figuren des imposanten Hochaltars sind vergoldet. An einer Mauer des Gotteshauses steht eine lebensgroße, vergoldete Madonna mit Handy: ein Ergebnis der alle zwei Jahre ausgerichteten Kunstschau zum Thema Gold.

Auch in den Auslagen der Geschäfte und auf dem Weihnachtsmarkt auf dem heimeligen Königsplatz der Fachwerkstadt spielt Gold eine tragende Rolle. Hier wird etwa Schwabacher Goldwasser angeboten und an den Ständen lässt man sich Glühwein mit einer Blattgoldauflage schmecken. In einem stillen Winkel der Altstadt kann man noch einmal einen Blick in eine Schauwerkstatt werfen. Hinter einer Glasfront sind Maschinen und Werkzeuge zur Blattgoldherstellung aus dem frühen 19. Jahrhundert zu sehen: Denkmal für ein seltenes Handwerk.

Am Königsplatz mit seinen schmucken Fassaden liegt der historische Gasthof „Goldener Stern“. Hier empfängt Dieter Trutschel seine Gäste auch in der Goldschlägerstube, die mit goldglänzendem Dekor, Werkzeugen und Fotos an das alte Handwerk erinnert. „Schon als Junge habe ich den Blattgoldschlägern gerne bei der Arbeit zugesehen“, erinnert sich der Schwabacher. Klar, dass er Blattgold in seiner Küche verwenden wollte. Aber eine Enttäuschung hält er auch bereit. Es sei ein reiner Eyecatcher, wie Trutschel es ausdrückt, denn den Geschmack verändere Blattgold nämlich nicht.

Wie schrieb doch Goethe einst, der übrigens auch Schwabach besuchte: „Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles!“. Zumindest in dem fränkischen Städtchen.

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ANREISE

Die Fahrt mit der Bahn

(ICE und RB) vom Berliner Hauptbahnhof dauert

4:49 Stunden.

BLATTGOLDSCHLAGEN

Demonstrationen finden im Museum statt (nach Voranmeldung unter der Telefonnummer 09122 / 833933), am

Wochenende auch in der Schauwerkstatt in der

Altstadt. Führungen zum Thema Blattgold können im Tourismusbüro (s. u.) gebucht werden.

ÜBERNACHTEN

Hotel Centro, Südliche Mauerstraße 9, Schwabach, Telefonnummer: 09 122 / 8732 00, Internet: www.hotelcentroschwabach.de, zentral

gelegen an der Altstadt, Doppelzimmer ab 88 Euro, Wochenendarrangements.

ESSEN GEHEN
Restaurant „Goldener Stern“ und Gasthof

„Weißes Lamm“

(hier nächtigte Goethe).

AUSKUNFT

Tourismus-Büro Schwabach, Telefonnummer: 09122 / 86 02 41, www.schwabach.de

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