Geschichte : Fjorde der Sehnsucht

Eine Ausstellung zeigt die Geschichte einer touristischen Entdeckung: Den Fjorden in Norwegen.

Joachim Göres

Viele Deutsche sind süchtig. Norwegen lockt immer mehr von ihnen an. Wie ist das zu erklären? Ist es die Ruhe in üppiger Natur oder ist es die unendlich scheinende Küste mit ihren Fjorden, die oft so geheimnisvoll wirken? Im Kieler Schifffahrtsmuseum hat man sich auf die Spur der historischen Hintergründe für die deutsche Norwegenbegeisterung gemacht – die Ergebnisse sind derzeit in einer Ausstellung zu sehen.

„Nordlandreise. Die Geschichte einer touristischen Entdeckung“ will erklären, wie es kam, dass der unwirtliche hohe Norden, den man einst nur durch risikoreiche Schiffspassagen erreichen konnte, mit der Zeit immer stärker in der Gunst der Deutschen stieg. Gemälde voller Dramatik hängen in der Ausstellung, wild ist die See, idyllisch die Landschaft.

Es sind Künstler wie Christian Morgenstern und Louis Gurlitt, die auf Reisen Mitte des 19. Jahrhunderts die Schönheit der ursprünglichen Natur entdecken und die norwegische Fjord- und Bergwelt auf ihren romantischen Gemälden festhalten. Zu dieser Zeit entsprechen weder die Reisewege noch die Unterkünfte in Norwegen dem europäischen Standard – dennoch verdrängt Norwegen bei vielen Künstlern die vormaligen Sehnsuchtsländer Italien und Griechenland. Ab 1847 verkehren erstmals regelmäßig Schiffe zwischen Kiel und Christiania, wie das heutige Oslo damals hieß.

Wichtiger für die Norwegenbegeisterung der wohlhabenden Schicht sind die zahlreichen Sommerreisen von Kaiser Wilhelm II. nach Norwegen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs. Der Kaiser, der von seiner Faszination für die nordische Mythenwelt getrieben wird, liebt vor allem den Sognefjord, jagt auf seinen Schiffsreisen Wale, sammelt riesige Seesterne, Krabben und Fische an den Fjorden und übergibt sie der Wissenschaft. Letztlich wird der Kaiser selber zur touristischen Attraktion – Begüterte nutzen die Chance, auf den seit 1890 stattfindenden Kreuzfahrten entlang der norwegischen Küste den Monarchen persönlich zu treffen. Zahlreiche Fotos der Ausstellung, auf denen Wilhelm II. im Mittelpunkt der ihn bewundernden Masse steht, zeugen von seiner Vorbildfunktion.

Auf Werbeplakaten aus den 20er und 30er Jahren ist zu sehen, wie deutsche Reisende angesprochen wurden: Im Mittelpunkt steht die Fjordlandschaft mit steil aufragenden Bergen und glitzerndem Wasser im Licht der Mitternachtssonne, daneben Motive mit Elch, Eisbär oder Rentier sowie lachende Menschen in bunten Trachten.

„Auch Du kannst jetzt reisen“, war dann der Slogan der Nationalsozialisten, die durch die Organisation „Kraft durch Freude“ Sommerkreuzfahrten organisierten. Allerdings: Unter den Bordgästen war nur ein kleiner Teil Arbeiter, zum „arischen Brudervolk“ gab es während der Touren kaum Kontakte, Landgänge waren nicht vorgesehen. Doch mit 800 000 Seereisenden war das Ganze für das NS-Regime ein großer Erfolg in der Bevölkerung, und die Parteipresse tönte: „Nun sind wir alle Kaiser!“ Die KdF-Reisen nach Norwegen wurden 1939 eingestellt, dafür kamen ein Jahr später deutsche Soldaten, die das Land bis zum Kriegsende besetzten.

Seit 1966 gibt es wieder von Kiel aus einen täglichen Fährverkehr nach Oslo. Die Schiffe der Hurtigruten, die ein Dutzend Häfen zwischen Bergen und Kirkenes entlang der mehr als 2000 Kilometer langen Küste täglich anlaufen, sind beliebt bei deutschen Touristen. „Auf der schönsten Seereise der Welt zum Nordkap“ steht auf dem Sonderumschlag, daneben eine Urkunde mit Datum und Uhrzeit quasi als amtliche Bestätigung für die Überquerung des Polarkreises.

Seit den 70ern kommen alternative Touristen hinzu, die sich mit VW-Bus und Zelt in den Norden aufmachen. Heute beschert der Boom des Outdoor-Tourismus immer mehr Gäste.Joachim Göres

Zu sehen bis zum 31.10. im Schifffahrtsmuseum Kiel, vom 20.11. an in Bremerhaven. Unter dem Ausstellungstitel ist ein Katalog erschienen (Mare Verlag, 29,80 Euro).

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