Weihnachtszeit : Christmärkte im Elsass

Im 16. Jahrhundert wurde der Weihnachtsbaum amtlich erfasst. Im Elsass. Kein Wunder, dass es dort schönste Christmärkte gibt

Franz-Michael Rohm
In der Kirche von Saint-Georges in Sélestat werden die Weihnachtsbäume an die Decke gehängt. So, wie es bis Mitte des 19. Jahrhunderts Brauch war in der Region. Foto: Ullstein Bild Foto: ullstein bild
In der Kirche von Saint-Georges in Sélestat werden die Weihnachtsbäume an die Decke gehängt. So, wie es bis Mitte des 19....Foto: ullstein bild

„So sahen sie aus, die ersten Weihnachtsbäume, geschmückt mit Äpfeln und Oblaten“, sagt Philippe Rauel. Um die Advents- und Weihnachtszeit zieht der Verwaltungsangestellte, verkleidet als Professor Sappinus, abgeleitet vom Französischen Namen des Tannenbaums, Sapin, durch die Region Mittelelsass und Oberrhein. Auffällig angezogen mit rot-weiß kariertem Hemd, Gärtnerschürze und flachem, breitkrempigem Hut, bringt er den Menschen die Geschichte des Weihnachtsbaumes nahe.

Rauel alias Professor Sappinus kommt aus Sélestat im Mittelelsass und ist sicher, „der Weihnachtsbaum stammt aus dem Elsass“. Die Humanistische Bibliothek von Sélestat besitzt ein Dokument vom 21. Dezember 1521, in dem der Mundschenk des Bürgermeisters darüber berichtet, dass eine Summe Geldes bewilligt wurde, um die „Meyen“ zu schützen. So nannte man Festbäume, die in diesem Dokument erstmals als Weihnachtsschmuck erwähnt wurden.

Ja, er wisse, dass im nicht weit entfernten Freiburg bereits hundert Jahre früher die Bäckerzunft einen plätzchenbehangenen Tannenbaum aufstellte, der am Weihnachtstag von den Kindern geplündert werden durfte. „Wir wollen doch keine Konkurrenz, uns geht es nur um den Weihnachtsbaum.“ Und um Touristen. Darum buhlen viele Fremdenverkehrsämter der Regionen links und rechts des Rheins.

Wir stehen im wunderbar nach Tannen duftenden Raum einer Fachwerkmühle aus dem Jahr 1632 im Ecomusée von Ungersheim. In dem Museumsdorf, eine halbe Autostunde südlich von Sélestat, wurden mehr als siebzig Fachwerkhäuser, Höfe und sogar ein alter Bahnhof originalgetreu wiederaufgebaut. In jedem Jahr von Ende November bis zum 3. Januar bestimmen weihnachtliche Dekoration und zahlreiche Aktivitäten das touristische Angebot des Museumsdorfes.

Da darf der Weihnachtsbaum nicht fehlen. Acht verschiedene Modelle sind dieses Jahr in der Ausstellung „Der Weg der Paradiesbäume“ zu sehen. Das Erste, was bei den Weihnachtsbäumen auffällt: Bis Mitte des 19. Jahrhunderts hingen sie an der Decke. „Was glauben Sie, wie viele Mäuse früher auf einen leckeren Apfel warteten“, erklärt Professor Sappinus.

Seine Forschungen ergaben, dass die Geschichte des Weihnachtsbaums auf alte heidnische Bräuche zurückgeht. Zur Wintersonnenwende schmückten unsere Vorfahren ihre Hütten mit immergrünen Zweigen. Anfang des 16. Jahrhunderts dekorierten die Menschen im Elsass die ersten Rottannen, die in der Region am weitesten verbreiteten Nadelbäume.

Überliefert ist, dass der Weihnachtstag damals Adam und Eva gewidmet war. „Deshalb die Äpfel“, erklärt Rauel. „Als Symbol der Ursünde. Und die Oblaten, also ungeweihte Hostien, galten als Symbol der Erlösung von ebendieser Sünde.“ Noch heute wächst in der Region eine Sorte kleiner, roter Äpfel, die „Christäpfel“ heißen. Dreihundert Jahre später, um 1858, hat eine große Dürre das Elsass heimgesucht, so dass es keine Äpfel gab. „Da entschlossen sich die Glasbläser von Meisenthal, rote Glaskugeln als Ersatz zu nehmen.“ Geht es nach Professor Sappinus, gehört auch die Geburt der Christbaumkugeln in die Region.

Bereits hundert Jahre vor den Glaskugeln kamen papierene Rosen als Baumschmuck in Mode. Ende des 19. Jahrhunderts schließlich verschwanden die Oblaten von den Zweigen, stattdessen wurde mit Plätzchen und Süßigkeiten geschmückt, später kamen Kerzen, Spielsachen und Lametta hinzu.

In der Backstube des Ecomusée werden in der Adventszeit die traditionellen Elsässer Bredele (Plätzchen) und Mannala (Briocheteig-Weihnachtsmännchen) für und mit Groß und Klein gebacken. Auch Pâté de Coing (Quittenpastete) wird eingekocht. Und alljährlich veranstalten die mehr als 150 ehrenamtlichen Helfer des Ecomusée an den Wochenenden zwischen 1. Advent und Anfang Januar ein stimmungsvolles Schauspiel, das auf dem Dorfplatz unter freiem Himmel aufgeführt wird.

In der ganzen Region werden in der Adventszeit Weihnachtsmärkte gehalten. Neben Sélestat lohnt der Besuch des Marktes im malerischen Colmar. Im südlich gelegenen Mulhouse, dem ehemaligen Textilindustriestandort, dekoriert man die Altstadt und den Markt mit wunderschönen Stoffornamenten. Jedes Jahr wird dafür ein neues Muster entworfen, inspiriert von Motiven aus dem Stoffdruckmuseum. Dieses Jahr ist die Place de la Réunion mit Stoffrosetten und -glocken in den Farben Lila, Senf und Rot verziert. Vor dem Portal der eindrucksvollen neugotischen, protestantischen Stephanskirche darf natürlich eines nicht fehlen: ein Prachtstück von einem festlich geschmückten Tannenbaum.

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ANREISE

Nicht die schnellste, doch die bequemste Bahnanreise nach Colmar führt über Basel. Dauer: achteinhalb Stunden, einmal umsteigen. Nach Straßburg geht es zwei Stunden schneller, Umsteigen in Offenburg.

SEHENSWERT
Sélestat ist nicht nur zur Vorweihnachtszeit einen Besuch wert, sondern gilt auch als guter Standort für Reisen im Elsass. Die Internetseite www.ville-se lestat.fr ist nur auf Französisch, da zeigen sich die Nachbarn doch sehr eigen.

Das Ecomusée von Ungersheim ist auch „zwischen den Jahren“ geöffnet. Telefonische Auskunft: 00 33 / 3 / 89 74 44 74, Internet: www.ecomusee-alsace.fr

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