Cuxhaven : Meer auf Schritt und Tritt

Das Seebad wird 200 Jahre alt. So viel gibt es dort zu entdecken, dass man kaum Muße für den Strandkorb hat.

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Gute Aussicht am Grünstrand. Wer hier verweilt, blickt in die Grimmershörnbucht. Unübersehbar: die Kugelbake, Wahrzeichen der Stadt.
Gute Aussicht am Grünstrand. Wer hier verweilt, blickt in die Grimmershörnbucht. Unübersehbar: die Kugelbake, Wahrzeichen der...Foto: mauritius images / Torsten Krüger


Philosophen grübeln über Gott und die Welt. Mitunter stellen sie naheliegende Fragen. Georg Christoph Lichtenberg beispielsweise fragte vor über zweihundert Jahren, 1792: „Warum hat Deutschland noch kein großes öffentliches Seebad?“ Vier Jahre später richteten die Doberaner eins ein, dann folgten Dangast und Norderney.

In Cuxhaven brauchten sie ein bisschen länger. Erst 1816 wurde ihr Seebad eröffnet – und die ersten Urlauber konnten sich auf Karren ins Meer schieben lassen. Und weil es zusätzlich ein Warm-Badehaus und ein Bassin-Bad im Hafen gab, war das Interesse der Besucher enorm. Wer an der See gesund werden wollte, kurte in Cuxhaven.

Inzwischen hat sich der Ort zum größten Seebad an der Nordsee entwickelt. Rund drei Millionen Übernachtungen werden gezählt. Die meisten Urlauber kommen natürlich in der Hochsaison. Aber auch dann haben sie noch Platz. Zehn Kilometer Strand, da muss man nicht Decke an Decke liegen. Und Strandkörbe stehen nicht nur auf Sand in den Ortsteilen Duhnen und Döse. Auch auf den Wiesen am sogenannten Grünstrand sind welche zu mieten, gern mit Blick auf die Grimmershörnbucht.

Allerdings ist Cuxhaven viel zu spannend, um nur herumzusitzen. Was tun die Menschen hier zu jeder Jahreszeit und bei jedem Wetter? Sie gehen, promenieren, walken. Vier Kilometer lang ist die Strandpromenade, aber nur Cuxhaven-Anfänger nutzen sie. Einheimische und Kenner marschieren parallel dazu – durchs Watt. Einsinken kann man auf dem überraschend festen Untergrund nicht, nur an wenigen Stellen warnen Schilder vor „Schlickfeldern“.

Zu spät laufen die Selbstüberschätzer ins Watt

Sogar mitten durchs Wattenmeer (seit 2009 Unesco-Naturerbe) kann man laufen – bis zum neun Kilometer entfernten Inselchen Neuwerk, das übrigens zu Hamburg gehört. Zurück nach Cuxhaven fahren dann Schiffe. Denn zu Fuß hin und her in einem Rutsch, das schafft kein normaler Mensch.

Immer wieder gibt es Leute, die es trotzdem versuchen oder einfach zu spät loslaufen. „Selbstüberschätzer“ nennt sie Bürgermeister Ulrich Getsch. Denn sie werden dann von der Flut überrascht. Damit sie nicht in den Fluten untergehen, wurden entlang der markierten Strecke Rettungsbaken aufgestellt. Sie sehen aus wie Bienenkörbe auf Stelzen. Wer also noch unterwegs ist, wenn das Wasser steigt, kann hineinklettern. Rund 100 Einsätze hatte die Rettungswacht im vergangenen Jahr, erzählt Getsch. Passieren kann den Menschen nichts. Aber es dürfte ein ekliges Gefühl sein, wenn einem das Wasser bis zu den Fußsohlen steigt.

Wie das funktioniert mit Ebbe und Flut und warum das Wattenmeer so wertvoll ist, wird im Besucherzentrum in Sahlenburg detailliert erklärt. Nicht nur im Watt kriecht und krabbelt es unentwegt, auch am Himmel ist immer was los. Millionen Vögel leben hier oder machen Station auf der Weiterreise – auch der winzige Knutt, der hier binnen dreier Herbstwochen sein Gewicht verdoppelt. Auf Knopfdruck kann man den Vogelstimmen lauschen – und fasst es nicht. Der große stolze Seeadler bekommt gerade mal ein lächerliches Piepen heraus.

Um die Natur muss einem hier nicht bange sein, sie weiß sich zu helfen. So hätten eingeschleppte Pazifische Austern den Bestand der Miesmuscheln zunehmend bedroht, erzählt Martin Adamski, Leiter des Besucherzentrums. Zu Tausenden überwucherten sie die Miesmuschelbänke, doch die einheimische Kreatur wehrte sich. „Nun setzt sich die Miesmuschel auf die Auster drauf“, sagt Adamski, und langsam, aber sicher erholten sich die Bestände. Pech für die Auster.

Das Geheime Kinder-Spiel-Buch (1924) des Malers und Dichters Joachim Ringelnatz.
Das Geheime Kinder-Spiel-Buch (1924) des Malers und Dichters Joachim Ringelnatz.Foto: Caroline Seidel/dpa

Am östlichen Ende der Promenade, am markanten Seezeichen Kugelbake, vermischt sich die Elbe mit der Nordsee. Wer hier steht, glaubt fast, die vorbeigleitenden Schiffe anfassen zu können. Wie nah sie sind! Rund 80.000 Containerschiffe nutzen jährlich diese Route. Gerade nähert sich die gigantisch anmutende „Cap San Marco“ – 333 Meter lang.

Von der Kugelbake ist es nicht weit bis zu den Häfen. Es gibt den Fährhafen, den Alten Hafen, den Alten und Neuen Fischereihafen und den Amerika-Hafen. Das Beste: „Sie können überall einfach durchfahren“, erzählt Stadtführer Peter Monte. Und an der „Fischmeile“ stoppen, um einzukehren. Peter Monte favorisiert „Luisas Fisch Treff“. Luisa ist eine der 2700 Portugiesen, die in Cuxhaven leben. „Wir haben nach Hamburg die größte portugiesische Kolonie“, erzählt Monte begeistert. Portugiesen wüssten aus Fisch und Meeresfrüchten Köstliches zu machen.

Die Bürger greifen der verschuldeten Stadt unter die Arme

Der Rückgang der Fischindustrie hat auch Cuxhaven getroffen, aber immer noch gibt es rund 30 Fischverarbeitungsbetriebe in der Stadt. Rund 1000 Menschen sind dort beschäftigt. Und nun kommt Siemens. Das Unternehmen will in Cuxhaven Offshore-Windturbinen bauen. Bis zu 1000 Arbeitsplätze sollen entstehen.

Es gibt wenige Gründe, nach Amerika auszuwandern wie noch im 19. Jahrhundert. 1889 nahm Hapag, damals die größte Reederei der Welt, den Überseeverkehr auf. Hier startete sie die „Hamburg-Amerika-Linie“. Passagiere erster und zweiter Klasse durften im imposanten Kuppelsaal warten, über dessen Eingangsportal das traditionelle Hanseaten-Motto prangte: „Mein Feld ist die Welt“.

In Cuxhaven, so scheint's, stecken sie Rückschläge weg. Die hoch verschuldete Stadt kann sowieso nicht helfen. Also packen die Bürger selbst mit an. Ehrenamtliche Kräfte halfen bei der Verschönerung des Parks am Schloss Ritzebüttel, und auch der heruntergekommene Bahnhof wird wohl bald wieder ein Schmuckstück dank privater Spenden. Und das liebevoll eingerichtete Ringelnatz-Museum in der Südersteinstraße, gegenüber vom Schloss, wird auch ehrenamtlich betreut.

Der Dichter und Maler Joachim Ringelnatz war in Cuxhaven als Rekrut der Marine stationiert und wurde 1917 gar zum Leutnant befördert. Er mietete zwei Zimmer in der Villa „Kik in de See“. Im Hafenviertel trieb er sich herum, sah Suff und Elend. „Die Kinder weinen, die Märchen lallen. Die Mutter ist längst unter den Tisch gefallen“, dichtete er als Kuttel Datteldu. Damals gab es auch schon das schmucke Lotsenviertel mit gediegenen Häusern und urigen Lokalen.

Cuxhaven besteht aus rund 20 Ortsteilen. Darunter Altenbruch mit seinen stupsnasigen Putten in der St.-Nicolai-Kirche oder Lüdingworth mit dem wertvollen Flügelaltar in der St.-Jacobi-Kirche. „Müssen Sie sich anschauen“, sagt Peter Monte. Das Auto braucht man dafür nicht. „Mit einem Fahrrad ist es ein Traum, die Gegend hier zu erkunden.“ Beim nächsten Mal, versprochen. Dann nimmt man sich auch die Zeit, einfach mal im Strandkorb zu sitzen.

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