Emsland : Wo sich die Gräser wiegen

3500 Kilometer Radwege gibt’s im Emsland. Wer sie befährt, sieht meist bis zum Horizont. Die Gegend ist flach wie ein Brett.

Nele-Marie Brüdgam
Stille. Auf den Wegen an Hase und Ems können Radler oft nur staunen: An den schönsten Stellen treffen sie keine anderen Menschen.
Stille. Auf den Wegen an Hase und Ems können Radler oft nur staunen: An den schönsten Stellen treffen sie keine anderen Menschen.Foto: J. A. Fischer / TMN

Man könnte es für einen ziemlich gelungenen Scherz halten, das hölzerne Aussichtstürmchen, das da so einsam und verlassen am Ufer der Ems steht. Rundherum Wiesen, Büsche, Bäume, Felder. Weiter nichts. Also, wohin und worauf sollte man da ausblicken, bitte schön? Hahaha!

Man kann sich aber auch freuen über die Gelegenheit, den Blick einmal aus anderer Perspektive über die Landschaft schweifen zu lassen – so wie wir es tun. Also stellen wir unsere Räder an den blitzblank geputzten Ständern ab, steigen die paar Stufen hinauf und finden es toll: Wie der Fluss in sanften Kurven fließt, begleitet von leicht sich im Wind wiegenden Gräsern. Wie weit die Wiesen reichen, wie viele verschiedene Grüntöne auf ihnen zu entdecken sind. Wie tief der Himmel hängt mit seinen großen Wolkenbäuschen, die alles in ein graublaues Licht tauchen.

Und wie wenige Menschen zu sehen sind! Nämlich: nicht einer.

Wer will, kann sechs Wochen lang jeden Tag eine andere Tour unternehmen

Wer wenig für solche sensationsfreien Flachlandszenarien übrig hat, kommt besser gar nicht erst her, denn Landschaftsbilder wie dieses sind typisch für die Region. Doch die Zahl der Anhänger des Emslandes ist erstaunlich hoch. Von Jahr zu Jahr kommen mehr Touristen, weit mehr als 600 000 waren es im vergangenen Jahr, fast doppelt so viele wie 15 Jahre zuvor. Und ein Großteil der Gäste ist, wie wir, mit dem Fahrrad unterwegs. Kein Wunder.

Grafik: Tsp / Pieper-Meyer

Bald nachdem wir das Aussichtstürmchen nahe dem Dorf Rühle südlich von Meppen hinter uns gelassen haben und vom Feld- auf einen Asphaltweg gewechselt sind, warnt ein Schild vor „Wegschäden“. Baumwurzeln haben Risse verursacht, nur wenige Zentimeterchen lang, aber dennoch: sehr ungewöhnlich in dieser Gegend. Denn in der Regel sind die Radwege im Emsland tadellos – und sie sind tatsächlich allgegenwärtig.

Meist verlaufen sie an kaum befahrenen Neben- und Wirtschaftsstraßen, Feldwegen, Pfaden. Natürlich auch an Landstraßen, klar, für die, die es eilig haben. Und selbst innerhalb von Ortschaften müssen Radfahrer nicht auf die Straße wechseln. Ein 3500 Kilometer langes Radwegenetz durchzieht das Emsland. Das bedeutet: Wer denn wollte, könnte sechs Wochen lang jeden Tag eine andere Tour unternehmen.

Hier kann problemlos ohne Taschen unterwegs sein

Wir bleiben nur vier Tage in der Region, beziehen Quartier in der Kreisstadt Meppen, die sich ungefähr auf halber Strecke zwischen Papenburg an der nördlichen Grenze zu Ostfriesland und dem nordrhein-westfälischen Rheine jenseits der südlichen Grenze des Emslandes befindet. Von Meppen aus unternehmen wir Tagesausflüge: Rundtouren- und Streckentouren mit Rückfahrt per Bahn. Wir hatten gedacht, es sei angenehmer, das Gepäck an einem festen Ort zu lassen.

Mittlerweile wissen wir, dass man hier problemlos auch auf längeren Touren ohne Taschen unterwegs sein kann, denn Gepäcktaxis für Radtouristen sind eine Selbstverständlichkeit. Der Service wird nahezu überall angeboten.

Außerdem gibt es öffentliche Busse mit Fahrradanhängern und ein dichtes Netz an Fahrradwerkstätten. Dazu jede Menge auf Radler eingestellte Gastronomie, Hotels und Pensionen – auch im Meppener Parkhotel, in dem wir übernachten, liegen Papiertüten am Frühstücksbüfett bereit, für selbst geschmierte Stullen zum Mitnehmen.

Abschließbare Fahrradgaragen zur Miete sind ebenfalls allenthalben zu finden. Barrierefreie Wege für Handbiker, E-Bike-Ladestationen: Alles da. Sonst noch Wünsche? Uns fallen beim besten Willen keine ein. Für alles ist gesorgt, nur in die Pedale treten muss jeder selbst. Wobei auch das hier leichter fällt als anderswo.

0 Kommentare

Neuester Kommentar