Weltvogelpark Walsrode : Ein Tag als Hobby-Tierpfleger

Fische verfüttern, Adler wiegen, Flugschau vorbereiten: Im größten Vogelpark der Welt dürfen Besucher gegen Zahlung eines Obulus mitarbeiten.

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Einfach mal hinhalten. Tierpflegerin Cindy Quade zeigt dem Eintagespraktikanten, wie das geht.
Einfach mal hinhalten. Tierpflegerin Cindy Quade zeigt dem Eintagespraktikanten, wie das geht.Foto: Lerchenmüller

So richtig Hunger haben Pelle und seine Kumpel wohl nicht. Gerade mal sieben oder acht Humboldtpinguine sind in ihrer felsigen Anlage nach vorne gewatschelt und stürzen sich ins Wasser, als die Tierpflegerin die ersten Lodden hineinwirft, ideale Futterfische aus der Familie der Stinte.

Wie elastische Torpedos schießen kleinen Vögel über- und untereinander hin und her und schnappen sich blitzschnell die silbrigen Fischlein – aber dann klettern die ersten schon wieder heraus, anscheinend satt und etwas gelangweilt. Und von den übrigen ist immer noch nichts zu sehen. „Sie brüten schon oder demnächst“, erklärt Cindy Quade den Besucherinnen und Besuchern, „und da verlassen sie ihre Höhlen nur ungern. Denn wenn sie zurückkommen, sitzt vielleicht schon ein Nebenbuhler drin.“

Und so kommt der Eintagespraktikant zu seinem ersten Einsatz – als Lodden-Lieferant: Zusammen mit der Pflegerin steigt er über das Mäuerchen, kauert vor den kleinen Felsüberhängen und schwingt Fische über Schnäbeln, die schnell zuschnappen. Pelle, der einzige mit Namen, schäkert währenddessen auf dem Mäuerchen mit Tierpfleger Tony Hinz, der ihn aufgezogen hat, während Cindy dem Publikum erklärt, dass die Humboldts eine von 18 Pinguinarten seien und man die einzelnen Individuen anhand des Punktemusters auf ihren Brustfedern genau unterscheiden könne.

Der Chef des Parks erinnert an einen Falken

Der Weltvogelpark Walsrode in der Lüneburger Heide ist nach eigenen Angaben der größte seiner Art. Über 4000 Vögel aus über 600 Arten tummeln sich in den Volieren und Tropenhäusern, paddeln über die Teiche und wachsen in den Aufzuchtstationen heran. Wer hier einmal hinter die Kulissen gucken oder in die Rolle eines Hobby-Tierpflegers schlüpfen will, kann das zu einem nicht ganz günstigen Preis gern machen.

Als Nächstes stünden Futterschnipseln und das Training für die Flugshow an, aber da der Chef des Parks heute etwas Zeit erübrigen kann, geht dieses Treffen vor. Geer Scheres ist 58, Holländer und gelernter Grundschullehrer. Mit dem schmalen Gesicht, den wachen Augen und der gebogenen Nase erinnert er selbst ein wenig an einen flinken Falken. Er machte sich international einen Namen als Vogelschützer und Nachzüchter gefährdeter Hokko-Hühner und leitet den Park seit 2009.

Natürlich müsse die Anlage Geld verdienen und sich mit rund 250.000 bis 300.000 Besuchern möglichst selbst tragen, sagt er. Aber viel wichtiger sei ihm, die Welt der Menschen und der Vögel zusammenzubringen. Wenn er die Begeisterung eines Kindes erlebe, dem ein Papagei aus der Hand fresse, sei das der schönste Moment des Tages – und man nimmt es ihm ab.

Stolz zeigt er die Kolibri-Aufzuchtstation, in der drei kolumbianische Tierpfleger sich um den winzigen Nachwuchs kümmern. Ihre Ausbildung ist Teil zoologischer „Entwicklungshilfe“ des Parks. Tierarzt Andreas Frei führt die Zuchtstation der Paradiesvögel vor, deren Name auf einen Irrtum zurückgeht: Da sie im 17., 18. Jahrhundert nur als ausgestopfte Bälge ohne Füße nach Europa gebracht wurden, nahm man an, sie wären „paradiesische“ Wesen, die ihr ganzes Leben im Flug verbrächten, ohne je die Erde zu berühren.

Regungslos steht der Schuhschnabel im Schilf

Vor dem nächsten „Arbeits“-Einsatz bleibt noch Zeit, den Park kurz auf eigene Faust zu erkunden. Vor der historischen Bockwindmühle und dem alten Treppenspeicher blühen Tulpen und sprießt frisches Grün. Dazwischen kräht, piepst, trompetet, flötet, krächzt oder keckert immer irgendetwas, und der Rundgang führt von einem Prachtexemplar von Vogel zum nächsten.

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Regungslos steht der Schuhschnabel im Schilf, ein von jeder Hektik angewiderter, in Ehren ergrauter Herr, der nur das Nötigste an Bewegung vornimmt – eine leichte Drehung des Kopfes hin und wieder.

Auf einem Ast zerlegt die Harpye, die sich im Regenwald gern mal einen Affen aus den Baumkronen krallt, genüsslich eine Ratte – und dreht dem Publikum den Rücken zu, als sie sich nicht mehr länger dabei zusehen lassen will.

In der Flughalle picken Inkaseeschwalben mit weißem Schnurrbart den Besuchern ohne Scheu Mehlwürmer aus der Hand. Und die Namen vieler Gefiederter lesen sich wie ornithologische Lyrik: Sichelvanga, Mohren-Klaffschnabel, Schwarzgesichtlöffler, Versicolorente ... – spätestens jetzt schwant dem Praktikanten, dass auch ein ganzer Tag nicht ausreichen wird, die bunte Vielfalt halbwegs zu erkunden.

Tote Küken für die Greife

Höchste Zeit für die Vorbereitung der Flugschau. Falkner Michael Lenzgen hat schon die Belohnungshappen vorbereitet: einen Obstsalat aus Banane, Trauben und Apfel für Aras und Kakadus, tote Küken und Ratten für die Greife und den „Ibiscocktail“ aus Fleischpellets, Krabben und Hühnerherzen für die Roten Sichler und Waldraben. Rund 60 Vögel werden am Ende der Show durch den Himmel kreisen oder über die Erde trippeln – und alles nur, weil sie wissen, dass leckeres Futter auf sie wartet.

Jetzt muss es zügig gehen und der Eintagespraktikant fasst mit an: Die Gelbhaubenkakadus müssen hinüber an ihre Plätze – Michael zeigt, wie man den Vogel auf der Hand „fixiert“, indem man ihm den Daumen über die Krallen legt. Adler, Falken und der Gaukler, ein afrikanischer Habicht, werden gewogen, ehe man sie zum Einsatzort bringt – die tägliche Kontrolle dient der Gesundheitsüberprüfung.

Der mächtige Condor kommt in seine Kiste und wird mit dem Hubwagen in die Höhe gefahren. Dann eine letzte Besprechung, die Bänke vor der Rasenfläche haben sich schon gefüllt. Musik braust auf, Tierpfleger Marcel Schweiger begrüßt die Gäste – und ein Eintagespraktikant sitzt dabei, hochgespannt und fast ein wenig stolz: Er hat sein Teil dazu beigetragen.

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