Mecklenburg Vorpommern : Wie einst bei der strengen Mamsell

Vor gut zehn Jahren drehte die ARD „Gutshaus 1900“. Requisiten und Ambiente in Belitz sind geblieben.

Katja Bülow
Wie im Gemälde. Stilvoll flaniert Barbra Werle durch den Gutspark in Belitz. Alle Details ihrer Kleidung sind sorgfältig aufeinander abgestimmt.
Wie im Gemälde. Stilvoll flaniert Barbra Werle durch den Gutspark in Belitz. Alle Details ihrer Kleidung sind sorgfältig...Foto: Katja Bülow

Es gibt keinen Strom, nahezu kein fließendes Wasser und keine Zentralheizung, dafür jedoch warmes Kerzenlicht, zierliche Waschschüsseln und Kachelöfen, in denen an kühlen Tagen das Feuer knistert. Barbra Werle liebt diese Atmosphäre im Gutshaus Belitz bei Rostock. Seit Jahren kommt die Mannheimerin regelmäßig während ihrer Ferien in den Norden, um in aller Gediegenheit in das mecklenburgische Landleben längst vergangener Zeiten einzutauchen.

Ein gutes Jahrzehnt ist es her, seit in dem leuchtend gelben Jugendstilbau die Reality-Doku-Soap „Gutshaus 1900“ der ARD gedreht wurde. Seinerzeit ließ sich eine Familie mit sechs Kindern auf das Abenteuer ein und versuchte, unter der Fuchtel der strengen Mamsell Sarah Wiener, acht Wochen lang genauso zu leben wie die Menschen anno dazumal. Barber Bongardt, die 1992 gemeinsam mit ihrem Mann und den Kindern in das Mecklenburger Parkland kam, um den einstigen Familienbesitz wieder herzurichten und zu bewirtschaften, kaufte nach Ende der Dreharbeiten einen Großteil der Requisiten, ließ alles, wie es war und vermietet seitdem Zimmer an Zeitreisende.

Wer möchte, der bekommt hier eine Kammer unten im Keller, wo er, wie einst die Mägde und Knechte, auf einem Strohsack schläft. Wer es etwas luxuriöser mag, der wählt eines der vornehmen Schlafgemächer im ersten Stock – mit Waschtischchen, eisernem Lockenstab und einem geblümten Pinkelpott unterm Bett. Wobei die Gutsherrin mit einem Augenzwinkern einräumt: „Den muss man nicht benutzen. Hier im Erdgeschoss haben wir mittlerweile auch ein modernes WC eingerichtet.“

Selbst die Dessous schneidert sie nach historischen Mustern

Die 59-jährige Barbra Werle sitzt im Wintergarten des Gutshauses. Sie trägt ein langes graues Kleid mit einer hochgeschlossenen Seidenbluse und blättert in einer leicht vergilbten Ausgabe von „Die Gartenlaube“, jenem „illustrierten Familienblatt“, das im 19. Jahrhundert das Zeitalter der Zeitschriften mit besonders vielen Fotos einläutete. Ihr Interesse gilt dabei vor allem der Kleidung von einst. Denn bei ihren Ausflügen in die Vergangenheit trägt sie historische Kostüme, die sie bis hin zu den Dessous auf einer betagten Nähmaschine originalgetreu nachschneidert.

Nachttopf unterm Bett
Nachttopf unterm BettFoto: Katja Bülow

„Vor vier Jahren habe ich damit angefangen. Vorher konnte ich überhaupt nicht nähen, aber dann hat es mich plötzlich gepackt“, erzählt die Frau, und ihre Augen funkeln dabei durch ihr rundes, goldenes Brillengestell – ein antikes Schätzchen, das sie vom Optiker umarbeiten ließ.

Sechs Kleider mit jeweils genau darauf abgestimmtem Hut, Accessoires und Schnürstiefeln hat sie im Gepäck. Mit ihnen flaniert sie auf den Promenaden an der Ostsee, auf den Märkten der Umgebung und im Gutspark von Belitz. Zwischendurch stickt und liest sie, übt ein wenig auf dem Klavier im Salon oder beobachtet die Ponys und die Schafe draußen vor ihrem Fenster. Sie genießt es, wenn die Ruhe der Abende von keinem Fernseher, keinem Radio gestört wird, das Kerzenlicht bei geöffneten Fenstern leise flackert. Und sie freut sich, wenn sie jeden Morgen den Eimer mit warmem Wasser vor der Zimmertür findet, den sie dann für die Morgentoilette fast feierlich in ihre Waschschüssel gießt.

Familien mit Kindern kommen zum lebendigen Geschichtsunterricht

„Ich würde wirklich gerne mal ins 19. Jahrhundert hineinhupfen, wenn das möglich wäre“, sagt die Frau, die noch bis vor kurzem als Projektleiterin in der IT-Branche arbeitete. Was fasziniert sie so an dieser Epoche? „Das war damals die Zeit des großen Umbruchs vom alten Stil in die Moderne. Es gab überall Neuerungen wie die Eisenbahn und das Auto, das ja übrigens in Mannheim, in meiner Heimat, erfunden wurde.“

Wie sie kommen auch Familien nach Belitz, die ihren Kindern lebendigen Geschichtsunterricht bieten wollen – und dabei immer wieder staunen, wie viel Zeit man für die Bewältigung der ganz alltäglichen Dinge braucht, wenn es keine Zentralheizung und keinen Elektroherd mit Ceranfeld gibt. Das Gutshaus zieht Romantiker, Ruhesuchende und Hochzeitsgesellschaften an, die ihr Festtagsmahl am holzbefeuerten, historischen Herd zubereiten lassen.

Gut Belitz reiht sich damit ein in eine lange Kette individuell geführter Herrenhäuser an der Ostseeküste. Seit der Wende sind in etlichen alten Bauten Golfhotels wie in Teschow und Galerien wie in Plüschow entstanden. In Todendorf bei Teterow hat ein Verein den einstigen Adelssitz in ein japanisches Kulturzentrum verwandelt und wieder andere, wie die Betreiberinnen des Gutshauses Ehmkendorf, bieten Wildkräuterwanderungen samt Kochkursen an. Platz in betagten Gemäuern ist reichlich vorhanden: In Mecklenburg-Vorpommern steht auf jedem zehnten Quadratkilometer ein Schloss oder Gutshaus.

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